Die menschlich so niedrigen Kommentare nach den Toten von Ceuta, dem Anschlag auf den CSD und anderen Ereignissen haben in mir einen neuen Text reifen lassen. Es geht um unsere Kinder. Was dächten unsere Kinder, würden sie die menschenverachtende Einstellung ihrer Eltern kennen.
Neu seit Sonntag, 5. September 2026:
"Schneewittchen und die toten Kinder"
Schneewittchen und die toten Kinder
Kinder, auch unsere eigenen Kinder und Enkelkinder, haben noch nicht verlernt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Für unsere Kinder ist das noch ganz einfach: Wer anderen wehtut ist böse, wer andere beschützt ist gut.
So funktionieren die alten Disney-Filme, die die Kinder so gerne gucken. Da haben sie Helden, an deren Seite sie Abenteuer erleben dürfen. Zeichentrick ist nicht echt, das können die Kinder ab einem frühen Alter einordnen. Trotzdem fiebern sie mit. Sie leiden und hoffen mit ihren ehrenhaften aufrechten Helden, Helden wie Peter Pan oder Bagheera, oder sie zittern mit ehrenhaften aufrechten Menschen, denen Böses widerfährt, wie Schneewittchen oder Mogli.
Am Ende obsiegt das Gute, und das wollen die Kinder sehen. Sie wollen, dass das Gute gewinnt und das Böse besiegt wird. Am Ende des Films sind sie glücklich.
In diesen Filmen gibt es auch die Rolle der Mitläufer. Die geifernden hechelnden lechzenden Mitläufer ohne Charakter, ohne Haltung, voller Neid auf die Guten und voller Angst vor den Bösen. Keiner liebt sie und keiner beschützt sie. Sie müssen den Bösen nach dem Munde reden und ihnen zuarbeiten, damit sie überhaupt da sein dürfen. Sie sind irgendwie Opfer, aber bösartige Opfer. Die Kinder sehen willfährige Erfüllungsgehilfen derer, die nach Macht oder Reichtum streben. Diese charakterlosen Kreaturen sind zu schwach für Anstand oder Moral, und die Kinder können das tatsächlich mit ihren Worten beschreiben.
Niemand mag Kaa, die Schlange aus dem Dschungelbuch, oder die drei Hyänen aus dem König der Löwen. Die Kinder haben Angst vor diesen Mitläufern. Sie verstehen nicht, dass die Guten so gutherzig sind und noch Gutes in diesen bösen Kriechern vermuten. Damit es für die Kinder nicht zu übel wird, sind diese Mitläufer häufig ein wenig tollpatschig und manchmal auch geistig unterbelichtet dargestellt, so wie Smee, der Smutje vom bösen Captain Hook. Diese Handlanger sind aber immer noch klar als ängstliche missgünstige Mitläufer erkennbar. Die Kinder hassen und verachten sie.
Meine Kinder haben diese Filme wieder und wieder sehen wollen, und noch heute werden die alten Videos und DVDs von meinen erwachsenen Töchtern aufgehoben, damit sie sie ihren Kindern zeigen können. Die Moralvorstellungen sind noch da. Sie sehnen sich wohl nach der Romantik der Helden aus der eigenen Kindheit.
Ich frage mich manchmal, wie es sich anfühlt oder ob es sich überhaupt irgendwie anfühlt, ein solcher Mitläufer zu sein. Wie fühlt man sich als Kaa, die Schlange (übrigens in der Rolle des Grima Schlangenzunge im Herrn der Ringe perfekt adaptiert)? Was für ein Scheiß-Leben führen die Hyänen im König der Löwen, so ohne Rückgrat und ständiger Angst vor den Launen des bösen Antagonisten? Und würde Smee nicht viel lieber mit der Gang von Peter Pan fliegen?
Und nun betrachtet das mal durch die Augen eurer Kinder oder Enkel: Wer seid ihr?
Bist du der Gute oder der Böse? Bist du ein Mitläufer? Hast du Ehre, Moral, Anstand? Bist du zuverlässig, bist du aufrecht? Bist du der Fels, den sich die Kinder wünschen, oder ein Grashalm? Vermittelst du Werte fürs Leben? Oder bist du missgünstig und buckelst, weil du Angst hast, deine eigene Haltung zu zeigen? Musst du mit den Schafen blöken, weil du sonst nicht dazu gehörst?
Was denken deine Kinder, wenn du lächelst, wenn andere Kinder ertrinken, weit weg im Fernseher? Was denkt deine Frau über deine Vergewaltigungsphantasien gegen dunkelhäutige oder politisch linke Frauen? Was denkt deine Familie über deine Gewaltbereitschaft? Kennen die das schon? Besteht deine einzige Stärke in martialischen Tattoos oder dummen Sprüchen auf T-Shirts?
Sag‘ deinen Kindern, dass die Migrantenkinder ersaufen dürfen, dass ausländische Frauen nichts wert sind, dass du dich freust, wenn anderen Leid zugefügt wird.
Was, wenn du gar nicht der Held bist, sondern der Böse, den deine Kinder besiegen wollen? Wenn sie unendlich traurig wären, wenn sie verstünden, dass du gar nicht das wert bist, was sie glauben. Wenn sie wüssten, dass du nicht der Held bist, sondern eine der Hyänen?
Mark O’Beck, September 2026
Die Entwertung der Ehre (Mark O'Beck, August 2026)
Wozu ist eigentlich Ehre gut?
„Es ist mir eine Ehre“ hörte ich kürzlich jemanden sagen, so im Vorbeigehen an einer Gruppe von Senioren auf dem Marktplatz, und während ich so weiterschlenderte, in Richtung meines Autos hinter der Volksbank, hallte der Satz nach. Sage ich so etwas auch manchmal? Sätze wie „Es ist mir eine Ehre“ oder „Ich fühle mich geehrt“? Stimmt das denn auch? Fühle ich mich geehrt, und wenn ja, wodurch?
Spielschulden sind Ehrenschulden, so hieß es früher, wenn mal wieder einer beim Skat im Jugendheim den astronomischen Betrag eines Heiermanns (für die Jüngeren: 5 Mark) verzockt hatte. Klar, die Kohle musste in den nächsten Tagen rüber, sonst durfte der Säumige nicht wieder mitspielen. Schulden bezahlen - Ehrensache.
Im Job komme ich zuweilen mit meinem Berufsethos in Konflikt. Als Einkäufer bin ich dafür verantwortlich, dass meine Firma nicht zu viel Geld für Rohstoffe ausgibt. Wenn ich von einem Lieferanten über den Tisch gezogen werden, geht das gegen meine Einkäuferehre. Ich vermute, dass mit der Berufsehre geht dem Klempner genauso. Der will sich auch nicht nachsagen lassen, dass seine Wasserleitungen undicht sind.
Doch ja, ich habe anscheinend Ehrgefühl. Ich fühle mich geehrt, wenn ich lobend erwähnt werde, wenn ich in schwierigen Situationen um Rat gefragt werde, und überhaupt bei jeder Wertschätzung seitens wertgeschätzter Menschen. Auch wenn ich mir dafür nichts kaufen kann, es ist mir eine Ehre, dir zu helfen. Ich freue mich, dich zu treffen. Es ist mir eine Ehre. Cool. Man sollte das ruhig öfter mal sagen, wenn man es so fühlt, oder?
Ehre – wo begegnet uns das noch? Beim Ehrenamt natürlich. Man tut etwas nicht für eine Belohnung, sondern weil man es für richtig hält. Für andere, um zu helfen. Weil man etwas geben kann, das andere brauchen, ob Muskeln oder Mitgefühl. Mit anpacken, etwas organisieren, unterstützen, Gesellschaft leisten. Die Grünen Damen fallen mir da ein, ein gemeinnütziger Verein, der bedürftigen Krankenhauspatienten den Aufenthalt durch Bücher, Trost und Zuhören leichter machen möchte. Es gibt viele andere Beispiele für ehrenamtliche Tätigkeiten (Anmerkung: in den USA kommt ein Ehrenamt übrigens gut an, wenn man sich um einen Job bewirbt. In Deutschland wird schnell nachgehakt, wie viel Zeit Einen das kostet).
Dann begegnet uns der Begriff der Ehre noch in der Literatur oder in Filmen. Entweder schon im Titel, wie bei „Eine Frage der Ehre“ (Militär) oder „Die Ehre der Prizzis“ (Mafia) oder „Die verlorene Ehre der Katarina Blum“ (Gesellschaft), oder im Inhalt, wie bei „Stolz und Vorurteil“ (Moral, historisch) oder „Aus dem Nichts“ (Drama).
In dem Mafia-Beispiel begegnet uns das Phänomen, dass der Zusammenhalt krimineller Elemente etwas Ehrenhaftes sein soll. Da vermischt sich die „berufliche“ Ehre mit dem der „Familienehre“. Beides sehe ich persönlich nicht als ehrenvoll an, nicht im Zusammenhang mit unmoralischen Handlungen oder Straftaten. Weder ein Mord aus mafiöser Familienehre, noch ein Ehrenmord aus einer in Unmenschliche verdrehten kulturellen Moral heraus, hat in meinen Augen etwas mit Ehre zu tun, sondern mit einfacher kurzsichtiger Gewaltausübung zwecks Machtdemonstration. Der Begriff Ehre wird in beiden Fällen benutzt, um Menschen emotional gefügig zu machen und sie besser steuern zu können. Im ersten Fall aus Gewinnstreben, im Zweiten zur Durchsetzung gesellschaftlicher Normen. Vielleicht ist uns beides nicht ganz unbekannt in unserem eigenen Umfeld.
Im Folgenden möchte ich einige ausgewählte Bereiche beleuchten, in denen uns der Begriff und das abstrakte Ding namens Ehre im Alltag oder in den Medien begegnet, und wie viel uns unsere Ehre eigentlich noch wert ist.
Versprechen und Ehrenwort
Wie steht es heutzutage eigentlich um das Versprechen? Nein, ich meine kein bestimmtes Versprechen, sondern das Versprechen an sich. Die verbindliche Zusage, etwas ganz Bestimmtes zu tun, etwas Bestimmtes zu geben oder vielleicht auch, etwas Bestimmtes nicht zu tun. Beispiele sind wohl nicht nötig. Wir alle wissen, was ein Versprechen ist. Und wir wissen, dass ein Versprechen mit Vertrauen zu tun hat. Weil wir uns danach sehnen, dass Versprechen gehalten werden. Wenn wir jemandem vertrauen, verlassen wir uns auf sein Versprechen. Wird das Versprechen gebrochen, ist das Vertrauen vielleicht angeknackst. Dann verlassen wir uns zukünftig nicht mehr blind auf diese Person. Ein Versprechen ist ohne Vertrauen nicht viel wert.
Wie steht es heutzutage eigentlich mit der Wahrheit? Die Wahrheit im Allgemeinen. Was ist die Wahrheit noch wert? Interessiert es überhaupt noch, ob die Werbung, mein Chef, die Politik, die Parteien oder meine Frau / mein Mann die Wahrheit sagen?
Dass man manchmal Versprechen brechen muss, weil sich die Umstände unvorhergesehen geändert haben, kann passieren. Auch kann die Wahrheit zuweilen, aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und geschildert, verschiedene Versionen haben.
Wer die Unwahrheit sagt oder ein Versprechen nicht einhält, handelt nicht zwangsläufig schuldhaft. Wenn Lügen oder gebrochene Versprechen allerdings vorsätzlich oder missbräuchlich angewendet werden, fühlen wir uns betrogen. So sollte es wohl sein. Kaum jemand würde dem widersprechen.
Für ganz besonders wichtige Versprechen, oder zur Bekräftigung dessen, dass die Wahrheit und nichts als die Wahrheit gesagt wird, gibt es besondere Vokabeln, wie Schwur, Eid, Beglaubigung oder Gelöbnis. Und einen ganz besonders starken Ausdruck: das Ehrenwort.
Und jetzt noch einmal dieselbe Frage zum Ehrenwort, die ich eingangs schon zu Versprechen und zur Wahrheit gestellt hattet: wie steht es heute um das Ehrenwort?
Nach kurzer innerer Einkehr mag man sich wohl zu Recht jetzt fragen, wieso es denn heute um das Ehrenwort anders bestellt sein sollte als früher. Das Ehrenwort war doch noch nie mehr wert als andere beliebige Buchstabenfolgen. Wer in der jüngeren Geschichte so halbwegs bewandert ist, verbindet die Vokabel des Ehrenwortes unweigerlich mit der Lüge des ehemaligen Schleswig-Holsteiner Ministerpräsidenten Uwe Barschel zur Bespitzelung seines politischen Kontrahenten. Aber das ist nur eines von vielen Beispielen. Die Geschichtsschreibung ist voll von Lügen, gebrochenen Versprechen und wertlosen Ehrenworten. Von gebrochenen Verträgen mal ganz zu schweigen.
In militärischen Ehren
Als wehrpflichtiger Rekrut hatte ich mal ein Gelöbnis gesprochen (Anm.: das feierliche Gelöbnis von Wehrpflichtigen unterscheidet sich rechtlich vom Amtseid von Berufssoldaten; das Gelöbnis ist eher ein Amtseid light). Bei mir war es 1982, dass ich im Rahmen meines Wehrdienstes das Gelöbnis ablegen sollte. Der Text lautet „Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des Deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“
Dieser Text hat seine Bedeutung für mich in den letzten Jahren noch einmal neu entfaltet. Was habe ich da geloben müssen (so ganz freiwillig war die Veranstaltung ja nun auch wieder nicht)? Die Deutsche Grenze, das Deutsche Staatsgebiet oder die Bundesregierung zu verteidigen? Nein, dem Wortlaut nach ist es das Recht und die Freiheit des Deutschen Volkes.
Der Wortpartikel Pflicht im Wort Wehrpflicht klingt nicht so wirklich nach Freiheit, zugegeben, und die Institution der Bundeswehr barg in ihrem Alltag jede Menge Widersprüche, mit denen sich wehrpflichtige Rekruten ethisch herumschlagen mussten. In den friedensbewegten 80ern konnte ein Rekrutierungsquartal mit 70% Abiturienten so manchen Unteroffizier intellektuell überfordern. Hier konzentriere ich mich jedoch auf den Aspekt, dass das Feierliche Gelöbnis in Wort und Bedeutung dem Recht und der Freiheit des Deutschen Volkes gilt.
Und nun frage ich, was das alles mit Ehre zu tun hat? Fühlte ich mich geehrt? Hat mich das Gelöbnis bei der Ehre gepackt? Eher nicht so. Habe ich ein Versprechen abgegeben, ein Ehrenwort? Innerlich, so für mich? Gute Frage. Aufgrund der Zeit und der Umstände (Kalter Krieg & Co.) war meine Einstellung zur Sinnhaftigkeit der Bundeswehr damals kritischer als heute. Das Gelöbnis ist mir vor allem anekdotisch im Gedächtnis geblieben. Unter dem Stahlhelm war es an einem eh heißen Sommertag noch heißer, und mein Kamerad und Kumpel Jan und ich hatten den Unterhaltungswert der Veranstaltung für uns erhöht, indem wir das Ende eines jeden Verses des Gelöbnis-Textes mit einem Fäkalgeräusch akzentuierten, frei nach dem Vorbild des sprechenden Hundes von Loriot. Das erforderte von den Kameraden, die sich in Reih‘ und Glied in unmittelbarer Nähe zu uns befanden, volle Körperbeherrschung. Das Ganze war ein wenig wie in dem Film Das Leben des Brian, wo die römischen Legionäre versuchen, einen Lachkrampf zu unterdrücken.
Der Gelöbnis-Text ist mir dennoch, oder vielleicht genau deshalb, immer im Gedächtnis geblieben. Und ja, ich bin im Laufe meines Lebens immer mal wieder über den Gedanken gestolpert, ob die Verteidigung unserer Freiheit und unserer verfassungsmäßigen Rechte im Falle eines Falles nicht auch meine eigene Pflicht und Ehrenschuld sei.
In den USA verstärkt sich seit 2025 die öffentliche Diskussion darüber, ob der Eid, den die Militärs dort leisten, neuerlich schleichend umgedeutet und missbraucht werde. Die Soldaten dort schwören nämlich konkret auf ihre Verfassung und stellvertretend dafür auf die Fahne der Vereinigten Staaten. Der aktuelle Präsident Trump versucht allerdings immer wieder, diesen Schwur auf das Präsidialamt zu lenken, und das bedeutet für ihn, auf sich selbst. Hier streifen wir inhaltlich wieder das Themengebiet des Patriotismus, beziehungsweise dessen Missbrauch im Spiel um Macht und eigene Vorteile. Das hat durchaus etwas mit dem Wert der Ehre zu tun, oder halt mit deren systematischer Entwertung.
Trump ist ohnehin das absolute Paradebeispiel für den Verfall von Aufrichtigkeit und moralischen Grundsätzen. Wir Deutschen sollten da genau hingucken. Wir können etwas lernen und besser machen, wenn wir unser Recht und unsere Freiheit schützen wollen. Und unseren Wohlstand, nebenbei bemerkt. Denn Trump macht gerade die meisten Menschen ärmer. Nur wenige werden reicher. Aber das sehen wir auch bei anderen Autokratien und rechtsnationalistischen Regierungen.
Ehre hat für Trump ganz offensichtlich keinerlei Stellenwert. Täglich entwertet er Ehre und Anstand. Er ist das Gesicht der Entwertung schlechthin. Damit fing er schon bei seiner ersten Amtseinführung 2017 ohne lange zu fackeln an. Damals entstand der Begriff der alternativen Fakten (für Lügen), und damals wie heute spricht er über sich selbst nur in Superlativen, während er andere je nach aktuellem Nutzen für ihn lobt oder beleidigt. Von Ehrgefühl gegenüber seinem Amt ist genauso wenig zu sehen, wie von Respekt gegenüber anderen Menschen. Dass er auf die Verfassung des Landes scheißt, dessen Präsident er ist, hat er mehrfach deutlich gemacht. Er scheißt auf die Verfassung, auf die seine Truppen einen Eid geschworen haben, für die Hunderttausende gestorben sind, zum Beispiel bei der Erstürmung der Normandie 1944. Trump entwürdigt die Veteranen, die einen Eid auf ihre Flagge geschworen hatten, bevor sie nach Vietnam oder in den Irak zogen, oder auch 2026 wieder and den Persischen Golf. Die ohne Beine oder in Särgen zurückkommen. Särge, abgedeckt mit der Flagge, auf die ihr Präsident scheißt.
Donald Trump entehrt sogar das Amt, das er selbst innehat. Man kann nicht mehr aufsehen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten. Seine Macht ist gegründet auf wirtschaftlichen Abhängigkeiten und Angst. Wie bei Putin, Erdogan, Lukaschenko, den Mullahs oder den Taliban. Es gibt noch ein paar weitere Autokraten. Solche Egomanen ehrt man nicht. Noch nicht einmal die politischen Gefolgsleute tun das. Die trauen sich nur nicht, aufzumucken und selber den Königsmord anzuzetteln. Könnte ja schiefgehen.
Fußballerehre
Ja, auch der Fußballwelt hat Trump offen gezeigt, wie korrupt er ist und wie gerne er mit korrupten Leuten kooperiert. Er wollte unbedingt den Friedensnobelpreis 2025, bekam den aber nicht zugesprochen, und schon wurde ihm einer geschaffen und medienwirksam überreicht (das Wort verliehen ist hier wohl fehl am Platze), vom korruptesten Fußballmanager, den die Welt bisher hatte. Gleich und gleich gesellt sich gern. Ich hatte Schnappatmung an dem Tag im Dezember 2025.
Wenn ich mir das vor 20 Jahren vorgestellt hätte: der Weltfußballpräsident überreicht dem mächtigsten Präsidenten der Erde einen Friedenspreis im Namen des Fußballs – was hätte das feierlich sein können! Was wäre das für ein ehrenvoller historischer Moment, hätte ich gedacht. Tja, war es aber nicht. Wie alles bei Trump hatte die Ehre keinen Platz neben ihm. Keine historische Leistung eines überragenden Mannes. Nein, nur ein ekliger Egomane, der so lange quengelt und droht, bis einer ihm etwas zuwirft, um ihn zu besänftigen. Das war nicht ehrenvoll, sondern niedrig. So niedrig und unehrenhaft, wie sich auch der deutsche DFB-Präsident Bernd Neuendorf im weiteren Verlauf der Diskussion um Deutschlands Teilnahme bei der WM 2026 verhielt: er hat die Diskussion unterbunden. Die Diskussion käme zur Unzeit, nordete er seine Gefolgsleute ein, Politik hätte im Fußball nichts verloren. Ach nein? Nur ein paar Tage nach der unseligen Friedenspreis-Kindergartenshow zur Befriedigung eines durchgeknallten Machthabers ist der Fußball plötzlich unpolitisch? Wenn der DFB wirklich den Fußball strikt von der Politik trennen wollte, hätte Deutschland konsequenterweise gar nicht an der WM in den USA teilnehmen dürfen! Aber darum geht es Neuendorf ja gar nicht. Es geht ihm nur und ausschließlich um … na, was denn wohl? Fußball? Fehlanzeige. Um Kohle. Nichts weiter als um Kohle. Um den eigenen Vorteil und die eigene Machtposition. Genauso wie beim FIFA-Präsi Infantino geht es nur um Kohle. Der Infantino, der nach einem Anruf von Trump eine Rotsperre gegen einen US-Spieler für ungültig erklären ließ. Weil Trump und Infantino auf Regeln scheißen, wenn es um Kohle und Macht geht. Das ist ehrlos! Das Wort verkommen trifft es am besten. Solche Menschen treten den Fußball in den Dreck.
Zurück zu Neuendorf und dem DFB. Wir hätten die historische Chance gehabt, ehrenhafte Deutsche zu sein und in die Geschichte einzugehen, uns nicht zu blamieren, die Ehre über die Kohle zu stellen und uns nicht dem Größenwahn zu unterwerfen. Haben wir aber nicht gemacht. Weil Fußball unpolitisch ist? Nein, weil es um Geld geht, nicht um Aufrichtigkeit. Die Ehre im Fußball mag noch auf dem Platz existieren, oder auf der Tribüne oder im Vereinslokal. In den Verbänden ist sie tot.
Gerne erinnere ich mich an 2006, an das Sommermärchen. Die Welt zu Gast bei Freunden. Was für ein Slogan! Gastfreundschaft ist übrigens auch eine Frage der Ehre. Und was für ein Spirit damals. Bei tollem Wetter, Bierknappheit und skandalfreien Ticketpreisen. Selbst in Frankreich wurde unsere Nationalelf mit La Mannschaft betitelt. Wie geil. Sogar der Ball hatte einen Namen, den damals fast jeder kannte: Teamgeist.
Es spielte für die Menschen vor den Bildschirmen und Leinwänden doch kaum noch eine Rolle, dass wir nicht Weltmeister geworden sind. Es war einfach nur schön, Deutscher zu sein, damals im Sommer 2006. Ich war stolz darauf. Es war mir eine Ehre.
Wir wissen heute, dass auch damals die Ehre keinen Platz in der VIP-Loge hatte. Hinter den Kulissen wurde korrumpiert. Leider. Das wurde inzwischen aufgearbeitet. Mit der Aufarbeitung der begrünten Rotsperre 2026 muss sich heute keiner mehr herumschlagen. Das ist ja noch nicht einmal verheimlicht worden. Und wir nehmen das alles so hin. Ehrlosigkeit wird immer normaler, die Ehre verliert ihren Wert.
Während ich an diesem Text schrieb, begonnen Ende Juli 2026, kam zuerst die Nachricht, dass Infantino Investoren in die WM-Rechte einbinden möchte, und dass die UEFA sich nach erstaunlich kurzer Reaktionszeit vehement dagegen sperrt. Danach die Nachricht, dass erste prominente Funktionäre Infantinos Eignung als Präsident des Weltfußballs infrage stellen. Sollte sich Neuendorf dazu schon geäußert haben, dann wohl nicht laut genug. Ich hab nichts gehört.
Anstand und Ehre im Internet
Kürzlich fand ich ein Profil einer Frau, die sich in martialischen Tattoos und Klamotten präsentierte. Teil ihres Profilbildes war der Schriftzug „Ehre ist nicht verhandelbar“. In altdeutscher Schrift, mit einem Adler dabei, wie sich das gehört. Inzwischen habe ich gesehen, dass man schwarze T-Shirts mit exakt diesem Schriftzug billig bei Amazon bestellen kann. Angeblich für Biker. An denen habe ich diese Billigklamotte allerdings noch nicht gesehen.
Was der Spruch für diese Frau zu bedeuten hat, hat sie nicht erklärt. Oder wenn doch, dann auf eine Weise, die mir nicht zugänglich ist. Ihre Fotogalerie bestand überwiegend aus Bildern von Typen, überwiegend Männer, die sich zweifelsfrei der rechten Szene zuordnen lassen. Runenschrift und Blut- und Stahl-Rhetorik auf den Armen, dem Nacken und den Klamotten. Doch Biker? Ohne Motorräder? Einer der Sprüche bei einem der Freunde-Profile hat meine Restzweifel ausgeräumt: Echte Frauen sind rechts! Na, da weiß man dann ja Bescheid.
Viele der Bilder zeigten Versammlungen oder Veranstaltungen, mit „Friedensdemonstration“ untertitelt. Die üblichen Insignien von Friedensdemonstrationen fehlten aber. Also nix Taube oder Peace-Zeichen. Eher Springerstiefel und Knast-Tränen. Die Fotoqualität und die ganze Aufmachung erinnerten mich stark an die Bilder der Pegida-Aufmärsche. Das ist tatsächlich nicht auszuschließen, weil der Zeitpunkt der Veröffentlichung eines Fotos nichts über den Zeitpunkt der Aufnahme aussagt.
Was mich ja eigentlich fasziniert hatte, und es wegen des Amazon-Massenproduktes immer noch tut, ist die Frage der Ehre: Was sagt der Slogan „Ehre ist nicht verhandelbar“ eigentlich aus. Dem Wortlaut des Satzes nach müsste die Ehre etwas Wichtiges sein. Etwas Wertvolles. Denn nur über etwas wirklich elementar Wichtiges verhandelt man nicht. Die Sicherheit der Familie zum Beispiel, oder ein Andenken, ein emotionales Kleinod, so etwas in der Richtung. Oder bestimmte wertvolle Güter. Was es im Falle dieser Frau und ihres Umfeldes ist, wurde in ihrem Profil und in ihren Beiträgen nicht aufgeklärt. Es muss entweder etwas super Geheimnisvolles sein, in Richtung Sons of Anarchy oder Ledernacken, oder sie weiß es schlicht selber nicht, stellt aber den Spruch zur Schau. Ich vermute, aber das ist natürlich rein spekulativ, dass damit an das Gemeinschaftsgefühl einer bestimmten Gruppe oder Klientel appelliert wird. Aber auch diese Art des vagen Geschwurbels ist eher typisch für Rechtsradikale als für Biker oder Linksradikale.
Anne Weiss hatte in ihrem 2008 erschienen Buch Generation Doof eine Kultur damals jüngerer Leute beschrieben, die es (zumindest in Teilen) für gesellschaftsfähig hielt, nicht viel zu wissen. Man müsse sich ja zum Beispiel gar nicht erst mit Allgemeinbildung herumzuschlagen, wenn man sich auch ohne diese durch das Leben scharwenzeln kann. Nach dem Motto: Wir sind cool, wir sind doof, also ist es wohl cool, doof zu sein.
Das hat sich geändert. Heute findet sich nämlich jeder schlau. Doof sind immer nur die anderen Leute, die nicht meine Meinung teilen. Weil, nur wer meine Meinung teilt und diese mit meinen Worten vertritt, hat auch den Durchblick und kann über den Tellerrand gucken. Alle anderen merken nicht, was abgeht, sind irgendwie farbverseucht und presseinfiziert.
Ich stelle fest, dass mir bei diesem tiefergelegten Bildungsniveau, das in den sozialen Medien regelrecht zelebriert wird, nicht gerade wohl ist. Es ist nicht nur die Ehre, sondern ganz konkret unsere Sicherheit, um die ich fürchte, und um unseren Wohlstand. Eigentlich fürchte ich schlicht um mein Heimatland Deutschland, in dem ich in freier Entfaltung meines selbstgewählten Lebensstils unter Achtung von Recht und Gesetz und der guten Sitten aufgewachsen bin.
Es müssen hier keine Beispiele für das Fehlen von Anstand und Ehre aufgezählt werden. Das Ehrgefühl, für andere einzutreten, Schwache zu beschützen, Fremde zu respektieren, Gastfreundschaft zu bieten, Toleranz zu üben, Kompromisse zu schließen oder einfach nur Kritik an der eigenen Person zuzulassen, scheinen nicht mehr zum moralischen Repertoire der breiten Masse zu gehören. Im Gegenteil. Es scheint vielen ein Ehrgefühl zu bescheren, wenn man durch Gewaltphantasien oder Beschimpfungen andere Menschen verstummen lässt. Es wirkt jedoch mehr wie Selbstbefriedigung als wie Ehrenhandlungen. Ständige Wiederholung eingeübter vorgegebener Begriffe, die das Gegenüber herabwürdigen sollen, werden für Diskussionen gehalten. Wenn der Beschimpfende das letzte Wort hat, wähnt er sich als Sieger dieser Diskussion. Dieses – sorry – verbale Kotzen wird in der Masse der eigenen Community mit Begriffen wie Patriotismus, Stolz oder auch Ehre gepaart. Und so verschieben diese Begriffe im Laufe der Zeit durch ihre wiederkehrende missbräuchliche Verwendung in immer demselben konstruierten Kontext in der Wahrnehmung dieser Hetzer ihre Bedeutung. In anderen Worten kurz zusammengefasst: Politische oder religiöse Radikale missbrauchen Begriffe aus der Ethik und entwerten sie. Sie schwafeln von Ehre und wissen gar nicht mehr, was das ist. Das selbstständige Denken wurde bereits aufgegeben. Im Internet ist Ehre zu einem leeren Wort verkommen.
Familienehre und eine aufrechte Haltung
Was ist mit der Ehre, Frauen und Mädchen gegen Belästigung und sexuelle Übergriffe zu verteidigen? Alle Frauen und Mädchen. Nicht nur Deutsche. Jungs natürlich auch. Schutzbedürftige im Allgemeinen. Wäre es nicht Ehrensache, im Rahmen unserer Möglichkeiten Schutzbedürftige gegen jegliche Übergriffe zu verteidigen. Und zwar, einfach nur weil sie schutzbedürftige Mitbürger sind, nicht weil sie zu unserer Ethnie, Familie oder Religion gehören. Senioren sind zum Beispiel häufig schutzbedürftig. Senioren gegenüber freundlich und hilfsbereit zu sein, weil sie Senioren sind, nicht weil sie deutsche Senioren sind (dasselbe gilt in meinen Augen übrigens für alle Volksgruppen. Meine Türkischen Geschäftsfreunde zum Beispiel führen gerne an, Türken benähmen sich grundsätzlich respektvoll gegenüber den Alten. Ja, das kann man in Istanbul beobachten. In Bremen kann man beobachten, dass das nur innerhalb der eigenen Volksgruppe gilt, nicht gegenüber allen Senioren). Rassismus, Elitedenken und Kulturzwänge haben wir natürlich nicht nur in Deutschland. Aber hier haben wir Einfluss darauf, wie viel Raum wir dem geben.
Ich habe ganz bestimmt nichts gegen die Familienehre eines Handwerksbetriebs einzuwenden, ihr Handwerk solide, zuverlässig und auf hohem Qualitätsniveau zu betreiben. Ich habe nichts gegen die Familienehre, ein Haus, einen Hof oder ein Stück Land im Gedenken an die Vorfahren in Schuss zu halten, Traditionen zu pflegen oder Vornamen weiterzugeben. Was auch immer.
Im Namen der Familienehre Straftaten zu begehen, Menschen zu unterdrücken, zu quälen oder umzubringen, kann keine Frage der Familienehre sein. Das ist krank und sollte in gar keinem Kulturkreis mehr akzeptiert werden. Der schlimmste Auswuchs ist da wohl der sogenannte Ehrenmord. Wenn wir die Beschneidung von Mädchen und die Verweigerung des Zugangs zu Bildung dazulegen, erkennen wir ein Muster: Unterdrückung von Frauen. Ehre erkenne ich darin nicht. Verfassungsfeindlichkeit dagegen schon. Das ist verachtenswert.
Letztlich ist es unsere eigene Haltung, die unsere Stellung im Leben ausmacht, unseren Status und unseren guten Ruf. Diese Haltung zeigt sich nicht durch unsere politischen Präferenzen, sondern durch unseren Umgang mit anderen Menschen und der Umwelt. Ob ich sozialistisch, wirtschaftsliberal, umweltpolitisch oder konservativ orientiert bin, entpflichtet mich nicht davon, mit anderen Menschen respektvoll und gleichberechtigt umzugehen.
Haltung ist ein Begriff, den wir nur bei Menschen anwenden. Wie auch Ehre. Keinem Tier und keinem leblosen Gegenstand ordnen wir Haltung oder Ehre zu. Haltung zeigt sich nicht durch das Nachblöken von Slogans, nicht durch die sprachliche Herabsetzung anderer Menschen oder dadurch, dass ich anderen Menschen ihre Würde abspreche.
Ob ich Haltung zeige, liegt zum großen Teil an mir selbst. Ob ich ein unterwürfiger Mitläufer bin oder ein kritisch differenziert mitdenkender Mensch. Ich habe die Wahl. Meistens. Und manchmal ist die Wahl gar nicht so einfach, denn wir alle unterliegen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zwängen. Sich nicht dahinter zu verstecken und das Opfer zu spielen, sondern dennoch Haltung zu zeigen, das ist die Herausforderung. Das verdient Respekt.
Die Helden unserer Kindheit haben Haltung gezeigt, auch wenn sie gezweifelt haben. Mufasa, Bagheera, Tarzan, Luke Skywalker oder Harry Potter haben sich immer auf die Seite derer geschlagen, die Haltung zeigen, die die Ehre verteidigen. Das Gute, wenn man so will. Es waren nicht Kaa, die Schlange, oder die drei winselnden geifernden Hyänen, die wir bewundert haben, nicht Grima Schlangenzunge und nicht Scar. Das waren nicht unsere Helden. Das sind auch nicht die Helden unserer eigenen Kinder. Im Laufe unseres Lebens verlieren wir leider den Bezug zu diesen einfachen Einsichten.
So, und jetzt erklären wir mal unseren Kindern oder Enkeln, dass wir selber zu Scar oder Kaa geworden sind, dass wir uns im Internet benehmen wie die drei widerlichen Hyänen. Das wir nichts auf Haltung und Ehre geben, weil wir neidisch und bösartig geworden sind.
Niemand sagt, dass es einfach ist.
Mark O’Beck, August 2026
Schreibe mir gerne eine E-Mail an mark.obeck@gmx.de, wenn du Anmerkungen oder Kritik loswerden willst. Du musst nicht meine Meinung teilen. Ich veröffentliche auch gerne deine Meinung, solange du sie in einer gesellschaftlich akzeptierten Art und Weise formulierst,
Auch nach mehrfacher Prüfung kann ich Schreib- oder Formulierungsfehler übersehen haben. Sorry dafür.
Die Würde des Menschen - Prolog (Mark O'Beck, 11. Juli 2026)
Seit Langem beschäftigt mich aus verschiedenen Gründen der Begriff der Würde des Menschen. Das Sterben von Angehörigen ist einer der Gründe dafür. Sterben sie in Würde oder unter unwürdigen Umständen? Ein anderer Grund war und ist mein Entsetzen über internationale Konflikte. Besonders die Eindrücke der Gemetzel im ukrainischen Dorf Butscha und beim Supernova Festival in Israel, die sowohl Folgen als auch Auslöser anderer Gemetzel waren. Und nicht zuletzt bin ich immer wieder sprachlos über so manche Reaktion im Internet zu Beiträgen über den Artikel 1 unseres Deutschen Grundgesetzes.
Hat eine polarisierte Gesellschaft in einer Epoche der Geschwindigkeit, der Umwälzungen, der Aggression und der eindeutig erkennbaren Überforderung vieler Menschen noch Platz für Würde?
Ist es noch zeitgemäß, dass wir uns mit der Menschenwürde beschäftigen, oder ist das lächerlicher, ideologisch verklärter Verfassungspatriotismus?
Müssen wir nicht funktionieren, uns gegen die bösen Andersdenkenden wehren und kämpfen, weil alle anderen ja sowieso lügen?
Muss sich nicht jemand anderes darum kümmern, ob Senioren einsam sterben oder im Kreis ihrer Lieben verabschiedet werden, ob sie ihr Alter genießen können oder im Hospiz verwaltet werden?
Und überhaupt – es geht ja wohl zuerst mal um meine eigene Würde und nicht um die von arbeitsunfähigen Sozialschmarotzern oder Minenarbeitern im Kongo! Oder? Oder nicht?
Der Begriff der Würde und das, was dahintersteht, ist wohl etwas unter die Räder gekommen. Würde hat zurzeit – in unserer aktuellen Epoche – nicht den Stellenwert in den Herzen der Menschen, der unserer Gesellschaft guttäte, denke ich.
Wir denken vielmehr an unser eigenes Recht, unsere eigene Meinung, unseren eigenen Besitz, unsere Vorteile und unseren Status, und weniger an die Zukunft, an unsere Nachfahren, an die Welt und die Natur, als sei es egal, wie die Menschen morgen leben können, wie die Menschen auf anderen Kontinenten leben oder wie mein Nachbar lebt. Wir sehen uns nicht in der Verantwortung, dass andere in Würde leben.
Was bedeutet das denn eigentlich? Würde? Was ist das?
Schaut im Duden nach oder in Wikipedia, und ihr seid nicht so sehr viel schlauer als vorher. Erstaunlicherweise, muss ich zugeben. Der Duden bezeichnet die Würde als das Bewusstsein des eigenen Wertes oder die Erhabenheit einer Sache (?). Die Wiki-KI braucht nur ein Bruchteil einer Sekunde, um direkt auf das Grundgesetz zu stoßen. Das ist ziemlich steril, finde ich.
Da gibt es doch mehr, und das spüren wir doch eigentlich alle, sogar diejenigen, die das Thema für linksverseucht, regenbogig, warmgeduscht oder scheißegal halten.
Mindestens wenn es um die eigene Würde geht, um mich, dann spüre in meinem Herzen mehr als eine kurze sachliche Definition von Bewusstsein oder gesetzlichen Inhalten.
Da ist etwas. Und mal ehrlich, so sehr ich auch ichbezogen, strohdoof oder rücksichtslos bin, ohne die Wertschätzung anderer bin ich seelisch tot.
Ich brauche Wertschätzung und Achtung. Wir alle brauchen Wertschätzung und Achtung. Aha?
Das Thema ist superkomplex, wenn man sich erst einmal warmgedacht hat. Ihr lest hier aber gerade keinen Expertenrat, sondern die formulierten Gedanken eines normalen Menschen.
Und genau darum bitte ich euch: Was ist das für euch, die Würde des Menschen? Bewegt euch das auch? Formuliert doch bitte eure Gedanken. Gerne würde ich sie hier auf dieser Page veröffentlichen.
Die Gedanken auszuformulieren, ist gar nicht so leicht. Es erfordert auch ein wenig Mut. Versucht es doch einfach. Es ist dabei unerheblich, von welcher Seite ihr das Thema angeht. Es darf um den Satz im Grundgesetz gehen, muss es aber nicht. Es gibt dazu viele Blickwinkel:
- Theologie und Religion
- Altern und Sterben
- Philosophie
- Politik
- Armut, Reichtum
- Macht und Unterdrückung
- Bildung
- Kunst
- Geschlecht, Hautfarbe, Gesundheit und wahrscheinlich noch vieles mehr
Die Würde des Menschen sollte nicht nur etwas für Philosophen und Grundgesetze sein, sondern für uns, uns als Menschen, wer auch immer wir sind. Es geht um unsere Würde. Um unseren Wert.
Mark O’Beck
11. Juli 2026
Die Würde des Menschen - Der Mut, Gedanken zu teilen (Mark)
Die Einladung zur Teilnahme an einer Gedankensammlung zur Würde des Menschen hatte ich am 11. Juli hier veröffentlicht. Inzwischen, nachdem ich Eure Texte (ich nenne sie Essays) erhalten habe, haben sich noch ein paar Gedanken dazugesellt.
Ich grüble in meiner selbst gewählten Rolle als Freizeitautor mit einem Hang zu tiefsinnigen Themen schon seit geraumer Zeit über die Bedeutung des Ausdrucks Menschenwürde. Daher weiß ich, wie schwer es ist, über die uns allen bekannte Wortfolge hinaus der Bedeutung dieser Worte nachzuspüren. Die Würde des Menschen ist nämlich viel mehr als nur irgendein Spruch, der irgendwo steht und wahrscheinlich was Politisches bedeutet. Nein! Die Würde des Menschen ist etwas elementar Wichtiges zum Leben und Überleben, sooft sie auch mit Füßen getreten werden mag.
Meiner Anregung, mit mir zu grübeln und zu formulieren, sind fünf Menschen gefolgt. Fünf Menschen, die über ihren Schatten gesprungen sind und die bereit sind, ihre Gedanken zur Würde des Menschen hier mit uns zu teilen, über meine eher leise kleine Website. Fünf Texte darf ich hier veröffentlichen, und das ist auch so ziemlich genau die Anzahl, mit der ich vor einigen Wochen gerechnet hatte.
Womit ich nicht gerechnet hatte, und worüber ich mich jetzt umso mehr freue, ist, dass drei dieser fünf Essays von Menschen stammen, die bereits in der Öffentlichkeit stehen. Bürger der Stadt Osterholz-Scharmbeck, die dieser Tage unheimlich viel um die Ohren haben und die bereit sind, sich jeden Tag mit unseren Problemen, Ängsten, Befindlichkeiten, Hoffnungen und Meinungen auseinanderzusetzen.
Drei Essays stammen von Bürgern unserer Stadt, die sich zur Kommunalwahl im September um das Amt unseres Bürgermeisters bewerben. Sie haben an dieser Kampagne teilgenommen und sich getraut, ihre Gedanken zur Würde des Menschen zu formulieren. Das ist (sorry für den Ausdruck) der Hammer! Ich habe mir das wirklich sehr gewünscht, aber ich hätte es auch akzeptieren müssen, wenn es ein wenig viel wird. Noch eine Aufgabe, obwohl der Terminkalender ohnehin schon rappelvoll ist. Nein, Ihr habt es getan! Ihr musstet dafür raus aus der Komfortzone. Dafür ganz lieben Dank und von ganzem Herzen „Hut ab!“
Ich bewundere den Mut aller fünf Autoren, die sich auf diese Kampagne eingelassen haben. Und ich bin froh, dass ich selbst den Mut aufgebracht habe, diese Kampagne zu starten.
Auch in anderen Gruppen hatte ich zur Teilnahme an dieser Kampagne aufgerufen. In überregionalen Literatur- und Philosophiegruppen zum Beispiel. Interessanterweise kommt vielleicht gerade aufgrund der größeren Distanz mehr Austausch zustande. Auf diesem Wege ist übrigens auch Franziska dazugestoßen, deren Essay Ihr ebenfalls hier findet.
Eine der Diskussionen in der Gruppe Literatur und Philosophie hatte mich noch ziemlich beschäftigt: Ein Teilnehmer meinte, Würde sei der Wert eines Menschen für die Gemeinschaft, und diesen Wert würde der gesellschaftliche Diskurs in jeder Epoche neu bestimmen. Dadurch entstünde folglich auch Wertlosigkeit, was wiederum unseren Artikel 1 des Grundgesetzes zu Gesetzeslyrik reduziere, die somit disponibel sei. Der Diskussionspartner ging in seinen sehr sachlichen Ausführungen nicht auf seine eigene Haltung dazu ein. Somit nehme ich das mal als eine Beobachtung auf, die man ja auch durchaus nachvollziehen kann. Ja, wir verwenden den Begriff der Würde im Alltag durchaus in Verbindung mit dem Wert. Vielleicht erleben Menschen sogar Würdelosigkeit, weil sie nicht viel zur Gemeinschaft beitragen können. Anderen mag es egal sein, was sie beitragen, weil sie Würde in Erfolg oder Status bemessen.
Wir spinnen mal weiter: Der Obdachlose, der Alte, der Demente, der Arbeitslose, der Kriminelle, der Sozialbetrüger, der Steuerhinterzieher, der Drogenboss, …, ich könnte das endlos fortführen und irgendwann die Frage einwerfen, worin der Wert dieses wahllos und beispielhaft zusammengewürfelten Personenkreises für die Gemeinschaft liegt. Und wie es unserer Meinung nach um deren Würde bestellt sei. Oder sein sollte. Sachlich betrachtet ist dieser Wert sehr gering für unsere Produktivität, Wertschöpfung oder unsere sozialen Sicherungssysteme, weil sie keinen Mehrwert oder Gewinn (mehr) bringen. Und manch einer von diesen beispielhaften Individuen hat vielleicht auch gar nicht die Absicht, der Gemeinschaft zu nützen.
Unsere Beurteilungen über die Würde dieser Personen sind sicher Beispiel für Beispiel grundverschieden zueinander, und bestimmt gehen sie Mensch für Mensch, der wir dieses beurteilen, ebenfalls weit auseinander. Die herzensgute verarmte Seniorin, der böse reiche Drogenboss. Welche Würde messen diese Personen denn sich selber bei? Vielleicht denkt die eine nicht mehr darüber nach und der andere scheißt drauf.
Um nicht zu weit abzuschweifen: Wären diese Personen mit ihren identischen Charakteren und vergleichbaren Optionen und Entscheidungen in anderen Epochen mit einer anderen Würde ausgestattet, weil die Gesellschaft ihren Wert anders beurteilt hatte? Das wird höchstwahrscheinlich so sein, weil es so empfunden wird. In der Praxis assoziieren wir Würde nicht mit dem Grundsatz, dass sie unantastbar sei. Und daher wird der Stellenwert der Würde in allen Epochen und Staaten und Gesellschaften unterschiedlich gelebt. Das würde die These der „Gesetzeslyrik“ bestätigen, was ich traurig fände.
Was wäre, wenn die Schöpfer unseres Grundgesetzes genau diesem vorbeugen wollten? Wenn sie die unantastbare individuelle Würde dem funktionalen Wert für das Kollektiv entheben wollten? Vielleicht liegt der Sinn darin, die Würde nicht disponibel und nicht zum Instrument von System und Politik zu machen.
Viele Anregungen zu diesem Aspekt und zu vielen anderen Aspekten finden wir in den schönen Artikeln von Franziska, Marcus, Marie, Rolf und Torsten. Viele Gedanken zur eigenen Haltung, zu Werten und zur Wertschätzung, zum Lebensalltag und zum Tod, zu Gesprächen, Meinungsvielfalt und Vielfalt überhaupt, und so viele andere Perspektiven. Kritische Gedanken und positive Gedanken, die unser Leben lebenswert machen.
Glücklicherweise gehen nicht alle diese Gedanken derartig analytisch und trübsinnig in die Tiefen der Philosophie.
Eure Worte machen nachdenklich, gehen ins richtige Leben, beleuchten die inneren Werte und die Achtung vor anderen Menschen. Alle Essays tun das auf Augenhöhe und mit einem ganz hohen Maß an Respekt.
Ich habe Eure Texte in das Format meines Web-Editors übertragen. Ich habe keine Inhalte verändert und keine korrekte Rechtschreibung abgesichert. Da alle fünf Texte gleichzeitig veröffentlicht werden, habe ich sie alle nur mit Juli 2026 datiert.
Inhaltlich lassen wir die Texte für sich selber wirken. Es gibt Übereinstimmungen, Nuancen und Schwerpunkte. Jeder hat seinen eigenen Stil und seine eigene Perspektive. Man merkt jedem Text an, wie wichtig es dem Autoren damit ist. Das ist ganz ganz große Klasse!
Wer Fragen an die Autoren hat oder mit Ihnen ins Gespräch kommen möchte, kann das ganz bestimmt auch tun. Die drei Kandidaten für das Bürgermeisteramt sind da naturgemäß sehr offen. Ihr findet die Kontaktadressen ganz leicht im Internet. Auch Franziska's Homepage ist mit wenigen Klicks aufgespürt. Anfragen an Rolf reiche ich gerne weiter. Wer Lust hat, noch Texte zu dieser Kampagne nachzulegen, kann mir gerne eine E-Mail schicken an mark.obeck@gmx.de.
Hier bei mir wird aber nicht gehasst, gehetzt oder gedroht. Das veröffentliche ich nicht. Kritik, auch scharfe Kritik, ist aber willkommen.
Euer Mark O'Beck, im Juli 2026
Das Fundament und fünf Blickwinkel auf dieselbe Wahrheit (Rolf)
Das unantastbare Fundament unserer Zivilisation
Wer auf die Geschichte der Menschheit blickt, sieht Kriege, Revolutionen, Entdeckungen, große Reiche und ihren Untergang. Doch hinter all diesen Ereignissen steht eine einzige Idee, ohne die unsere Zivilisation niemals entstanden wäre. Es ist vielleicht der wichtigste Gedanke, den die Menschheit je hervorgebracht hat: Kein Mensch darf wie eine Sache behandelt werden. Kein Mensch darf nach seinem Nutzen bewertet werden.
In unserem Alltag begegnen uns ständig Dinge, die einen bestimmten Zweck erfüllen. Ein Auto bringt uns von einem Ort zum anderen. Ein Hammer hilft uns, einen Nagel in die Wand zu schlagen. Ein Computer verarbeitet Daten. Wenn diese Dinge kaputtgehen oder ihren Zweck nicht mehr erfüllen, ersetzen wir sie. Sie haben einen Preis. Aber sie besitzen keine Würde. Mit uns Menschen ist das völlig anders. Ein Mensch hat keinen Preis. Er besitzt eine Würde, die mit keinem Geld der Welt bezahlt werden kann. Und das Besondere daran ist: Ein Mensch hat diese Würde nicht, weil er besonders klug, reich, stark oder nützlich für die Gesellschaft ist. Er besitzt sie allein deshalb, weil er da ist. Weil er lebt. Weil er ein Mensch ist.
Um diesen Gedanken zu verstehen, braucht niemand ein langes Studium. Religion, Philosophie, Psychologie und Geschichte kommen auf ganz unterschiedlichen Wegen immer wieder zu derselben Erkenntnis.
Fünf Blickwinkel auf dieselbe Wahrheit
Der erste Blick führt in die Bibel. Dort heißt es, dass der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Das ist eine erstaunliche Aussage. Sie bedeutet: Jeder Mensch trägt dieselbe unverlierbare Würde in sich. Ganz gleich, ob arm oder reich, stark oder schwach, angesehen oder ausgestoßen. Vor Gott ist jeder Mensch gleich wertvoll.
Viele Jahrhunderte später dachte der Philosoph Immanuel Kant über dieselbe Frage nach. Er stützte sich dabei nicht auf Religion, sondern auf die Vernunft. Er formulierte eine einfache Regel: Behandle andere Menschen – und auch dich selbst – niemals nur als Mittel zum Zweck.
Was bedeutet das? Wer einen Menschen nur benutzt, um ein eigenes Ziel zu erreichen, macht ihn zu einem Werkzeug. Er behandelt ihn wie einen Hammer oder ein Auto. Genau das, sagte Kant, darf niemals geschehen. Jeder Mensch ist ein Zweck in sich selbst. Er verdient Achtung – einfach, weil er ein Mensch ist.
Doch wie lernen wir überhaupt, so zu denken? Hier hilft uns die Psychologie. Der Forscher Lawrence Kohlberg zeigte, dass sich unser moralisches Denken Schritt für Schritt entwickelt. Kleine Kinder handeln oft richtig, weil sie Strafe vermeiden oder eine Belohnung bekommen möchten. Später denken viele vor allem an den Vorteil für sich selbst oder die eigene Gruppe. Die höchste Stufe der moralischen Entwicklung ist jedoch erreicht, wenn wir erkennen: Jeder Mensch besitzt dieselben Rechte wie wir selbst. Wir respektieren andere nicht, weil es uns nützt, sondern weil sie dieselbe Würde besitzen wie wir.
Dass diese Gedanken nicht nur schöne Theorien sind, zeigt die Geschichte. Martin Luther King lebte in einer Zeit, in der schwarze Menschen in Amerika systematisch benachteiligt und erniedrigt wurden. Viele behandelten sie nicht als gleichwertige Menschen. Martin Luther King kämpfte nicht mit Gewalt. Er erinnerte Amerika und schließlich die ganze Welt daran, dass die Würde eines Menschen niemals von seiner Hautfarbe abhängen darf. Sein Traum war eine Gesellschaft, in der Menschen nach ihrem Charakter beurteilt werden – nicht nach ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe. Er zeigte, dass die Würde des Menschen stärker sein kann als Hass und Unterdrückung.
Eine wichtige Warnung kommt schließlich von Hannah Arendt. Die Barbarei beginnt nicht mit Gewalt. Sie beginnt mit der Sprache.
Hannah Arendt untersuchte, wie ganz normale Gesellschaften in schreckliche Diktaturen abrutschen konnten. Sie erkannte: Der erste Schritt besteht oft darin, dass Menschen nicht mehr als einzelne Personen gesehen werden. Stattdessen werden sie zu Etiketten. Man spricht nur noch von „den Ausländern“, „den Schmarotzern“, „den Feinden“ oder „den Unproduktiven“. Das einzelne Gesicht verschwindet hinter einer Gruppe. Und wenn der einzelne Mensch verschwindet, schwindet oft auch die Hemmung, ihm Unrecht anzutun.
Die Grenze des Staates und die Grundlage unserer Freiheit
Wenn wir diese fünf Blickwinkel zusammennehmen, erkennen wir eine entscheidende Wahrheit:
Die Würde des Menschen ist nicht deshalb unantastbar, weil es im Grundgesetz steht.
Sie steht im Grundgesetz, weil die Würde des Menschen unantastbar ist.
Dieser Unterschied ist klein, aber von großer Bedeutung. Der Staat hat dem Menschen seine Würde nicht geschenkt. Sie war schon da, lange bevor es Staaten oder Gesetze gab. Deshalb darf der Staat sie auch niemals nehmen. Die Menschenwürde ist kein Geschenk der Politik. Sie ist die Grenze, die keine Regierung überschreiten darf. Ein Staat darf seine Bürger niemals wie Schachfiguren behandeln, die man für ein vermeintlich höheres Ziel opfert. Deshalb ist die Menschenwürde auch keine politische Meinung. Über sie kann man nicht einfach abstimmen. Sie gilt nicht nur in guten Zeiten oder solange genug Geld vorhanden ist. Sie ist das Fundament, auf dem unsere ganze Zivilisation steht. Wenn dieses Fundament zerbricht, gerät das ganze Haus ins Wanken.
Die Entscheidung, vor der jede Generation steht.
Am Ende steht jede Familie, jede Stadt und jede Gesellschaft immer wieder vor derselben einfachen Frage: Wie wollen wir miteinander umgehen? Sehen wir den Menschen als Zweck in sich selbst – oder nur als Mittel für fremde Interessen? Wenn wir den Wert eines Menschen an seinen Nutzen knüpfen, entsteht eine kalte Gesellschaft. Dann zählen nur noch Leistung und Funktion. Alte, Kranke und Schwache geraten schnell an den Rand.
Wenn wir den Wert eines Menschen an seine Herkunft, seine Hautfarbe oder seine Identität knüpfen, entstehen Hass, Ausgrenzung und Misstrauen. Nur wenn wir den Wert eines Menschen an sein bloßes Dasein knüpfen – an die einfache Tatsache, dass er ein Mensch ist –, können Freiheit und Frieden dauerhaft bestehen.
Wer die Würde eines anderen Menschen schützt, schützt am Ende immer auch die eigene Menschlichkeit.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis unserer ganzen Zivilisation.
– Rolf Gemünden, ehem. Dozent für Völkerrecht im Dienst der Bundeswehr, im Juli 2026
Die Würde des Menschen – Maßstab des Rechts und Auftrag der Politik (Marie)
Die Würde des Menschen – Maßstab des Rechts und Auftrag der Politik
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Kaum ein Satz des Grundgesetzes ist bekannter. Und kaum ein Satz ist zugleich so anspruchsvoll. Denn Menschenwürde ist nicht nur ein Verfassungsprinzip, das in Lehrbüchern und Gerichtssälen diskutiert wird. Sie ist ein Maßstab dafür, wie wir miteinander leben wollen – als Gesellschaft, als Staat und auch als Kommune.
Als Juristin und Kommunalpolitikerin begegnet mir dieses Thema aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Im Jurastudium haben wir intensiv über die großen Fragen der Menschenwürde diskutiert: über das Folterverbot, über die Grenzen staatlichen Handelns und über die Frage, ob ein Mensch jemals zum bloßen Objekt gemacht werden darf. Ein bekanntes Beispiel war zum Beispiel das Urteil zum sogenannten Zwergenweitwurf. Die Diskussion dahinter lautete nicht, ob eine solche Veranstaltung geschmackvoll ist, sondern ob die Menschenwürde auch dann geschützt werden muss, wenn ein Betroffener freiwillig auf sie verzichtet. Ebenso beschäftigten wir uns mit der Frage, ob der Staat zur Rettung vieler Menschen in Extremsituationen Folter anwenden dürfte. Die Antwort unseres Grundgesetzes ist klar: Die Würde des Menschen ist unverfügbar, auch die des vermeintlichen Täters und auch wenn durch ihre Einschränkung Menschleben gerettet werden können. Sie steht nicht zur Disposition des Einzelnen, politischer Interessen, wirtschaftlicher Vorteile oder vermeintlicher Nützlichkeitserwägungen. Gerade darin liegt ihre besondere Bedeutung.
Menschenwürde hängt nicht davon ab, wie leistungsfähig ein Mensch ist, welchen gesellschaftlichen Status er besitzt oder welche Entscheidungen er trifft. Sie ist nicht verdient und nicht verlierbar. Sie kommt jedem Menschen allein deshalb zu, weil er Mensch ist. Diese Erkenntnis ist nicht nur für Juristinnen und Juristen wichtig. Sie hat unmittelbare Konsequenzen für politisches Handeln. Denn die Frage der Menschenwürde stellt sich nicht nur in den spektakulären Grenzfällen, die Gegenstand höchstrichterlicher Entscheidungen werden. Sie stellt sich auch im Alltag. Sie stellt sich dort, wo Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen ins Leben starten. Dort, wo Familien bezahlbaren Wohnraum suchen. Dort, wo ältere Menschen auf Barrierefreiheit angewiesen sind. Dort, wo Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Einkommens oder einer Behinderung Gefahr laufen, von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen zu werden. Natürlich kann Kommunalpolitik Menschenwürde nicht „vergeben“. Die Würde besitzt jeder Mensch bereits. Aber Kommunalpolitik kann darüber entscheiden, ob Menschen die Möglichkeit erhalten, ihre Fähigkeiten zu entfalten und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Deshalb verstehe ich gute Kommunalpolitik immer auch als Würdepolitik. Wer in Bildung investiert, stärkt die Chancen von Kindern unabhängig vom Elternhaus. Wer für eine verlässliche Kinderbetreuung sorgt, ermöglicht Familien echte Teilhabe. Wer sich für die Schaffung von Wohnraum einsetzt, schützt Menschen vor sozialer Ausgrenzung. Wer Barrieren abbaut, ermöglicht Selbstbestimmung. Wer Vereine, Kultur und Ehrenamt unterstützt, schafft Orte der Begegnung und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Dabei geht es nicht um Gleichmacherei. Menschen werden immer unterschiedliche Lebenswege gehen. Aber es ist Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass Herkunft nicht über Zukunft entscheidet und dass niemand aufgrund seiner Lebensumstände dauerhaft abgehängt wird. Gleiche Würde verlangt nicht gleiche Ergebnisse. Sie verlangt faire Chancen. Die Chance den Weg einzuschlagen, den der Einzelne für sich selbst bestimmt. Gerade auf kommunaler Ebene wird sichtbar, ob dieser Anspruch ernst genommen wird. Denn hier begegnen die Menschen dem Staat unmittelbar: in der Kita, in der Schule, im Bürgeramt, auf der Straße, im Bus, im Seniorenheim oder auf dem Sportplatz. Hier entscheidet sich oft, ob Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, gesehen, respektiert und ernst genommen zu werden. Für mich ist die Würde des Menschen deshalb mehr als ein Verfassungsgrundsatz. Sie ist ein politischer Kompass. Sie erinnert uns daran, dass jeder Mensch einen Eigenwert besitzt, der niemals von seiner Nützlichkeit oder seinem Erfolg abhängen darf. Und sie verpflichtet uns, die Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen ihre Freiheit tatsächlich nutzen können.
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Aufgabe von Politik besteht darin, dafür zu sorgen, dass dieser Satz nicht nur am Anfang unseres Grundgesetzes steht, sondern auch im Alltag unserer Städte und Gemeinden spürbar wird.
- Marie Jordan, Juristin, Kreistagsabgeordnete und Ratsfrau, Kandidatin der CDU für das Bürgermeisteramt in Osterholz-Scharmbeck, im Juli 2026
Menschenwürde ist keine Theorie, sondern eine Haltung (Marcus)
Menschenwürde ist keine Theorie, sondern eine Haltung
Vor einiger Zeit hatte ich eine Begegnung, die mir lange im Gedächtnis bleiben wird. Eigentlich sollte es ein kurzes Gespräch werden. Doch je länger wir miteinander sprachen, desto mehr ging es nicht mehr um Alltägliches, sondern um das Leben selbst. Wir sprachen über Erfahrungen, die geprägt haben. Über schwere Zeiten und darüber, wie man wieder aufsteht. Über Dinge, auf die man stolz sein kann. Und über die Menschen, die einen auf ihrem Weg begleitet haben. Als wir uns verabschiedeten, wurde mir bewusst, dass ich nicht nur zugehört hatte. Ich hatte selbst etwas mitgenommen. Gedanken, die mich noch lange beschäftigten. Die Begegnung erinnerte mich daran, wie viel wir voneinander lernen können, wenn wir bereit sind, uns wirklich aufeinander einzulassen. Gerade diese Erfahrung ließ in mir eine grundsätzliche Frage entstehen: Was macht den Wert eines Menschen aus? Worin liegt die Würde, die jedem Menschen zukommt? Was bedeutet eigentlich Menschenwürde?
Wenn ich an Menschenwürde denke, denke ich nicht zuerst an Gesetze, Gerichte oder politische Debatten. Ich denke an Menschen. An Begegnungen. An Gespräche. An die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass Menschenwürde dort sichtbar wird, wo wir bereit sind, den Menschen hinter seiner Rolle wahrzunehmen. Für mich beginnt Menschenwürde damit, einen Menschen wahrzunehmen. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Im Alltag sehen wir oft zuerst die Rolle eines Menschen. Wir sehen die Verkäuferin, den Handwerker, die Reinigungskraft, den Hausmeister, den Arzt oder die Führungskraft. Was wir häufig nicht sehen, ist der Mensch hinter dieser Rolle. Dabei trägt jede Persönlichkeit seine eigene Geschichte in sich. Hoffnungen, Sorgen, Erfahrungen, Erfolge und Niederlagen. Niemand lässt sich auf seinen Beruf, seine Herkunft oder seinen gesellschaftlichen Status reduzieren. Das ist einer der Gründe, warum ich mich sehr für Menschen interessiere. Für ihre Geschichten, ihre Erfahrungen und ihre Sicht auf das Leben. Nicht aus Neugier um der Neugier willen, sondern weil ich davon überzeugt bin, dass jeder Mensch etwas zu erzählen hat. Echtes Interesse ist für mich eine Form der Wertschätzung. Wer Interesse zeigt, signalisiert seinem Gegenüber: Du bist wichtig. Deine Gedanken sind wichtig. Deine Erfahrungen sind wichtig. Für mich zeigt sich auch darin etwas von der Würde des Menschen. Mir liegt es daran, dass es meinem Gegenüber gut geht, wenn er mit mir spricht. Dieser Satz klingt vielleicht einfach. Für mich steckt darin jedoch etwas Wesentliches. Ich möchte, dass Menschen sich ernst genommen fühlen. Dass sie offen sprechen können. Dass sie spüren, dass echtes Interesse vorhanden ist. Dabei habe ich im Laufe der Jahre gelernt, dass gute Begegnungen keine Einbahnstraße sind. Natürlich höre ich Menschen gerne zu und interessiere mich für ihre Geschichten. Aber genauso wertvoll sind Gespräche, in denen auch echtes Interesse zurückkommt. Die schönsten Begegnungen sind für mich die, in denen beide Seiten bereit sind zuzuhören, nachzufragen und etwas von sich selbst zu zeigen. Dort entsteht Vertrauen. Dort entsteht Verständnis. Und dort erleben Menschen etwas von der Würde, die entsteht, wenn man sich gegenseitig ernst nimmt. Dabei habe ich oft festgestellt, dass viele gar nicht immer nach Lösungen suchen. Häufig möchten sie zunächst einmal wahrgenommen werden. Sie möchten erzählen können, was sie bewegt. Sie möchten gehört werden. Sie möchten spüren, dass jemand wirklich zuhört. Für mich beginnt Menschenwürde genau dort.
Im Laufe meines Lebens habe ich viele unterschiedliche Menschen kennengelernt. Menschen mit ganz verschiedenen Lebenswegen und Erfahrungen. Je mehr ich kennenlernen durfte, desto vorsichtiger bin ich mit schnellen Urteilen geworden. Immer wieder habe ich erlebt, dass hinter meinem ersten Eindruck eines Menschen eine Geschichte steckt, die ich nicht erwartet hätte. Wir sehen oft nur einen kleinen Ausschnitt eines Lebens. Die Erfahrungen, Zweifel, Rückschläge und Entscheidungen dahinter bleiben uns meist verborgen. Wer sich die Zeit nimmt, zuzuhören, entdeckt häufig mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.
Aus Gesprächen mit anderen Menschen habe ich viel gelernt. Vor allem habe ich gelernt, dass das Leben selten geradlinig verläuft. Man begegnet Menschen, die stark wirken, und erfährt plötzlich, welche Krisen sie überwunden haben. Man spricht mit Menschen, die freundlich und lebensfroh erscheinen, und erfährt, dass auch sie Zeiten erlebt haben, in denen ihnen nicht zum Lachen zumute, war. Solche Begegnungen machen mir Mut. Sie zeigen mir, dass schwierige Phasen zum Leben gehören. Dass nach einem Tief meist wieder ein Hoch kommt. Nicht jedes Problem löst sich sofort. Nicht jede Sorge verschwindet von heute auf morgen. Aber viele Menschen zeigen durch ihre eigene Geschichte, dass man mehr bewältigen kann, als man manchmal selbst glaubt. Das ist für mich eine der schönsten Seiten echter Begegnungen. Sie verbinden nicht nur miteinander. Sie schenken Hoffnung. Dabei habe ich gelernt, dass gute Gedanken nicht immer dort entstehen, wo man sie erwartet.
Zur Begegnung auf Augenhöhe gehört für mich auch, Gedanken zunächst einmal ernst zu nehmen. Das bedeutet nicht, dass ich jede Idee für richtig halte oder jede Meinung teile. Aber ich finde, jeder Mensch verdient die Chance, gehört zu werden. Manchmal erscheinen Gedanken auf den ersten Blick ungewöhnlich, unrealistisch oder sogar etwas verrückt. Trotzdem höre ich gerne hin. Denn ich habe oft erlebt, dass aus einem Gedanken ein neuer Gedanke entsteht. Aus einer Frage entwickelt sich eine neue Perspektive. Und aus einer scheinbar abwegigen Idee kann ein Impuls entstehen, der zum Nachdenken anregt. Deshalb versuche ich, nicht vorschnell zu urteilen. Begegnung auf Augenhöhe bedeutet für mich auch, mich auf mein Gegenüber einzulassen. Dazu gehört die Sprache. Ich versuche so zu sprechen, dass mein Gegenüber mich verstehen kann. Nicht, weil ich jemanden unterschätze, sondern weil ich verstanden werden möchte und ich mein Gegenüber verstehen möchte. Ein gutes Gespräch ist für mich kein Wettbewerb um die klügsten Worte. Es geht darum, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das gelingt nur, wenn beide Seiten bereit sind, sprachlich aufeinander zuzugehen. Wenn ich mich frage, woher diese Haltung kommt, dann denke ich unter anderem an meine Eltern. Sie haben mir Respekt vor anderen Menschen nicht durch große Reden vermittelt. Sie haben ihn vorgelebt. Für sie spielte es keine Rolle, welchen Beruf jemand hatte, woher jemand kam oder wie viel Geld jemand verdiente. Entscheidend war immer der Mensch selbst. Rückblickend bin ich dankbar für diese Prägung. Vieles von dem, was heute ausführlich diskutiert wird, war für mich schon früh selbstverständlich: Menschen freundlich zu begegnen, zuzuhören, Interesse zu zeigen und andere ernst zu nehmen. Natürlich gelingt das nicht immer perfekt. Auch ich urteile manchmal zu schnell oder liege falsch. Aber die Grundhaltung ist geblieben: Erst den Menschen sehen, dann die Unterschiede. Für mich ist diese Haltung nicht nur für persönliche Begegnungen wichtig. Sie ist auch eine Grundlage unseres Zusammenlebens. Eine freie und demokratische Gesellschaft lebt davon, dass Menschen einander als gleichwertig anerkennen, selbst dann, wenn sie unterschiedliche Meinungen vertreten. Wo wir aufhören zuzuhören und beginnen, Menschen nur noch in Gruppen oder Kategorien einzuordnen, geht etwas verloren, das für unser Gemeinwesen unverzichtbar ist.
Wenn ich heute auf unsere Gesellschaft blicke, frage ich mich manchmal, ob wir uns noch genügend Zeit füreinander nehmen. Wir leben in einer Zeit, in der ständig etwas um unsere Aufmerksamkeit konkurriert. Nachrichten, soziale Medien, E-Mails und unzählige Informationen begleiten unseren Alltag. Vieles davon ist hilfreich und bereichernd. Gleichzeitig habe ich manchmal den Eindruck, dass echte Begegnungen seltener geworden sind. Vielleicht haben wir nicht zu wenig Kontakt miteinander. Vielleicht haben wir zu wenig Begegnung miteinander. Denn Begegnung braucht Zeit. Sie braucht Aufmerksamkeit. Und sie braucht die Bereitschaft, sich auf einen anderen Menschen einzulassen. Ich habe oft erlebt, dass Menschen gar nicht in erster Linie Antworten suchen. Häufig möchten sie erzählen, was sie bewegt. Sie möchten verstanden werden. Sie möchten spüren, dass ihr Gegenüber wirklich präsent ist. Für mich ist das eine Form von Wertschätzung. Nicht jede Begegnung muss außergewöhnlich sein. Manchmal reicht schon die Bereitschaft, einem Menschen aufmerksam zu begegnen. Genau dort zeigt sich für mich etwas von dem, was wir Menschenwürde nennen. Je länger ich über das Thema nachdenke, desto weniger verbinde ich es mit großen Begriffen und desto mehr mit kleinen Gesten. Mit einer Gegenfrage. Mit einem offenen Ohr. Mit ehrlichem Interesse. Mit dem Mut, einem Menschen unvoreingenommen zu begegnen. An Begegnungen, die mich berührt haben. An Gespräche, die mich nachdenklich gemacht haben. An Geschichten, die mir Mut gegeben haben. Und an die vielen Erfahrungen, die andere Menschen mit mir geteilt haben. Ich denke an Menschen, die sich gesehen fühlen. An Menschen, die ernst genommen werden. An Menschen, denen auf Augenhöhe begegnet wird. Nicht immer werden wir einer Meinung sein. Nicht immer werden wir die Entscheidungen oder Ansichten anderer verstehen. Aber wir können einander mit Respekt begegnen. Wir können versuchen zuzuhören, bevor wir urteilen. Und wir können anerkennen, dass hinter jedem Menschen eine Geschichte steht, die wir nicht vollständig kennen. Denn wer Menschen wahrnimmt, ihnen zuhört und sie ernst nimmt, begegnet ihrer Würde. Und wer selbst erlebt, wahrgenommen, ernst genommen und gehört zu werden, erfährt etwas von der eigenen Würde. Die wertvollsten Begegnungen sind für mich die, in denen beides geschieht. Und deshalb begleitet mich bis heute eine Erkenntnis: Jeder Mensch kann mir etwas zeigen, was ich noch nicht weiß oder verstanden habe.
Deshalb ist die Würde des Menschen für mich keine Theorie, sondern eine Haltung.
- Marcus Wiedelmann, unabhängiger Kandidat für das Bürgermeisteramt in Osterholz-Scharmbeck, im Juli 2026
Die leise Kraft der Menschenwürde (Franziska)
„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ (Artikel 1, Absatz 1 des deutschen Grundgesetzes). Ich denke, dass jeder und jede von uns diese sechzehn Worte, die wie ein Fels für unsere demokratische Ordnung stehen, kennt.
Doch was bedeutet das real im Alltag abseits des Gesetzestextes? Wenn ich, was ich gern mache, dem Wort erst einmal nachspüre, begegnet es mir in vielen Facetten. Da gibt es die unwürdigen Bedingungen, unsere Würde wird auch schon einmal mit Füßen getreten. Auf der anderen Seite begegnen wir dem Würdenträger, tragen eine Last mit Würde, benehmen uns würdevoll oder altern in Würde oder als Bertolt Brechts „unwürdige Greisin“. Das heißt, diese Redensarten beschreiben immer eine Haltung oder ein Verhalten. Ich verstehe sie deshalb als das Fundament, auf dem unser aller Respekt voreinander ruht – in einer Welt, die sich immer schneller dreht und in der der Wert eines Menschen häufig nur noch an seiner Leistung, seinem Einkommen, seinem Status oder seinen Followern auf Social Media gemessen wird, wichtiger denn je.
Fällt es mir schwer, einen abstrakten Begriff greifbar zu machen, spiele ich gern mit dessen Buchstaben und bilde sogenannte Akrostichons. Für Würde habe ich versucht, sie mit folgenden Definitionen alltagstauglich zu machen:
W – Wertschätzung: Jedem Menschen mit Wohlwollen und Respekt begegnen, ohne Vorurteile.
Ü – Überparteilichkeit: Würde kennt keine Grenzen, keine Hautfarbe, keine sozialen Schichten und kein politisches Lager. Sie gilt universell.
R – Respekt: Die Autonomie des anderen uneingeschränkt achten.
D – Demokratie: Das Versprechen, dass jede Stimme zählt und kein Mensch dabei höher bewertet wird.
E – Empathie: Die Fähigkeit, sich in die Lage des anderen zu versetzen – besonders dann, wenn er verletzlich ist.
Für alle, denen auch das noch zu abgehoben klingt, ein kleines reales Beispiel dafür aus meinem Alltag:
Auf dem Weg zur Arbeit gehe ich in Bremen häufig an ihnen vorbei: Menschen, die am Straßenrand sitzen, die Hand aufhalten oder eine kleine Blechbüchse vor sich stehen haben. In diesem kurzen Moment des Vorbeigehens bricht in mir jedes Mal neu ein innerer Konflikt, eine Unsicherheit auf. Ist es richtig, etwas zu geben? Macht das bloße Hineinwerfen von Kleingeld die Situation nicht erst recht unangenehm, weil es das Gefälle zwischen „mir da oben“ und „ihm da unten“ betont? Nicht etwa, dass ich denke „Der ist doch selbst schuld. Es gibt bei uns staatliche Hilfe, niemand muss auf der Straße leben.“ Das greift für mich zu kurz. Es übersieht, dass manchmal schlicht die psychische Kraft fehlt, etwas daran zu ändern oder dass die Scham größer ist als die Kälte auf der Straße. Entscheidet sich Würde nicht genau hier? Im Blickkontakt, einem freundlichen Gruß, einem Nicken, dem Zeichen „Ich sehe dich als Mensch“. Wenn ich den Blick nicht beschämt abwende, nicht vorbei haste, sondern dem Gegenüber auf Augenhöhe begegne, verteidige ich seine Würde und damit auch meine eigene.
Mein Fazit: Würde ist kein Zustand, den wir einmal erreichen und dann besitzen. Sie ist ein tägliches Versprechen, das wir uns gegenseitig geben und täglich immer neu praktizieren sollten. Die Würde des Menschen bleibt unantastbar – solange wir sie alle gemeinsam aktiv schützen.
- Franziska Roch, Bloggerin und Geschichtenmacherin aus Cuxhaven, im Juli 2026
Die Würde - Über Verantwortung und Gemeinschaft (Torsten)
Ein Essay über Verantwortung und Gemeinschaft
Würde ist kein leeres Schlagwort, kein juristischer Jargon, kein abstrakter Maßstab, der sich in Paragrafen versteckt. Sie ist ein lebendiges Versprechen, das unser gemeinsames Zusammenleben trägt. Und doch wirkt Würde heute oft wie eine stille Randnotiz in einer Welt voller Geschwindigkeit, Konflikte und Oberflächlichkeiten. In Krisen - ob am Lebensende eines Menschen, in Kriegsgebieten oder in den saloppen Feuilletons, die leichtfertig über das Schicksal anderer hinwegschrammen - zeigt sich, ob Würde mehr als ein klangvolles Wort ist: Ob sie eine Praxis wird oder ein flüchtiges Zitat bleibt.
Was ist Würde, jenseits von Definitionen? Der Versuch, Würde zu definieren, verengt oft den Blick. Doch eine schlichte Feststellung reicht: Würde bedeutet, dass jeder Mensch einen unverfügbaren Wert besitzt, der in seiner Autonomie, in seiner Verletzlichkeit und in seiner Fähigkeit zu Sinngebungen verankert ist. Würde heißt, dem Gegenüber als Subjekt zu begegnen - nicht als Instrument, als Kostenstelle, nicht als Quelle oder Ziel politischer oder wirtschaftlicher Berechnungen. Sie ruft zur Verantwortung auf: für die Schwächeren, für die, die sich oft hinter Macht, Profit oder anonymen Strukturen verstecken, und auch für diejenigen, die sich selbst im Internet in unmittelbarem Tonfall begegnen.
In Zeiten der Beschleunigung verlieren wir leicht den Blick für die Würde des Anderen. Wir messen Menschen in Effekten, in Klickzahlen, in Beitragsverteilung, in der Fähigkeit, schnell zu reagieren oder überzeugend zu wirken. Doch Würde verlangt Langsamkeit der Seele und Wachheit des Herzens: Die Bereitschaft zuzuhören, dem Schmerz des Anderen Raum zu geben, die Autonomie des Gegenübers zu achten, auch wenn seine Lebenswelt uns fremd erscheint, vielleicht unbequem. Würde bedeutet, sich die Frage zu stellen: Wie würde ich wollen, dass mit meinem eigenen Leben umgegangen wird, wenn ich heute nicht mehr in der Lage bin, mich zu verteidigen, zu erklären, zu arbeiten, zu kämpfen?
Die Frage nach Würde hat eine ethische, eine theologische, eine politische Dimension - und sie hat eine intime, persönliche Komponente. Im Blick auf das Sterben und das Altern wird Würde am deutlichsten sichtbar. Wer am Lebensende steht, braucht Begleitung statt Ausgrenzung, Autonomie statt Verordnung, Respekt statt Scham. Hospiz- und Palliativversorgung sind nicht einfach medizinische Angebote, sondern Formen des menschlichen Umgangs mit Vergänglichkeit – ein letzter, aber ungebrochener Zug der Würde. Würde am Lebensende bedeutet: Dass das Sterben nicht zum bloßen Versehen wird, sondern zur Würdigung dessen, was das Leben ausgemacht hat. Dass wir uns in den letzten Stunden, Tagen oder Wochen nicht hinter der rationalen Rechtfertigung verstecken, sondern die Wärme der Nähe, die Kraft der Geschichten, die Würde der Abschiedsrituale anbieten.
Doch Würde endet nicht an den Grenzen von Geburt und Tod. Sie ist der Maßstab, an dem politische Ordnung gemessen wird. Eine Gesellschaft, welche die Würde ihrer Bürgerinnen und Bürger ernst nimmt, sorgt für sichere Grundbedürfnisse, gerechte Bildungschancen, Zugang zu Gesundheitsversorgung, faire Teilhabe und Schutz vor Diskriminierung. Sie erkennt, dass Armut nicht nur eine wirtschaftliche Frage ist, sondern eine Abwertung der Lebensführung, die die Würde untergräbt. Gleiches gilt für Rassismus, Sexismus, Ableismus und jede Form der Ausgrenzung des Menschen. Würde verlangt Strukturen, die nicht gegen, sondern mit dem Menschen arbeiten: Transparenz, Rechtsstaatlichkeit, unabhängige Medien, starke soziale Netze, Bildung, die Empathie, Reflexion und verantwortliches Handeln stärkt. Am Ende geht es um Demokratie.
In Konflikten – sei es im Ukrainekrieg, in regionalen Auseinandersetzungen oder in den mikroskopisch kleinen Streitigkeiten des täglichen Umgangs – widersetzt sich Würde jeder Gewalttat, jeder Entmenschlichung. Wie oft begegnen wir Bildern, in denen andere Menschen zu Kollateralschäden, zu Kräften werden, die sich rechtfertigen müssen, weil „der Zweck die Mittel heilige“? Würde sagt: Nicht so. Der Mensch bleibt der Maßstab, auch wenn die Welt in Schutt und Asche zu verfallen scheint. Und Würde verlangt, dass wir uns gegen Entmenschlichung wappnen – vor der eigenen Tür wie außerhalb. Gegen Pauschalisierung, gegen die Reduktion des Gegenübers auf stereotype Merkmale, gegen die Resignation, die behauptet, alles sei ohnehin verloren.
Vielleicht ist Würde auch eine Kunstform: die Kunst, in einer polarisierenden Welt menschlich zu bleiben. Nicht indem wir uns in moralischer Selbstgefälligkeit verlieren, sondern indem wir mutig bleiben: zuzuhören, wenn andere anderer Meinung sind, zu widersprechen, ohne den anderen zu entwerten; zu handeln, wenn Ungerechtigkeit sichtbar wird; und gleichzeitig zu fragen, wie wir gemeinsam Räume gestalten, in denen Würde mehr ist als ein Anspruch, sondern eine Praxis. Diese Praxis bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – für den Umgang miteinander, für die Gestaltung von Arbeitswelten, Bildungseinrichtungen, Medienlandschaften, politischen Debatten und öffentlichen Diskursen.
Was bedeutet das konkret? Hier ein paar Leitsätze, die mir im Herzen bleiben:
• Würde heißt Freiheit mit Verantwortung. Freiheit ohne Verantwortung kippt schnell in Egoismus. Verantwortung ohne Freiheit wird zur Bevormundung. Beides zusammen macht Würde lebendig.
• Würde braucht Begegnung, nicht Monsterisierung. Wenn wir Menschen, die uns scheinbar fremd sind, als Subjekte anerkennen, öffnen sich Räume für Dialog, Verständigung und gemeinsame Lösungen. Hier sei noch das Stichwort der Alterität genannt.
• Würde zeigt sich in der bewussten Zuwendung - in der Zeit, die wir investieren; in der Sprache, die wir wählen; in den Gesten der Anteilnahme; im echten Zuhören. Nicht in dem, was laut, schnell oder provokant klingt.
• Würde verlangt Strukturen, die schützen: ausreichend Lohn, faire Arbeitsbedingungen, Zugang zu Bildung, medizinische Versorgung, soziale Sicherung, Barrierefreiheit. Strukturen, die nicht nur reagieren, sondern vorbauen.
• Würde ist inklusiv. Sie schließt niemanden aus, nur weil sie oder er anders denkt, aussieht, handelt oder lebt. Würde bedeutet, dass Vielfalt geachtet wird und jeder Mensch eine Stimme hat, auch die Schwächsten.
In einer Epoche der Turbulenzen, in der Geschwindigkeit, neue Technologien, Krisen und Konflikte unseren Alltag prägen, bleibt Würde eine bleibende Orientierung - nicht als Index, der täglich neu berechnet wird, sondern als Grundhaltung, die unser Handeln bestimmt. Sie ist kein politischer Trend, kein kulturelles Modewort, sondern Grundrecht in der Praxis: Wir begegnen einander als gleichwertige Menschen, wir schützen das Leben, wir ehrlichen Dialog, wir gestalten gemeinsam - mit Mut, Geduld und Demut.
Vielleicht ist der Anfang jeder Würde die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen: Wo bin ich Teil des Problems, wo Teil der Lösung? Wer profitiert, wenn ich schweige oder wenn ich lache, während andere leiden? Welche kleinen, konkreten Schritte kann ich heute tun, um Würde dort größer zu machen, wo sie bedroht ist - im Pflegeheim, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, im Netz? Würde entsteht dort, wo sich Verantwortung und Empathie begegnen und dort, wo Gerechtigkeit nicht nur ein Wort bleibt, sondern ein Handeln.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Würde kein seltenes Ereignis bleibt, sondern der normale Zustand des Zusammenlebens. In dieser Würde finden Menschen Halt, Sinn und Zugehörigkeit - besonders dort, wo sie am meisten gebraucht wird: im Angesicht von Verlust, Krankheit, Ausgrenzung, Gewalt. Mögen wir lernen, ihr dankbar zu begegnen und sie weiterzugeben, damit auch kommende Generationen in einer Welt leben, in der der Wert jedes einzelnen Lebens anerkannt und geschützt wird.
- Torsten Haß, Erster Stadtrat, Kandidat der SPD mit Unterstützung der Grünen für das Bürgermeisteramt in Osterholz-Scharmbeck, im Juli 2026
Der Patriot, der sein Haus liebt (Rolf, Juli 2026)
Der leise Patriot
Kennen Sie dieses Gefühl, wenn Sie nach einer langen Reise wieder die deutsche Grenze überqueren?
Es ist kein lauter Jubel. Niemand schwenkt Fahnen. Es ist einfach dieses tiefe Aufatmen. Die vertraute Sprache. Der Geruch von feuchtem Waldboden nach einem Sommerregen. Das gute Gefühl, dass das Wasser aus dem Hahn trinkbar ist. Dass Polizei und Gerichte nach Recht handeln sollen. Dass man seine Meinung sagen darf, ohne Angst haben zu müssen. Kurz: Man ist wieder zu Hause.
Das ist Patriotismus. Und das Schönste daran ist: Er ist leise.
Leiser Patriotismus braucht keine Parolen. Er braucht keine Bühne und kein Megafon. Er zeigt sich dort, wo niemand Beifall klatscht. Wenn die Freiwillige Feuerwehr nachts um drei ausrückt. Wenn Ehrenamtliche den Sportplatz herrichten oder in der Stadtbibliothek Kindern vorlesen. Wenn jemand Müll aus dem Wald sammelt, obwohl er ihn nicht selbst weggeworfen hat. Wenn Menschen Steuern zahlen, sich an Regeln halten und Verantwortung übernehmen, weil sie wissen, dass ein Gemeinwesen nur funktioniert, wenn jeder seinen kleinen Teil dazu beiträgt.
Der leise Patriot muss niemandem erzählen, dass Deutschland das beste Land der Welt ist. Es reicht ihm, dass es sein Zuhause ist. Er weiß, dass dieses Land Fehler hat. Natürlich hat es die. Aber gerade deshalb kümmert er sich darum, dass es besser wird. Nicht mit Geschrei, sondern mit Tatkraft. Und weil er sich seiner Heimat sicher ist, muss er das Fremde nicht fürchten. Er kann neugierig sein. Er kann Neues zulassen. Denn wer ein stabiles Fundament hat, muss keine Angst vor offenen Fenstern haben.
Doch wer heute durch manche sozialen Netzwerke scrollt oder den selbst ernannten „Rettern des Abendlandes“ zuhört, begegnet einem ganz anderen Bild. Dort wird Patriotismus oft wie eine Waffe benutzt. Laut. Wütend. Immer auf der Suche nach neuen Feindbildern.
Wenn man genauer hinsieht, bleibt davon allerdings erstaunlich wenig übrig. Unter der Oberfläche stecken meistens nur zwei Dinge: der Wunsch, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben – und die Weigerung, die Wirklichkeit anzuerkennen.
Der Patriarch – der alles bestimmen will
Der völkische Ideologe träumt von einer Gesellschaft, in der möglichst wenige entscheiden und alle anderen folgen. Vielfalt stört ihn. Widerspruch nervt ihn. Menschen, die anders aussehen, anders lieben oder anders denken, passen nicht in sein Weltbild. Seine Vorstellung von Heimat erinnert eher an einen strengen Familienvater aus vergangenen Jahrhunderten: Einer bestimmt. Alle anderen haben zu gehorchen. Deshalb wird ständig nach Verboten gerufen. Theater sollen gefälligst die „richtigen“ Stücke spielen. Museen die „richtige“ Kunst zeigen. Schulen die „richtigen“ Bücher lesen. Das hat mit Heimatliebe nichts zu tun. Wer erwachsenen Menschen vorschreiben möchte, was sie denken, lesen oder fühlen sollen, vertraut ihnen nicht. Und wer seinen Mitbürgern nicht vertraut, hat offenbar auch wenig Vertrauen in die Freiheit.
Der Idiot – der die Wirklichkeit nicht sehen will
Das Wort „Idiot“ stammt ursprünglich aus dem Altgriechischen. Es bezeichnete einen Menschen, der sich nur um seine eigene kleine Welt kümmerte und die Angelegenheiten der Gemeinschaft ausblendete.
Genau das erleben wir heute wieder. Deutschland altert. Überall fehlen Fachkräfte. Handwerksbetriebe suchen händeringend Nachwuchs. Pflegeheime finden kaum Personal. Unternehmen suchen Ingenieure, Informatiker und Auszubildende.
Darüber kann man sich ärgern. Man kann sich wünschen, dass manches anders wäre. Aber man kann die Wirklichkeit nicht einfach abschaffen.
Wer ernsthaft glaubt, Deutschland werde stärker, wenn immer weniger Menschen arbeiten, immer mehr Fachkräfte fehlen und gleichzeitig Grenzen zur wirtschaftlichen Abschottung hochgezogen werden, verwechselt Wunschdenken mit Realität.
Das schützt unsere Heimat nicht. Es macht sie schwächer.
Wer sein Haus liebt, kümmert sich darum. Vielleicht lässt sich der Unterschied zwischen echtem Patriotismus und völkischem Nationalismus ganz einfach erklären.
Stellen Sie sich Ihr eigenes Haus vor. Das Dach wird undicht. Die Heizung streikt. Die Fenster müssten erneuert werden. Was macht jemand, der sein Haus liebt? Er schimpft vielleicht kurz. Dann ruft er den Handwerker. Oder er repariert. Er streicht. Er modernisiert. Weil er möchte, dass das Haus auch für seine Kinder und Enkel ein gutes Zuhause bleibt.
Der völkische Nationalist macht etwas anderes. Er steht schimpfend im Vorgarten. Er beschimpft die Handwerker. Er erklärt jedem, dass früher alles besser gewesen sei. Und während er über die Farbe der Tapeten schimpft, schlägt er mit dem Vorschlaghammer auf tragende Wände ein. Am Ende ist das Haus nicht gerettet. Es ist beschädigt.
Heimat entsteht nicht durch Lautstärke. Sie entsteht durch Verantwortung. Durch Menschen, die sich kümmern. Durch Nachbarn, die einander helfen. Durch Lehrer, Feuerwehrleute, Pflegekräfte, Unternehmer, Handwerker, Polizisten, Richter, Vereinsvorstände und Ehrenamtliche, die jeden Tag ihren Beitrag leisten. Sie alle sind Patrioten. Nicht weil sie ständig von Deutschland reden. Sondern weil sie jeden Tag etwas für Deutschland tun.
Lassen wir uns deshalb den Begriff des Patriotismus nicht von denen nehmen, die ihn für Ausgrenzung und Feindbilder missbrauchen.
Heimat ist kein Ort, den man anschreit. Heimat ist ein Ort, um den man sich kümmert.
Man hebt Müll auf, statt Hass zu streuen. Man hilft dem Nachbarn, statt Sündenböcke zu suchen. Man übernimmt Verantwortung, auch wenn niemand zusieht.
Das ist Patriotismus. Leise. Unaufgeregt. Und gerade deshalb so stark.
– Rolf, Jahrgang 1961, ehem. Dozent für Völkerrecht im Dienst der Bundeswehr
Marktradikalismus und Nationalismus - Der ideologische Bastard der AfD (Rolf, Juni 2026)
Der große Widerspruch: Wenn Marktradikalismus auf Nationalismus trifft – Der ideologische Bastard der AfD
Das Credo des reinen Laissez-faire-Kapitalismus klingt verlockend: Ein Staat, der sich vollständig heraushält, und ein Markt, der sich durch die „unsichtbare Hand“ selbst optimal reguliert. Doch die historische und ökonomische Realität entlarvt diese Vorstellung als gefährliche Utopie. Ein vollständig entfesselter Markt produziert keine kollektive Freiheit, sondern begünstigt strukturelles Systemversagen: Er fördert Monopolbildung, externalisiert ökologische und soziale Kosten, zerstört durch ungehemmte Ausbeutung langfristig seine eigenen Lebensgrundlagen und verschärft ohne soziale Sicherungssysteme die gesellschaftliche Ungleichheit bis hin zu Armut und sozialem Zerfall. Der Markt bewertet Zahlungsbereitschaft – nicht Ethik, Gemeinwohl oder soziale Gerechtigkeit. Wer ihn zum alleinigen Ordnungsprinzip erhebt, opfert das Gemeinwesen der Logik des Profits.
In der aktuellen politischen Landschaft Deutschlands zeigt sich eine besonders widersprüchliche und gefährliche Radikalisierung dieser Logik im Programm der Alternative für Deutschland (AfD). Die Partei übernimmt zentrale Elemente eines extremen Laissez-faire-Denkens, indem sie den Staat genau dort zurückdrängen will, wo er eine schützende Funktion erfüllt: Sie fordert weitreichende Steuerentlastungen für Wohlhabende, den Abbau staatlicher Eingriffe, die Streichung zahlreicher Subventionen und die weitgehende Abschaffung klimapolitischer Regulierungen. Diese Form der Deregulierung überlässt zentrale Zukunftsfragen – von Infrastruktur bis Klimaschutz – dem kurzfristigen Profitinteresse privater Akteure.
Genau an diesem Punkt offenbart sich jedoch der eigentliche Kern der AfD-Wirtschaftspolitik. Sie ist weder konsequent liberal noch klassisch konservativ. Sie ist ein ideologischer Bastard – die widersprüchliche Verschmelzung zweier eigentlich unvereinbarer Denkschulen. Einerseits predigt sie den entfesselten Markt, sobald es um Unternehmensgewinne, Vermögen, Umweltauflagen oder den Sozialstaat geht. Andererseits fordert sie einen starken, autoritären Staat, sobald es um Migration, nationale Abschottung, ethnisch definierte Sozialpolitik oder dirigistische Eingriffe in den Arbeitsmarkt geht. Freiheit gilt für Kapital – Kontrolle gilt für Menschen.
Politikwissenschaftlich wird diese Verbindung häufig als „autoritärer Neoliberalismus“ oder „völkischer Neoliberalismus“ beschrieben. Die AfD verbindet marktradikale Deregulierung mit nationalistischem Protektionismus. Während wirtschaftlich Starke entlastet werden sollen, propagiert die Partei eine völkische Verteilungspolitik, die soziale Rechte an nationale oder ethnische Zugehörigkeit knüpft. Gleichzeitig sollen Abschottung, Migrationsbegrenzung und die unter dem Schlagwort „Remigration“ geführten Forderungen den Arbeitsmarkt durch staatliche Zwangsmaßnahmen formen. Damit wird aus dem angeblichen Freiheitsversprechen des Liberalismus ein autoritäres Herrschaftsmodell.
Fazit: Wo der klassische Laissez-faire-Kapitalismus bereits erhebliche ökonomische, soziale und ökologische Risiken birgt, setzt die Wirtschaftspolitik der AfD dem Ganzen die Krone auf. Ihr ideologischer Bastard verbindet die soziale Kälte und ökologische Rücksichtslosigkeit eines radikal entfesselten Marktes mit dem Zwangs- und Ausgrenzungsapparat eines autoritären Nationalstaates. Das Ergebnis ist weder Freiheit noch Wohlstand. Es privatisiert Gewinne, sozialisiert Risiken, schwächt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und ersetzt die offene Bürgergesellschaft schrittweise durch ein ethnisch definiertes Staatsverständnis.
– Rolf, Jahrgang 1961, ehem. Dozent für Völkerrecht im Dienst der Bundeswehr
Der Wert der Wahrhaftigkeit (Mark O'Beck, Juni 2026)
Wahrhaftigkeit bezeichnet die innere Haltung der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Sie meint die vollständige Übereinstimmung zwischen dem, was man denkt, fühlt und tatsächlich ausspricht. Es ist das Bestreben, stets die Wahrheit zu sagen und nach ihr zu streben.
Im Gegensatz zu reiner Objektivität ist Wahrhaftigkeit ein ethischer Wert, der Authentizität, Integrität und den Verzicht auf bewusste Täuschung (Lüge) fordert.
Das hört sich ja ziemlich philosophisch an, was ich da aus Wikipedia, dem Duden und einer Google-KI zusammengetragen habe. Besonders das mit der inneren Haltung und dem ethischen Wert. Gerne hätte ich zusätzlich noch eine gedruckte Quelle hinzugezogen, bestenfalls eine aus der Zeit vor dem Internet, eine Brockhaus-Enzyklopädie oder so, aber so etwas besitze ich tatsächlich gar nicht mehr.
Bevor ich versuche herauszufinden, ob das Thema wirklich nur etwas für Dichter und Denker ist, oder ob uns das im Alltag etwas angeht, versuche ich erst einmal, den Begriff Wahrhaftigkeit von zwei anderen Begriffen abzugrenzen, die leicht damit vermischt werden könnten:
Wahrheit:
Bezieht sich auf objektive Fakten und die unumstößliche Wirklichkeit (z. B. ein mathematisches Ergebnis). Die Wahrheit existiert unabhängig von unserem Glauben daran.
Ehrlichkeit:
Ehrlich zu sein, bedeutet, die Wahrheit zu sagen, andere nicht zu täuschen und aufrichtig zu kommunizieren.
Wahrhaftigkeit:
Ist eine menschliche Eigenschaft. Sie ist nicht das Wissen um die objektive Wahrheit, sondern die aufrichtige Absicht, seine eigene Erkenntnis ehrlich und unverfälscht mitzuteilen. Sie geht also über Ehrlichkeit hinaus und beschreibt den gesamten Charakter oder Lebensstil einer Person.
Kurz zusammengefasst:
Die Wahrheit beschreibt Fakten, Ehrlichkeit steht für Wahrheitstreue und Aufrichtigkeit, und die Wahrhaftigkeit schließlich ist eine unbedingte innere Haltung zur Ehrlichkeit. Ich hoffe, das stimmt so.
Dazu schießen mir doch sofort ein paar Gedanken durch den Kopf. Vor allem zur Ehrlichkeit. Ich frage mich, wer es eigentlich wirklich ehrlich mit mir meint. Mein Boss zum Beispiel, meint der es immer vollkommen ehrlich mit mir? Mein Nachbar, meine Bank, meine Autowerkstatt, alle, die mir etwas verkaufen wollen, die Werbung überhaupt, die Politik? Sind die immer alle ehrlich? Ein ziemlich weites Feld, wenn man mal so darüber nachdenkt. Und beim Denken formt sich doch auch schon die erste Antwort auf die selbst gestellte Frage: Nein, es meinen nicht immer alle ehrlich mit mir!
Gerade in Wirtschaft und Politik geht es sehr viel um Wahrheit und Ehrlichkeit und um die Deutungshoheit, wer ehrlich ist und die Wahrheit kennt und sagt. Und gerade in diesem Zusammenhang finde ich die Frage nach der Wahrhaftigkeit wichtig, weil genau hier sehr viel Manipulation betrieben wird, und zwar gezielt. Ich werde noch darauf zurückkommen und auch Beispiele bringen.
Allerdings habe ich mich auch gefragt, ob ich selbst denn immer nach dem Prinzip der Wahrhaftigkeit handle, und leider komme ich zu dem Ergebnis, dass das nicht so ist. So gerne ich mir diesen Charakterzug der grundsätzlichen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zuschreiben würde, es trifft einfach nicht zu 100% zu. Ich kann weder guten Gewissens behaupten, dass ich immer die Wahrheit sage, noch dass ich immer alles vollständig so ausdrücke, wie ich es denke und fühle.
Warum ist das denn so? Mir fallen vier Gründe dafür ein:
- Manchmal ist eine authentische Aussage für mich unbequem oder könnte mir schaden
- Manchmal ist eine authentische Aussage anderen gegenüber verletzend oder unhöflich
- Manchmal muss ich die Wortwahl meinem Ziel anpassen
- Manchmal bin ich dazu intellektuell oder charakterlich gar nicht fähig
Nur beim letzten Punkt kann ich sagen, ich sei unschuldig an meiner mangelnden Wahrhaftigkeit, weil meine (situative) Unfähigkeit, mich authentisch und ehrlich zu verhalten, mich von dem Vorwurf freispricht, dass ich manipulieren wollte. Im Falle der drei ersten Gründe ist allerdings genau das der Tatbestand: Ich nutze meine Kommunikation zur Manipulation. Das bedeutet also, dass man sehr schnell von der Betrachtung der Wahrhaftigkeit in das Themengebiet der Rhetorik, also der Redekunst, gerät. Ob die Rhetorik der Wahrhaftigkeit im Wege steht, ist zwar nicht Gegenstand dieses Essays, aber vielleicht kann man auch darüber mal nachdenken. Ich mache zunächst einmal mit der Wahrhaftigkeit weiter.
Wenn mir das so geht, dass ich gar nicht 100% authentisch und wahrhaftig bin, dann ist das natürlich bei den anderen Menschen dasselbe. Eigentlich geht es doch jedem so. Wir müssen manchmal unsere Worte so verpacken, dass unser Ziel erreicht wird, dass wir uns nicht selber schaden oder dass wir nicht andere verletzen, und dass wir aus den verschiedensten Gründen vielleicht lieber vom Thema ablenken möchten. Wenn wir zum Beispiel etwas vergessen haben, zu spät dran sind, einen blöden Fehler gemacht habe und uns schämen, oder wenn wir heimlich verliebt sind, was auch immer. Oder wir können es einfach nicht besser, obwohl wir es wollten. Vielleicht aufgrund mangelnder Bildung, mangelnder sprachlicher Kenntnisse oder vielleicht aus Schüchternheit.
Im Grunde unseres Herzens wissen wir das alles, und meistens verzeihen wir das auch. Wir können es nachvollziehen, weil wir häufig genauso handeln. Und man lernt ja auch, ein wenig zwischen den Zeilen zu lesen. Es ist kein Affront, keine Beleidigung, kein Betrug, nicht wahrhaftig zu sein. Eher ein akzeptierter Code, der sogar eine Form des Respekts sein kann.
Eigentlich erwarten wir gar nicht wirklich von den Menschen, wahrhaftig zu sein. Dass sie uns nicht verarschen, das reicht uns doch völlig aus. Verarschen lassen wir uns ungern. Behaupten wir.
Wo ist denn da die Grenze der Ethik? Wahrhaftigkeit ist ein ethischer Wert. So steht es in der lexikalen Definition. Wo wird denn mangelnde Wahrhaftigkeit unmoralisch? Bin ich unmoralisch, wenn mein Gefühltes und Gedachtes nicht vollständig mit meinem Gesagten übereinstimmen? Und vor allem: Lüge ich dann? Bin ich unehrlich? Und wenn du mir gegenüber nicht absolut authentisch bist, wenn dein Gesagtes nicht mit deinem Denken und Fühlen übereinstimmt, und womöglich auch nicht mit der faktischen Wahrheit, werde ich dann von dir verarscht? Ich kenne darauf keine akademische Antwort. Meine persönliche (und wirklich ehrliche) Antwort ist Nein. Nein, ich finde nicht, dass du mich verarschst, nur weil dein Gesagtes nicht vollkommen mit deinem Denken und Fühlen übereinstimmt, oder falls du nicht exakt in Übereinstimmung mit der faktischen Wahrheit berichtest. Jedenfalls, solange du es nicht in der Absicht tust, mich zu manipulieren.
Wir nehmen es also normalerweise nicht so genau mit der Wahrhaftigkeit. Ist das dann doch alles nur theoretische Philosophie für Akademiker, oder hat das doch irgendwie etwas mit unseren zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun. Wie steht es denn zum Beispiel um das Verhältnis der Wahrhaftigkeit zum Vertrauen? Was sagen die Nachschlagewerke?
• Vertrauen und Verlässlichkeit: Wahrhaftige Menschen gelten als integer und vertrauenswürdig. Ihr Wort hat Gewicht, was die Basis für stabile soziale Beziehungen bildet.
• Authentizität: Wer wahrhaftig ist, verstellt sich nicht, sondern steht zu sich selbst, seinen Werten und seinen Taten.
• Ethischer Grundsatz: In vielen Bereichen – von zwischenmenschlichen Beziehungen bis hin zum Journalismus – ist Wahrhaftigkeit ein wichtiges ethisches Qualitätskriterium, das den respektvollen Umgang miteinander sichert.
Ob diese Aussagen zutreffen oder nicht, logisch klingen sie allemal. Natürlich vertrauen wir den Menschen, die wir aus Erfahrung als integer und authentisch einschätzen, mehr als Menschen, die sich nach unserer Erfahrung nur verstellen. Auch wenn wir es nicht mit der Vokabel „wahrhaftig“ belegen, wir spüren es, wenn Menschen nicht zu dem stehen, was sie sagen oder tun, und wenn sie es womöglich auch gar nicht wirklich wollen. Dann fühlen wir uns verarscht, und zwar mit Recht.
An dieser Stelle möchte ich allerdings den rein zwischenmenschlichen Bereich der Ehrlichkeit, Authentizität und Wahrhaftigkeit verlassen und mich dem zuwenden, was ich eingangs schon angedeutet hatte. Bei der Frage, wer es denn eigentlich ehrlich mit mir meint, hatte ich auch die Werbung und die Politik erwähnt. Beides wird von Menschen gemacht, in beiden Bereichen spielt die Kommunikation die Hauptrolle und in beiden Bereichen versucht eine Gruppe von Sendern eine Gruppe von Empfängern zu beeinflussen. Zu diesen Empfänger-Gruppen gehören wir! Wir alle. Da wird man ja vielleicht mal die Frage nach der Wahrhaftigkeit stellen dürfen. Meint man es ehrlich mit uns oder werden wir verarscht? Und gerade jetzt spüre ich, was in den Köpfen der Leser abgeht: Niemals, denkt Ihr gerade, niemals geht die Werbung oder die Politik immer ehrlich mit uns um. Und auch ich bin da kritisch. Und außerdem sehe ich, dass wir auch hier den Mangel an Wahrhaftigkeit verzeihen, genau wie wir es unseren Mitmenschen verzeihen. Aber hier, in der Werbung und in der Politik stört es mich ungemein, wie schnell und leicht wir das verzeihen. Es handelt sich hier nämlich nicht um menschliche Unvollkommenheit, sondern sehr oft um Manipulation. Mit anderen Worten, wir lassen uns in breiter Masse von einigen wenigen verarschen, damit die auf unsere Kosten ihre Ziele erreichen: Geld oder Macht. Das klingt bestimmt, als ob ich ein linker oder rechter Systemkritiker oder Verschwörungstheoretiker wäre. Nö, weit daneben. Ich bin nicht besonders links und schon gar nicht rechts. Unsere Demokratie gefällt mir sehr gut, und von Verschwörungstheorien halte ich gar nichts. Aber ich halte es für richtig, stets einen kritischen Blick auf die Welt zu werfen. Eine Welt, mit der wir gerade sehr unlogisch umgehen.
Hier und jetzt geht es mir aber vor allem für Wahrhaftigkeit, und dazu möchte ich zwei Beispiele bringen, eines aus dem Bereich des Marketings für ein Konsumgut, und eines aus dem Bereich der politischen Meinungsmache.
Beispiel 1: Verpackung von Colgate Zahnpasta
Es gibt diese kleinen Mini-Zahnpasta-Tuben. Die sind ganz gut für kurze Reisen mit ein oder zwei Übernachtungen, vor allem, wenn du fliegst und nur Handgepäck mitnehmen kannst. Man findet die zum Beispiel bei Rossmann im „Grabbelregal“.
Das Verhältnis zwischen Inhalt und Verpackung ist natürlich unwirtschaftlich und ökologisch echt scheiße, aber manchmal kann ich den Dingern nicht ausweichen, genau wie bei kleinen Deos, Rasierschaum und so weiter.
Dass diese kleinen Tuben auch noch in einem kleinen Karton stecken, ist völlig unlogisch. Und dann ist mir aufgefallen, dass dieser Karton auch noch 2 cm länger ist als die Tube darin.
Kleine Anmerkung: Auf dem Karton ist noch aufgedruckt, dass du für Recycling und Umweltschutz verantwortlich bist!
Ich habe im Internet die Kontaktanschrift des Herstellers herausgesucht und per E-Mail höflich nachgefragt, warum der Karton länger ist als die Tube, und ob das nicht zu mehr Kosten für den Verbraucher und zu einer vermeidbaren Umweltbelastung führt.
Nach einigen Wochen kam folgende Antwort:
Von: CP GABA Verbraucherservice
Kostenlose Rufnummer 0800-725-6654
Betreff: Ihre Nachricht an die CP GABA GmbH - 1601042243
Vielen Dank für Ihre Rückfrage, die wir wie folgt beantworten möchten. Wir bitten um Entschuldigung für die verspätete Antwort. Es war nicht unsere Absicht, Sie warten zu lassen.
Der Abstand zwischen dem Ende der Tube und dem Karton („Headspace“) ist im Wesentlichen das Ergebnis technischer Anforderungen, insbesondere: der Größe der Kappe sowie des sicheren und stabilen Verschließens der Faltschachtel auf unseren Produktionslinien.
Das technisch erforderliche Minimum liegt bei etwa 5 mm, um sicherzustellen, dass der Karton zuverlässig verschlossen werden kann. Jeder darüber hinausgehende Abstand bewegt sich in einem üblichen, technisch bedingten Rahmen.
Die Faltschachtel dient in erster Linie dazu, die Tube während Transport und Logistik zu schützen, Stapelbarkeit und Handhabung im Handel zu gewährleisten, Platz für alle gesetzlich vorgeschriebenen Angaben und Verbraucherinformationen zu bieten.
Ihre Hinweise zur Wahrnehmung der Packungsgröße und Ihre kritische Einschätzung nehmen wir sehr aufmerksam zur Kenntnis. Unser Ziel ist ein Verpackungsdesign, das rechtskonform, funktional und transparent ist.
Vielen Dank nochmals, dass Sie Ihre Beobachtungen so ausführlich mit uns geteilt haben. Ihr Feedback ist ein wertvoller Beitrag für unsere internen Überprüfungen und Weiterentwicklungen.
Bei weiteren Fragen oder Anregungen melden Sie sich immer gerne.
Mit freundlichen Grüßen
Sabine X.
Verbraucher-Service und Beratung
Daraufhin wies ich erneut auf die vermeidbare Umweltbelastung hin und schlug vor, gar keine Faltschachtel zu benutzen, weil die bei Rossmann im Grabbelregal sowieso nicht gestapelt sind.
Hier die nächste Antwort:
Vielen Dank für Ihre aufmerksame Beobachtung und Ihre Anregung zur Produktverpackung.
Ihre Fragen, warum die Faltschachtel etwa 2,5 cm länger ist als die Tube und ob eine kürzere Schachtel nicht Wasser, Rohstoffe, Transportkosten und CO₂ einsparen sowie mehr Transparenz für Kund:innen schaffen würde, sind sehr berechtigt und wichtig. Genau solche Hinweise helfen uns, unsere Produkte und Verpackungen im Sinne der Nachhaltigkeit und Transparenz kontinuierlich zu überprüfen und zu verbessern.
Bei der Gestaltung von Verpackungen spielen mehrere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel:
- der Schutz des Produkts (z.B. vor Knicken oder Beschädigungen der Tube),
- technische Anforderungen in der Produktion und Abfüllung,
- gesetzlich vorgeschriebene Kennzeichnungen und Informationen auf der Verpackung,
Lager- und Transportanforderungen (z.B. Standardgrößen für Kartons oder Displays im Handel).
Vielen Dank nochmals für Ihren konstruktiven Beitrag und Ihr Engagement für mehr Nachhaltigkeit und Transparenz.
Mit freundlichen Grüßen
Sabine X.
Verbraucher-Service und Beratung
Ich antwortete erneut. Dieses Mal schrieb ich, dass ich an einem Essay über Wahrhaftigkeit arbeite und hier gerade ein Paradebeispiel vor mir habe. Zusammengefasst lautete meine Antwort …
- Die geschilderten technischen Anforderungen existieren so nicht (ich kenne mich da aus) und sind in einem falschen Zusammenhang wiedergegeben
- Alle Tubengrößen von Colgate stecken in einem Karton, der 2,5 cm zu lang ist
- Da der Platz für die gesetzlich vorgeschriebenen Hinweise auf der kleinen Schachtel ausreiche, müsste eine größere Tube keinen Karton mit Übergröße haben
- Colgate schiebt jegliche ökologische Verantwortung von sich
- Der Verbraucher wird bewusst getäuscht, die Antworten sind nicht die Wahrheit und ich erkenne auch keine Absicht, die Wahrheit zu sagen
- Ich finde es traurig, dass eine Kontaktperson im Marketing eines internationalen Konzerns nicht mit richtigem Namen auftritt (ich selbst hatte stets mit meinem echten Namen und unter Angabe meiner Wohnanschrift geschrieben).
Hier die letzte Antwort:
Vielen Dank für Ihre Nachricht. Wir nehmen Ihr Feedback gerne entgegen und leiten dies an die entsprechende Fachabteilung weiter. Jedes Feedback unserer Konsumenten fließt in den ständigen Verbesserungsprozess unserer Produkte ein.
Bei weiteren Fragen oder Anregungen melden Sie sich immer gerne.
Mit freundlichen Grüßen
Sabine X.
Verbraucher-Service und Beratung
Ich denke, es erübrigt sich, zu erwähnen, dass ich mich verarscht fühle. Es ist eine bodenlose Frechheit, für wie dämlich man den Kunden hält, der auch Sabine X. ein Einkommen beschert (sowohl den Vornamen als auch das Initial ihres Nachnamens habe ich ausgetauscht). Ärgern sich diese Leute eigentlich auch darüber, dass sie bei den Benzinpreisen über den Tisch gezogen werden? Oder dass Cola in Deutschland 5 x so viel kostet wie in Indonesien? Dass Ferrero die Preise um 30 % erhöht hatte, als die Kosten um 15 % gestiegen waren, dass Milka die Preise nahezu verdoppelt aber dafür gleichzeitig die Packungsgröße um 10 % verkleinert hat?
Es gibt Tausende solcher Beispiele. Jedem von euch fallen Dutzende ein, die ihr selbst erlebt habt. Verarsche beim Internetanschluss, der Handwerkerrechnung, dem Autokauf und im Supermarkt. Auch im Internet-Handel oder beim Banking: Der Werbeslogan „Bequem von zuhause aus …“ heißt übersetzt „dann können wir die Preise lassen, wie sie sind oder sogar erhöhen, dafür aber Leute rausschmeißen und die Kosten senken. Ach ja, die Arbeit mit dem Bestellvorgang, der Kontoführung, der Reklamation und der Rücknahme habt ihr Kunden, keine Angst, wir wollen nur euer Geld.“
Abschließend und wenig überraschend möchte ich hiermit zugeben, dass ich der Industrie in puncto Werbung und Produktstrategie jegliche Wahrhaftigkeit als grundsätzliche Haltung abspreche.
Ganz sicher trifft dieses negative Fazit nicht auf alle Unternehmen zu, und ganz sicher lügt nicht automatisch jeder, der Werbung macht. Der Käsestand auf dem Wochenmarkt oder der Elektriker, der auch am Samstag mal eben vorbeikommt, wollen zwar Geld verdienen (und müssen das auch), aber sie wollen euch nicht gleich über den Tisch ziehen.
Haltet die Augen auf, seid kritisch und lasst Euch nicht verarschen.
Beispiel 2: Rechtspopulistische Propaganda
Ich habe im Internet einen Post gefunden, von einer Gruppe namens „Grüne Nein Danke“, der mir die Sprache verschlagen hat. Es ging um das Hakenkreuz. In einem wahrscheinlich KI-generierten Bild mit Sprechblasen fragt ein kleiner Junge seinen Vater, was eigentlich ein Hakenkreuz sei. Bevor ich hier die andere Sprechblase, die Antwort des grafischen Vaters, wiedergebe, schauen wir uns mal die herkömmlichen Erklärungen an, was denn ein Hakenkreuz ist. Fangen wir mit Wikipedia an:
Das Hakenkreuz (auch Swastika genannt) ist eines der ältesten Symbole der Menschheit. Ursprünglich ein religiöses Glücks- und Heilszeichen in vielen alten Kulturen, wurde es im 20. Jahrhundert von den Nationalsozialisten missbraucht und steht heute weltweit als Symbol für Rassismus, Antisemitismus, Gewalt und den Holocaust.
Ursprung und ursprüngliche Bedeutung:
- Bedeutung: In seiner ursprünglichen Form (oft als Sonnenrad gedeutet) symbolisierte das Zeichen kosmische Ordnung, Sonne, Glück und Leben.
- Verbreitung: Es ist seit Jahrtausenden in zahlreichen Kulturen beheimatet, unter anderem im Hinduismus, Buddhismus und Jainismus, aber auch in der europäischen Frühgeschichte und bei den Kelten.
-Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus:
Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Zeichen von der völkischen Bewegung und später von den Nationalsozialisten ideologisch umgedeutet. Als ein nach rechts gewinkeltes schräg gestelltes Symbol wurde es zum zentralen Erkennungszeichen der NSDAP und ab 1935 zur Flagge des Deutschen Reiches. Es steht untrennbar für den nationalsozialistischen Terror, den Zweiten Weltkrieg und die Millionen Opfer des NS-Regimes.
Weiter geht’s mit dem Duden, der neben der Rechtschreibung und der Deklination auch etwas über die Bedeutung sagt:
a) gleichschenkliges Kreuz mit vier in die gleiche Richtung weisenden, rechtwinklig geknickten, spitzwinkligen oder abgerundeten Armen
b) Hakenkreuz (a) als Symbol der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (in Deutschland heute verboten)
Und hier die erdachte Antwort des erdachten Erziehungsberechtigten:
Das Hakenkreuz ist ein Symbol, das Linke überall hinschmieren, um den Eindruck zu erwecken, Deutschland wäre voller Nazis.
Noch Fragen?
Also, dass ich die Frage meines Kindes, was ein Hakenkreuz sei, anders beantwortet hätte als dieser seltsame Facebook-Beitrag vorschlägt, ist wohl klar. Ich wäre niemals auf diese Antwort gekommen. Ich wäre noch nicht einmal darauf gekommen, dass jemand die Frage so beantworten könnte, oder dass es die diesem Post zugrunde liegende Perspektive überhaupt gibt. Wahrscheinlich aus einem ganz einfachen Grund: Der Zusammenhang existiert gar nicht. Es ist unwahr. Man kann auch sagen: Es ist schlicht gelogen. Und ich würde meinem Kind eine Sachfrage nicht mit einer Lüge beantworten, sondern nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, meinen Wissensstand zu vermitteln. Dieser wäre in diesem Fall relativ dicht an der obenstehenden Wikipedia-Antwort, vielleicht nicht ganz so ausführlich. Niemals hätte ich meinem Kind eine derartige abstruse Lüge als Tatsache dargestellt und seinen Wissenstand oder seine Sichtweise damit auf eine Weise verklärt, die es in der Zukunft als ungebildet oder gar als verblödet dastehen lässt.
Ich weise noch einmal darauf hin, dass dieser Sohn-Vater-Dialog nur ein Bildbeitrag einer rechtspopulistischen Gruppe im Internet ist, und damit fiktiv. Dass sich Frage und Antwort in dieser Konstellation in der Realität in echten Familien so zuträgt, ist wohl unwahrscheinlich. Hoffe ich.
Trotzdem hat es mir die Sprache verschlagen, weil ich mich wirklich erschrocken habe, wie skrupellos die Leute vorgehen, die ganz offenbar ein Interesse an der Verharmlosung von Nazis und an der Spaltung der Deutschen Gesellschaft haben. Dass die Beiträge dieser Leute jeglicher inhaltlicher Logik entbehren, ja überwiegend erstunken und erlogen sind, daran habe ich mich leider schon irgendwie gewöhnt.
Obwohl es nur ein ausgedachter Cartoon ist, möchte ich seiner fehlenden Logik noch kurz ein wenig nachspüren. Schauen wir noch einmal auf den Dialog. Der Sohnemann fragt, was ein Hakenkreuz sei. Nun gut, das könnte ein Zehnjähriger durchaus fragen, wenn er den Begriff irgendwo aufgeschnappt hat. Nach meiner Erfahrung nehmen Kinder das Hakenkreuz in Verbindung mit dem Geschichtsunterricht oder aus Filmen oder Bildern wahr. Dabei wird das Symbol in der Regel direkt dem Dritten Reich zugeordnet, je nachdem, wie tief das Verständnis für die geschichtlichen Zusammenhänge ist. Wenn es da an Erklärungen mangelt, lautet die Frage allerdings selten, was ein Hakenkreuz ist, sondern was es bedeutet oder warum die Nazis gerade dieses Symbol verwendet hatten. Aber gut, theoretisch könnte die Frage so lauten wie in dem Cartoon dargestellt.
Jetzt zur Antwort, und da wird es sehr merkwürdig. Der Sohnemann weiß nicht, was ein Hakenkreuz ist, aber was Linke und was Nazis sind, das weiß er bereits. Und jetzt soll er einen konstruierten Missbrauch um drei gedankliche Ecken ohne weitere Erklärung verstehen. Warum ein Symbol, dass er gerade eben noch gar nicht kannte, die Anwesenheit von Nazis, die er schon kannte, erklärt, wird nicht erklärt. Wir lassen das jetzt einfach mal so stehen.
Würde sich das so oder auch nur ansatzweise so ähnlich tatsächlich zutragen, wäre es in meinen Augen furchtbar unmoralisch und verantwortungslos. Allerdings müssen wir davon ausgehen, dass Eltern ihren Kindern alle möglichen abstrusen Dinge vermitteln, Fakten verdrehen und Lügen als Fakten darstellen, ob aus Unwissenheit, Leichtgläubigkeit oder mit Kalkül. Das hat es natürlich schon immer gegeben, auch vor den Zeiten des Internets und der Rechtspopulisten.
Ob gezielte Desinformation eine solide Grundlage für die Zukunft von Kindern ist, sei mal dahingestellt.
Das eigentliche Thema dieser Arbeit ist jedoch die Wahrhaftigkeit, also eine unbedingte Haltung zu Ehrlichkeit und Wahrheit. Davon ist hier nichts zu sehen. Dieser Post ist bewusst unehrlich und soll manipulieren. Er soll eine falsche Sicht vermitteln und Nazis verdrehte Argumente liefern. Die Nazis sollen das wahrscheinlich sogar selber glauben. Dafür wurde dieser Post ins Netz gestellt. Es ist nicht ansatzweise eine Haltung zur Ehrlichkeit und Wahrheit erkennbar, und genau das können wir den Urhebern solcher Posts guten Gewissens unterstellen. Wenn sie ehrlich und wahrhaftig sein wollten, würden sie so einen Scheiß nicht veröffentlichen.
Ich bleibe dabei: Haltet die Augen auf, seid kritisch und lasst Euch nicht verarschen.
Es ist nicht einfach, wahr und unwahr zu unterscheiden. Es ist nicht einfach, zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und Verwerflichkeit, zwischen Meinungsfreiheit und Desinformation zu unterscheiden.
Meine beiden Beispiele sind belegbar, aber sie gelten nicht pauschal für jegliche Werbung oder jeglichen Beitrag in sozialen Medien. Oft sind es die Zwischentöne, die die eigentliche Nachricht senden. Satire ist so ein Beispiel. Manchmal empöre ich mich vielleicht zu schnell und erkenne die Satire gar nicht. Zudem neigen wir zur Polarisierung. Vielleicht lassen wir bewusst oder unbewusst nur noch Kritik zu, die in unser Weltbild passt.
Das Beispiel des rechtspopulistischen Posts habe ich gewählt, weil es einfach das Dreisteste ist, das mir in dieser Beziehung untergekommen ist. Es bedeutet nicht, dass nicht auch andere Interessensgruppen anderer politischer Färbung mit derartigen Methoden zu manipulieren versuchen. In einer Ära der Reizüberflutung durch Social Media, zunehmend durchtränkt von Kampagnen nicht offengelegter Herkunft unter Nutzung von Techniken, die wir kaum noch durchschauen, fällt die Wahrhaftigkeit schwer.
Der Unterschied zwischen wahr und unwahr ist nicht beliebig, der zwischen richtig und falsch sollte nicht beliebig sein.
Ich freue mich über Meinungen und Kritik per E-Mail an mark.obeck@gmx.de
Mark O’Beck, Juni 2026
Die blaue Linie zwischen Landschaft und Natur (Rolf, April 2026)
Mein Eye-Catcher war ein KI-generiertes Bild auf Facebook, das im typischen Propaganda-Stil der AfD ein Hermannsdenkmal zeigte, das mit dem Schwert Windkraftanlagen niedermäht.
Natürlich wurde dieser Post von hunderten von Hasskommentaren flankiert, ausgestattet mit allen verfügbaren Emojis und jede Menge roten Ausrufezeichen. Nicht ausschließlich, aber überwiegend bildungsfernes Zeugs. Wenig, das auch nur ansatzweise zu einer Bereicherung der politischen Kontroverse oder einem Nutzen für unsere Gesellschaft beigetragen hätte.
Ein Beitrag jedoch stach heraus. Er ging auf das Weltbild der AfD und die Vereinnahmung des Denkmals durch deren völkische Idelogie ein. Das war mal ein Kommentar, der mir half, die Ideologie und Methodik der Rechtspopulisten etwas besser zu verstehen, und damit das in unserem Alltag sichtbare Verhalten dieser Leute besser einordnen zu können.
Ich fragte Rolf, wie es denn für diese Leute vereinbar sei, einerseits angeblich für den Erhalt unserer Landschaft einzutreten, aber andererseits die Zerstörung der Natur durch den globalen Klimawandel zu leugnen.
Vielen Dank, Rolf, für den folgenden Beitrag:
Der behauptete Einsatz für „Heimat“, Landschaft und Natur gehört seit Jahren zum festen Vokabular der Alternative für Deutschland. Gleichzeitig fällt dieselbe Partei durch eine konsequente Relativierung oder Ablehnung zentraler Erkenntnisse des Klimaschutzes auf. Dieser Widerspruch ist – bei näherer Betrachtung – kein bloßer taktischer Spagat, sondern Ausdruck eines tieferen, strukturellen Musters: einer Logik der Selektion, die sich sowohl im gesellschaftspolitischen als auch im umweltpolitischen Denken wiederfindet.
1. Selektion als Grundprinzip:
Im Kern steht ein Denken, das Komplexität reduziert, indem es auswählt, trennt und hierarchisiert. In der Soziologie zeigt sich das in der Unterscheidung zwischen Zugehörigen und Nicht-Zugehörigen, zwischen „Innen“ und „Außen“. Gesellschaft wird nicht als offenes Gefüge verstanden, sondern als etwas, das abgegrenzt, homogenisiert und stabil gehalten werden soll.
Überträgt man dieses Muster auf die Umweltpolitik, entsteht eine vergleichbare Struktur: Auch hier wird selektiert. Geschützt wird nicht die Natur als Ganzes, als globales, verflochtenes System, sondern einzelne Ausschnitte – das Sichtbare, das kulturell Aufgeladene, das symbolisch Verwertbare. Der Rest wird ausgeblendet oder relativiert.
Diese Parallelität ist entscheidend: In beiden Fällen wird Komplexität durch Ausblendung bearbeitet.
2. Natur als Teilordnung – nicht als System:
Der wissenschaftliche Blick auf den Klimawandel zwingt zu einem systemischen Denken: Atmosphäre, Ozeane, Biosphäre und menschliche Gesellschaften sind untrennbar miteinander verbunden. Eingriffe an einer Stelle wirken sich global aus.
Das selektive Naturverständnis hingegen operiert mit Teilordnungen. Es schützt etwa die „freie Sicht“ auf das Hermannsdenkmal oder einzelne Arten, während es gleichzeitig jene Prozesse negiert, die diese Landschaften und Arten langfristig gefährden.
Hier liegt der zentrale Bruch, der sich auch prägnant zuspitzen lässt:
Es gibt keinen Schutz der Heimat ohne den Schutz des Systems, das diese Heimat hervorgebracht hat. Wer beides voneinander trennt, betreibt keine Politik des Erhalts, sondern eine Politik der kontrollierten Selbstzerstörung.
Philosophisch betrachtet handelt es sich um einen kategorialen Fehler: Das Ganze wird nicht als mehr als die Summe seiner Teile begriffen. Stattdessen werden Teile isoliert und absolut gesetzt. Das Ergebnis ist ein Schutz, der gerade durch seine Selektivität destruktiv wirkt.
3. Ethnos statt Demos – der Volksbegriff:
Diese Logik der Selektion zeigt sich besonders deutlich im zugrunde liegenden Volksbegriff. Politische Theorie unterscheidet hier klassisch zwischen zwei Bedeutungen:
Volk als Demos: die Gesamtheit der Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, unabhängig von Herkunft, Kultur oder Abstammung. Dieses Verständnis liegt modernen Demokratien zugrunde – politisch zählt Zugehörigkeit durch Teilhabe.
Volk als Ethnos: eine durch Abstammung, Kultur oder vermeintliche Homogenität definierte Gemeinschaft. Zugehörigkeit wird hier als etwas Vorpolitisches gedacht, das nicht einfach durch Teilnahme oder Recht entsteht.
In der politischen Praxis der Alternative für Deutschland wird – analytisch betrachtet – deutlich stärker ein ethnisch verstandener Volksbegriff betont, während der demos-orientierte, staatsbürgerliche Begriff in den Hintergrund tritt oder kritisch gesehen wird.
Das hat weitreichende Folgen: Wenn „Volk“ primär als ethnische Einheit gedacht wird, verschiebt sich auch der Blick auf Raum und Natur. Landschaft wird dann nicht als gemeinsamer Lebensraum einer offenen Gesellschaft verstanden, sondern als Ausdruck einer vermeintlich homogenen Gemeinschaft.
4. „Völkisch“ als verbindende Denkfigur:
Hier schließt sich der Kreis zum kritisch verwendeten Begriff „völkisch“. Er beschreibt eine Denkweise, in der Volk (im Sinne von Ethnos), Raum und Natur als organisch zusammengehörig imaginiert werden. Natur erscheint nicht als globales Gemeingut, sondern als Teil einer kulturell abgegrenzten Ordnung.
Überträgt man diese Logik konsequent, ergibt sich ein geschlossenes Weltbild:
Gesellschaft wird als homogene Einheit konstruiert.
Natur wird zur symbolischen Kulisse dieser Einheit.
Globale Zusammenhänge – etwa Klimaprozesse oder internationale Kooperation – treten in den Hintergrund oder werden abgelehnt.
Das Problem: Dieses Weltbild ist statisch in einer dynamischen Welt. Es reagiert auf Veränderung nicht mit Anpassung, sondern mit Abwehr.
5. Die Paradoxie der selektiven Bewahrung:
Diese Logik erzeugt eine Paradoxie:
Was bewahrt werden soll, wird durch die Art seiner Bewahrung gefährdet.
Wer nur bestimmte Landschaftsbilder schützt, ignoriert die ökologischen Prozesse, die diese Bilder überhaupt erst ermöglichen.
Wer gesellschaftliche Homogenität priorisiert, schwächt die Anpassungsfähigkeit offener Gesellschaften.
In beiden Fällen wird Vielfalt – ökologisch wie sozial – nicht als Ressource verstanden, sondern als Problem.
6. Zerstörung durch Vereinfachung:
Hier liegt der entscheidende analytische Punkt:
Die selektive Logik zerstört das, was sie zu schützen vorgibt – und zwar nicht trotz, sondern wegen ihrer inneren Konsistenz.
Ökologisch: Die Leugnung globaler Zusammenhänge unterminiert die natürlichen Lebensgrundlagen.
Sozial: Die Verengung des Volksbegriffs untergräbt die integrative Grundlage demokratischer Gemeinwesen.
Beides sind Systeme, die von Vielfalt, Austausch und wechselseitiger Abhängigkeit leben. Wer diese Prinzipien negiert, greift ihre Funktionsbedingungen an.
7. Philosophische Zuspitzung:
Man kann diesen Konflikt auch als Gegensatz zweier Weltverhältnisse beschreiben:
Relationales Denken: Welt als Netz von Beziehungen.
Essentialistisches Denken: Welt als Summe fester, abgrenzbarer Einheiten.
Die selektive Politik folgt dem zweiten Modell. Doch sowohl ökologische Systeme als auch demokratische Gesellschaften funktionieren nach dem ersten.
8. Fazit:
Die Parallele zwischen sozialer und ökologischer Selektion ist strukturell. Sie verbindet einen ethnisch verengten Volksbegriff mit einem selektiven Naturverständnis. Beides führt zu einer Politik, die Komplexität reduziert, indem sie Zusammenhänge ausblendet.
Der Schutz von Natur und der Erhalt offener Gesellschaften verlangen hingegen dasselbe: die Anerkennung von Vielfalt, von Dynamik und von gegenseitiger Abhängigkeit. Wo stattdessen selektiert, abgegrenzt und vereinfacht wird, entsteht keine stabile Ordnung, sondern eine fragile – eine, die an der Realität selbst scheitern kann.
– Rolf, Jahrgang 1961, vor seinem Ruhestand Dozent für Völkerrecht
Schiss und Vaterlandsliebe (Mark O'Beck, Februar 2026)
Gedanken über unser Leben und die Zeit, an einem verschneiten Samstag im Februar 2026
Dann ist Polen offen, Holland in Not, etwas faul im Staate Dänemark.
Der erste Spruch ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass Polen im 18ten Jahrhundert teilweise geteilt war, und zwar gleich mehrmals. Der zweite geht wohl auf die vielen Überschwemmungen der Niederlande zurück, die es aufgrund der Lage unterhalb des Meeresspiegels immer wieder gegeben hat. Der dritte Spruch schließlich ist ein Zitat aus der Literatur, nämlich aus Shakespeares Hamlet.
Wir sagen diese Sprüche so daher, meistens gedankenlos, so aus Gewohnheit, ohne deren Herkunft und ursprüngliche Bedeutung zu kennen. Es gibt auch keinen Grund, das für verwerflich zu halten, obwohl … Tatsächlich habe ich den Polen-offen-Spruch selber nie angewendet, weil ich es immer mit dem deutschen Angriffskrieg 1939 assoziiert hatte, also damit, wie Deutschland mit dem Beschuss Danzigs den Überfall auf Polen und damit den II. Weltkrieg eingeleitet hatte. Jedenfalls war ich mir dessen unsicher, bevor ich den tatsächlichen Ursprung der Sätze recherchiert hatte. Jetzt ist Polen auch bei mir ohne schlechtes Gewissen offen, Holland war sowieso schon immer mal wieder in Not, und bei Geruchsentwicklung unter der Spüle ist etwas faul im Staate Dänemark. Das ist normaler Sprachgebrauch, und warum auch nicht?
Und dann gibt es noch einen weiteren Spruch, gegen den ich ebenfalls nichts einzuwenden habe, auf den ich aber gerne näher eingehen möchte. Und zwar geht es um folgenden Ausdruck:
Mehr Schiss als Vaterlandsliebe
Den Satzpartikel benutze ich auch ganz gerne mal, meistens mit einer gewissen heimlichen Freude, weil ich ihn auf unerklärliche Weise urkomisch finde. Ich wende den Spruch in allen möglichen Situationen an, gerne auch da, wo es von der Logik her eigentlich gar nicht passt. Da sogar besonders gerne, weil ich das dann noch urkomischer finde. Bei mir selber, zum Beispiel, wenn ich sagen wir mal vor einem bissigen Hund stehe und die Hosen gestrichen voll habe. Hinterher erzähle ich, ich hätte mehr Schiss als Vaterlandsliebe gehabt. Aber auch, wenn Familienmitglieder, Freunde, Kollegen, egal wer, Schiss vor etwas haben und ich meinen Senf dazugeben möchte, hat derjenige mehr Schiss als Vaterlandsliebe. Hauptsache der Schnack bedient akut meinen etwas durchgeknallten Humor, denn eine Pointe liegen lassen, das konnte ich noch nie. Und wenn nicht ich derjenige bin, der Angst vor dem Hund hat, sondern der Hund vor mir, dann hat eben der Hund mehr Schiss als Vaterlandsliebe. Weil der Spruch der eigentlichen Feststellung erst die richtige komische Note gibt. Nur deshalb. Nicht, weil ich mich mit dem Thema Vaterlandsliebe auseinandergesetzt hätte, oder dieses von dem Hund erwarten würde. Der Schiss (auch nur ein Synonym) steht eigentlich in keinerlei Zusammenhang mit jeglicher Vaterlandsliebe, egal von wem. Oder?
Was bedeutet der Spruch denn überhaupt, und woher kommt er? Die Internet-Recherche hat mir hier nicht so richtig weitergeholfen. Ich habe auch nur ein paar Minuten gesucht, zugegeben, aber ich bin nur auf einige wenige Textdokumente gestoßen, die den Satz wohl enthalten, die ich aber selber hätte durchscrollen müssen. Das war mir aber zu nervig. Ansonsten habe ich alle möglichen Links gefunden, von Naturfotografen bis Cartoonisten, von Zeitungsartikeln bis Facebook-Beiträgen, in denen dieser ominöse Vaterlandsliebe-Schiss auftaucht, weil die Inhaber der Websites den Spruch ihrerseits dort verwendet haben. Also hat mich das alles nicht schlauer gemacht. Somit musste ich unser neues Lieblings-Orakel befragen, ChatGPT, der Heilige Gral des Lernen-Verlernens.
Die Antwort ist gar nicht so ausschweifend, wie ich befürchtet hatte. Etwas gestrafft habe ich sie dennoch, aber nur minimal, und am Inhalt habe ich nichts verändert:
Der Ausspruch ist kein Zitat. Er stammt vielmehr aus dem soldatischen bzw. umgangssprachlichen Milieu, vermutlich aus dem 20. Jahrhundert, und wird oft ironisch oder kritisch verwendet. Der Satz spielt darauf an, dass jemand:
• mehr Angst („Schiss“) als patriotische Begeisterung („Vaterlandsliebe“) hat
• also im Ernstfall eher von Furcht als von heldenhaftem Patriotismus geleitet wird
Meist wird der Spruch ironisch oder desillusioniert gebraucht – etwa um übertriebene Kriegsrhetorik oder falschen Heldenmut zu kommentieren. Solche Formulierungen tauchten besonders auf:
• in der Umgangssprache von Soldaten (v. a. im 1. und 2. Weltkrieg),
• in späterer Nachkriegssatire oder
• in kritischer Literatur über Militarismus
Der Gegensatz zwischen „Vaterlandsliebe“ (patriotische Ideologie) und „Schiss“ (menschliche Angst) ist dabei bewusst entlarvend.
Okay. Gar nicht mal so uninteressant, oder? Ironie, Kritik, Nachkriegssatire, entlarvend. Ich bin schon mal froh, dass ich nicht gedankenlos Weltkriegsrhetorik raushaue, wie ich es schon beim offenen Polen irrtümlich befürchtet hatte. Im Sinne ironischer Kritik oder entlarvender Satire habe ich den Spruch natürlich auch nie benutzt, wie ich zugeben muss. Offensichtlich hat mein Unterbewusstsein den Satz als humorvoll und nicht verwerflich für den Alltagsgebrauch freigegeben.
Der Begriff Schiss steht glaub‘ ich für sich und wird wohl kaum missverstanden. Also nehmen wir doch gleich mal den Begriff Vaterlandsliebe aus dem Satz heraus und betrachten ihn gesondert. Der internationale Begriff dafür wird auch bei uns gerne verwendet, er lautet Patriotismus. Das schaffe ich ohne Internet oder Lexikon. Aber ein Blick ins Wikipedia schadet ja nichts:
Als Patriotismus wird eine emotionale Verbundenheit mit der eigenen Heimat oder dem Vaterland bezeichnet, häufig bezieht er sich auf die Nation. Im Deutschen wird anstelle des Lehnwortes auch der Begriff Vaterlandsliebe als Synonym verwendet.
Diese Bindung wird auch als Nationalgefühl oder Nationalstolz bezeichnet und kann sich auf ganz verschiedene als Merkmale der eigenen Nation angesehene Aspekte beziehen, etwa ethnische, kulturelle, politische oder historische.
Da schießen mir doch gleich ein paar Fragezeichen durch den Kopf. Okay, gehen wir’s an.
Patriotismus ist eine emotionale Verbundenheit mit der eigenen Heimat.
Das ist die erste Aussage, die in Wikipedia dazu gemacht wird. Und ein großes Wort: Verbundenheit. Und zwar zur eigenen Heimat oder dem Vaterland. Nun muss ich echt mal überlegen. Fühle ich denn selbst diese Verbundenheit? Fühle ich mich verbunden mit meiner Heimat. Ein ganz eindeutiges Ja. Definitiv fühle ich mich hier, wo ich geboren und aufgewachsen bin, wo ich geheiratet habe und Vater geworden bin, wo ich immer noch lebe und Freunde habe, tief verbunden. Ja, ich liebe meine Heimat. Meine Stadt, mein Teufelsmoor, die Art der Leute hier, die ganze Region hier zwischen Ems, Elbe und Nordsee, ja, die Nähe zum Meer ist ein wichtiger Punkt. Oldenburg, Cuxtown, Stade, Bremen. Ist schon cool hier im Norden. Alles meine Heimat.
Was ist mit dem Rest des Landes? Mit Deutschland? Die Wiki-Beschreibung sagt, die Verbundenheit bezöge sich häufig auf die Nation. Na ja, dadurch ergibt sich ja eigentlich auch der Sinn des Begriffes Vaterlandsliebe. Mein Vaterland ist ja nicht O-Beck City oder das Teufelsmoor, oder Norddeutschland, sondern Deutschland.
Wie steht es denn also um meine Liebe zu Deutschland? Gute Frage. Also, die ist schon da, die Liebe zu Deutschland. Aber ich muss das echt etwas ordnen.
Ich liebe Deutschland nicht ohne Wenn und Aber. Ich liebe Deutschland nicht blind und ich akzeptiere nicht unkritisch alles Deutsche, weil es Deutsch ist. Es ist absolut nicht so, dass ich alles Deutsche toll und alles Nichtdeutsche scheiße finde. Das wäre für mich dann auch gar nicht mehr Patriotismus, nebenbei bemerkt, sondern Nationalismus, und das gilt für mich auf keinen Fall. Und ich glaube, mit Vaterlandsliebe hat Nationalismus nicht mehr viel zu tun.
Was liebe ich denn an Deutschland überhaupt? Jetzt sind wir schon mitten im zweiten Absatz der Wikipedia-Erklärung. Da steht, diese Bindung wird auch als Nationalgefühl oder Nationalstolz bezeichnet. Okay, Nationalgefühl. Hab‘ ich das? Wieder eindeutig Ja! Wenn ich im Ausland bin und mich als Deutscher vorstelle, dann schlägt mir meistens viel Wertschätzung entgegen, und ja, das fühlt sich gut an. Mir werden nämlich bestimmte Tugenden zugeschrieben, nur weil ich Deutscher bin, verdient oder unverdient (eigentlich erstmal unverdient, denn es geht anfangs gar nicht um meinen persönlichen Charakter, sondern nur um meine Herkunft). Ich werde aufgrund meiner Herkunft pauschal als korrekt, fleißig, zuverlässig, gründlich, pünktlich, qualitätsbewusst, treu und ehrlich eingestuft (was in meinem Fall natürlich auch alles ohne Einschränkungen vollumfänglich zutrifft 😉). Spaß beiseite, als Deutscher eilt mir ein guter Ruf voraus, und das macht es mir einfacher. Und es macht mich auch ein wenig stolz. Klar! Ich meine auch, dass ich diesen Erwartungen weitestgehend gerecht werde, im Beruf oder als privater Reisender gleichermaßen. Ich hinterlasse einen guten Deutschen Eindruck und kann damit unseren guten Ruf festigen. Die Leute erwarten meine deutschen Tugenden und sagen hinterher: Siehst du, so sind sie, die Deutschen. Erfreulicherweise wird Deutschland überwiegend positiv assoziiert. Der einzige Mensch, der mich jemals gefragt hat, ob in Deutschland wirklich so viele Nazis wohnen, war ein elfjähriger Junge in den USA im Jahre 2010. Dessen Klassenkameraden hätten das behauptet. Meine Antwort fiel damals eher belustigt aus. Na ja. Komplexes Thema.
Nun muss ich mal eben wieder kurz bremsen und die Themen neu ordnen. Erstens, der Begriff Nationalstolz schwingt in meinen Ausführungen bereits mit. Zweitens, ich schreibe das alles hier nicht, um mich selbst zu loben und zu zeigen, was für’n toller Hecht ich bin. Vielmehr machen es die Menschen mir leicht, weil ich Deutscher bin. Sie hegen keinerlei Ressentiments, sondern haben positive Erwartungen an mich und machen es mir leicht, die Erwartungen zu erfüllen. Ich muss mich gar nicht übermäßig ins Zeug legen. Ich muss gar nicht beweisen, dass ich korrekt, fleißig, zuverlässig, gründlich, pünktlich, qualitätsbewusst, treu und ehrlich bin. Da gehen die sowieso von aus. Ich muss es einfach nur sein, und das fällt mir nicht schwer. Und so wird das Ganze meiner Ansicht nach rund: die Deutschen haben starke Tugenden, die werden mir automatisch zugeschrieben, ich erfülle sie, weil ich nun mal tatsächlich so bin. Ich habe ausgeprägte deutsche Tugenden, und yessir, das macht mich in der Tat stolz. Insofern empfinde ich Nationalstolz, auch wenn mir bei dem Begriff nicht so ganz wohl ist und ich daher den Ausdruck Nationalgefühl bevorzuge. Aber sei’s drum. Unsere deutschen Tugenden werden wertgeschätzt, und das hat Vorteile.
So, das war die erste Runde der Erörterung der Wiki-Definition. Weiter im Text: da steht …
Nationalgefühl oder Nationalstolz … kann sich auf ganz verschiedene als Merkmale der eigenen Nation angesehene Aspekte beziehen, etwa ethnische, kulturelle, politische oder historische.
Ist das nicht eher eine Mentalitätsfrage, oder liege ich da falsch? So wie etwa, dass Italiener hektisch sind und gerne essen, Spanier feurig und gerne trinken, Iren einfach nur gerne trinken, Norweger ruhig und gelassen sind, Engländer einen schrägen Humor haben, und so weiter und so fort. Ich denke, Ihr wisst, was ich sagen will. Verschiedene Nationen haben verschiedene Mentalitäten. Man schreibt ihnen bestimmte Eigenschaften zu und beurteilt den Einzelnen auch ein wenig danach. So wie ich es als Deutscher im Ausland empfinde, ist es irgendwie bei allen Nationen. Das entspricht auch meinen Erfahrungen. Aber Vorsicht: die Grenze zwischen diesen zugeschriebenen Eigenschaften und ethnischen Vorurteilen ist fließend, und jeder Mensch ist individuell, in jeder Nation.
Ist also das, was ich Mentalität nenne, dasselbe, was in dem Wikipedia-Beitrag als ethnische oder kulturelle Merkmale bezeichnet wird? So ganz sicher bin ich mir da nicht. Und wenn ich einmal vorgreifen darf, bei politischen oder historischen Aspekten bin ich auch unsicher. Vielleicht mache ich mir aber gleich wieder viel zu viele typisch deutsche Gedanken. Vielleicht wird meine Generation (ich muss hier gleich einen Begriff verwenden, der sich bestimmt etwas ungewohnt liest), meine Bildungsgeneration (Schulbildung, oder auch Hochschulbildung, und Sozialisierung in den 1970ern bis 1980ern) dieses Nachkriegs- und Wirtschaftswunderding nicht mehr ganz los. Und vielleicht ist das auch gut so, denn die kritische wohlüberlegte Positionierung Deutschlands in der Welt, im Bewusstsein (und gezielter Abwägung) der historischen Zusammenhänge, kommt seit den 2000ern etwas unter die Räder. Natürlich spielen auch Menschen meiner Generation darin eine Rolle, aber halt nicht die größte.
Meine Generation ist in Wohlstand aufgewachsen, aber die Eltern hatten noch den Krieg erlebt. Sie waren Kinder, als der Krieg endete. Sie verbrachten Ihre Jugend in Trümmern oder auf dem Lande, in beiden Fällen ohne fortgeschrittene Infrastruktur, sie lebten mit Besatzern (im Falle meiner Eltern waren es äußerst tolerante und wohlmeinende Amerikaner), sie kannten keinen Luxus. Im Gegenteil, Entbehrungen und harte Arbeit begleiteten sie durch die Jugend und das junge Erwachsenenleben. Und dann haben Sie den neuen deutschen Wohlstand mit aufgebaut, und sie haben versucht, ihren Kindern Sicherheit und Bildung mit auf den Weg zu geben. Die meisten jedenfalls. Die Protektion der westlichen Alliierten war bestimmt nicht schädlich, aber dennoch, die Generation meiner Eltern hat etwas geleistet. Ich denke, ihre deutschen Tugenden waren dabei mindestens so hilfreich, wie die Besatzer. Und ja, ich bin stolz darauf und das ist irgendwie Teil meiner Vaterlandsliebe: der Stolz auf die deutschen Tugenden und die Leistungen unserer Eltern.
Meinetwegen kann man das mit den deutschen Tugenden, die ich als Mentalität bezeichnet habe, innerhalb der Wikipedia-Beschreibung als ethnische oder kulturelle Merkmale einordnen. Bei mir bleibt es die Mentalität. Ich weiß sonst mit dem Begriff Ethnie im Zusammenhang mit den Tugenden nicht viel anzufangen, und was die Kultur betrifft, gehe ich von einer Wechselwirkung zwischen Kultur und Mentalität aus, die sich über Jahrhunderte entwickelt hat, und damit auch historische Bezüge hat. Es gibt viele Nuancen der deutschen Mentalität, und auch hier können wir wieder Vorurteile kultivieren und diskutieren, ob die Menschen in Hannover, Berlin, Köln oder München unzuverlässiger, unpünktlicher, mürrischer oder lebenslustiger sind, als anderswo. Ja, wir sind unterschiedlich, aber wir haben doch einiges gemeinsam. Ich bin sogar davon überzeugt, dass diese Nuancen neben der Historie sogar mit dem Klima der jeweiligen Region zu tun haben.
Kommen wir also zur Politik und zur Geschichte. Eigentlich sind wir schon mitten drin. Den Bezug zur Historie habe ich über die Nachkriegsgeneration bereits kurz angeschnitten. Das ist ein noch etwas jüngerer Teil der Geschichte. Jünger, weil es noch Menschen gibt, die sich an den Krieg, den Nationalsozialismus und dessen Ende erinnern, und an den Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder und die bunten Zeiten der 60er und 70er Jahre. Noch jünger ist der kalte Krieg, die Hippie-Zeit und der RAF-Terrorismus, Anti-AKW-Demos, der Einzug der Computer in unser Leben, der Mauerfall, der Islam-Terrorismus und die Flüchtlingswelle. Schließlich Corona, und damit sei auch genug des Zeitraffens, ohne Anspruch auf die vollständige Aufzählung aller geschichtlichen Großereignisse. Meine Meinung dazu ist, dass wir Deutschen uns in all diesen Perioden recht wacker geschlagen haben. Die Geschichte hat es gut mit uns gemeint nach dem II. Weltkrieg, und wir wiederum haben aus der Geschichte etwas gemacht. Aufbau einer Parlamentarischen Republik mit gleichzeitigem Wirtschaftswunder. Eins plus. Aufbau der sozialen Sicherungssysteme. Mindestens eine Zwei. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und stabile politische Verhältnisse während der Herausforderungen der APO-Zeit, und all dies bei Wirtschaftswachstum und kulturellen Generationenkonflikten. Drei bis Vier, aber eine Vier ist nun mal immer noch ausreichend. Montagsdemos und Mauerfall. Eins Plus. Wiedervereinigung – schwieriges Thema, vor allem, weil es noch sehr lebendige subjektive Erinnerungen gibt. Ich gebe eine Drei. Transformation von einer Besatzungszone in ein autonomes verantwortungsvolles Land. Gibt bei mir auch eine Drei. Wir werden wohl auch nicht wieder in den Einser-Bereich zurückkommen, denke ich. Eine Demokratie hat nun einmal Schwächen, weil eine Demokratie nicht dafür ausgelegt ist, autoritäre Stärken zu haben. Und beim islamistischen Terror und der Flüchtlingswelle gab’s keine Einsen zu verteilen. Und auch die Pandemie hat keine Helden produziert. Wie denn auch? Und jetzt stehen wir da mit Diktatoren um uns herum und wissen kaum noch, wer unser Freund ist, und wer womöglich sogar unser Feind, und das vielleicht im schlimmsten aller Sinne. Und da geht unsere Gesellschaft auseinander, angeheizt von neuen politischen Strömungen im gesamten Europa in den letzten 15 Jahren, und wirtschaftlich ausgeschlachtet von sogenannten sozialen Medien und einem globalen Kapitalismus, wie ihn die Welt nicht kannte. Und hier kommen wir von der Frage der historisch angelehnten Vaterlandsliebe in die Frage nach dem politischen Patriotismus.
Ich stelle die Frage wieder mir selbst: Empfinde ich Vaterlandsliebe oder sogar Nationalstolz in Bezug auf politische Aspekte. Die Antwort ist wieder einmal eindeutig Ja, tu‘ ich. Denn die Leistungen des vergangenen Jahrhunderts sind schließlich auch politisch flankiert worden. Das sind im Wesentlichen der wirtschaftliche Aufbau und der Aufbau der Demokratie. Darauf kann man stolz sein. Aber auch danach haben wir das beste Sozialsystem der Welt erschaffen, leben (lebten bis vor wenigen Jahren!) in Sicherheit und Wohlstand, haben die Gleichberechtigung der Geschlechter vorangebracht, sind weitestgehend ein tolerantes Land mit einer offenen Kultur (es ist mir bewusst, aber scheißegal, dass manche Menschen mit eingeschränktem Lichtraumprofil diesen Punkt sogar negativ sehen), haben eine gute Infrastruktur und liegen im Umweltschutz ziemlich weit vorne. Made in Germany ist (war!!!) ein Qualitätssiegel.
Ja verdammt, es gibt eine ordentliche Anzahl von Gründen, politischen Patriotismus zu empfinden. Ich bin stolz, Deutscher zu sein, klingt voll bekloppt und nach bildungsfernem Nazi-Gequatsche, aber ja, angesichts dieser Leistungen bin ich froh, Deutscher zu sein, und ja, ich liebe mein Land und bin auch durchaus stolz auf unsere Errungenschaften.
All das müssen wir jedoch erhalten und weiter ausbauen. Sonst machen andere unser Land wieder kaputt. Wenn ausgerechnet Deutschland dabei versagt, die deutschen Tugenden, die Klugheit und den Willen, aus der Geschichte zu lernen, auszuspielen, schwinden Wohlstand und Sicherheit. Dann versinken wir in der Bedeutungslosigkeit, oder wieder einmal in dusteren Zeiten. Das sollten wir besser können. Dummheit und Neid ist nun mal keine Leistung, auf die man stolz sein kann. Patriotismus vorzugeben, um mit dummen Parolen Hass zu schüren, die Realität zu verdrehen, zu polarisieren und uns besser zu fühlen, wenn anderen etwas weggenommen wird, das fällt nun einmal unter Dummheit und Neid. Deutschland ist nach dem Krieg nicht durch Meckerei und Opfer-Geschwafel auferstanden, sondern durch gemeinsames Anpacken.
Keine Angst vor der Wahrheit, vor anderen Meinungen, vor Bildung, anderen Menschen und Kulturen, keine Angst vor Vielfalt. Keine Angst vor Demokratie oder gar vor dem Grundgesetz. Humanistische Werte, Weltoffenheit, ein hoher Bildungsstandard und unsere Mentalität funktionieren höchstwahrscheinlich viel besser als ideologischer Nationalismus.
Wer darüber nicht nachdenken mag, hat vielleicht mehr Schiss als Vaterlandsliebe.
Mark O’Beck, Februar 2026
Blödheit und Missgunst (Mark O'Beck, Februar 2026)
Gedanken über den Zustand der Gesellschaft an einem nebligen Samstag im Februar 2026
Manchmal denke ich verblüfft: so doof kann man nicht sein. Was für eine abgrundtiefe Blödheit! Anders kann man sich das manchmal gar nicht erklären. So tolerante Umschreibungen wie unausgewogen, unreflektiert oder undifferenziert treffen es genauso wenig wie das schon etwas härter formulierte bildungsfern.
Mein Auslöser, einige assoziative Gedanken zu diesem Phänomen der sich stark verbreitenden Dummheit zu formulieren, war ein Video im Internet. Ein junger Mann, der sich zuerst abwertend über Homosexuelle auf dem CSD äußert, nennt Sekunden später Alice Weidel eine super Frau. Darauf angesprochen, dass die ebenfalls lesbisch sei, ist er augenscheinlich überrascht. Er bleibt aber dabei, dass Alice Weidel eine super Frau sei, obwohl lesbisch. Okay, denkt man für einen Moment, da brennt womöglich doch noch ein klitzekleines Licht der Toleranz. Die Reporterin fragt darauf hin, ob es dann nicht auch denkbar sei, dass sich unter den Teilnehmern des CSD ebenfalls super Leute befänden. Nein, sagt der junge Mann, natürlich nicht, die seien ja alle schwul und lesbisch. Oh Mann, also doch kompletter Stromausfall.
Wollen wir einmal annehmen, dass dieser Junge in puncto Intelligenz nicht den Durchschnitt repräsentiert, sondern wirklich den absolut unteren Rand der des Lesens und Schreibens mächtigen Deutschen Normalbürger. Und gerne lassen wir auch gelten, dass jemand, der es nicht gewohnt ist, in eine Kamera und ein Mikro zu sprechen, nervöser als sonst reagiert und sich leicht verhaspelt. Räumen wir also ein, dass dieses Video nicht repräsentativ für des Volkes Intelligenz ist, und dass wir demzufolge aus diesem Video keine allgemein gültigen Schlüsse über die Qualität der Bildung in Deutschland ziehen können. Okay … gut. Moment. Oder können wir das doch?
Dieses Video, geteilt auf Facebook, ist von den AfD-nahen Surfern natürlich nicht durch viele Beiträge aufwertet worden. Die Profile hinter den 857 Emojis entpuppen sich in diesem Fall eher als gemäßigte liberal denkende Menschen. Alle Profile habe ich natürlich nicht angeschaut, aber ich habe nichts Nationalsozialistisches gefunden. Schon mal erleichternd. Auch in den 349 Kommentaren habe ich keine Hasskommentare oder Nazi-Slogans gefunden. Die meisten Beiträge zeigen sich erschrocken oder frustriert über die Dummheit des Jungen. Ja, kann ich verstehen. Das geht mir auch so.
Ein Kommentar sticht etwas heraus. Mit einem Erklärungsversuch. O-Ton:
Ich würde nicht sagen, dass er dumm ist. Er ist uninformiert und unreflektiert - durch die Einstellung wird er Anschluss gefunden haben. Und den Leuten, die ihn in ihrer “Clique” aufgenommen haben, plappert er nach. Mitläufer eben.
Menschen wollen sozialen Anschluss finden. Die Rechten arbeiten seit jeher damit, indem sie aktiv auf Leute zugehen - man hat ja eine Gemeinsamkeit, und wenn es nur die Herkunft ist. Linke müssten mehr offensive Gegenangebote machen.
Ich denke schon, dass der Kommentator die Psyche, das Szenario und die darauf abgestimmte Herangehensweise des Nazipacks richtig einordnet, dennoch sehe ich zwei Dinge kritisch:
1. Die Blödheit des Jungen zu verharmlosen
2. Offensive Gegenangebote der Linken als Lösung zu sehen
Ich möchte hier gerne einmal auf beide Punkte eingehen:
1. Dummheit
Es sind nicht alle Menschen von Natur aus gleichermaßen begabt, und wir müssen natürlich auch zulassen, dass sich die Begabungen und Interessen der Menschen unterschiedlich entwickeln. Traditionen, Regionale Mentalitäten, Familiengeschichten und was auch immer sonst noch hier eine Rolle spielen mag, beeinflussen die Entwicklung und die Ziele der Menschen. Das ist auch alles okay. Auch die individuellen Charaktere sind unterschiedlich und auch das ist voll okay.
Nicht jeder ist der perfektionistische Karriere-Typ. Nicht jeder muss ein Einser-Abi hinlegen und Medizin studieren können, weil das nämlich gar nicht jeden glücklich macht. Wenn jemand den elterlichen Hof übernehmen möchte, oder in die Fußstapfen des Vaters oder der Mutter als Handwerker/in treten möchte, ist das natürlich in Ordnung, und irgendwie sogar wünschenswert, vor allem, wenn dadurch Traditionsbetriebe am Leben bleiben.
Und manch einer mag schlicht und ergreifend auch mit weniger zufrieden sein, weniger im Sinne von Status und Reichtum, und darin Erfüllung finden. Auch das ist okay, solange er nicht erwartet, für selbst gewählten Müßiggang materiellen Luxus von der Gesellschaft bezahlt zu bekommen. Aber das sollte ohnehin klar sein.
Was ich überhaupt nicht okay finde ist, dass Bürger, egal welchen Alters, Geschlechts, Berufs, und egal welcher Herkunft oder Religion, zu ungebildet sind, um das Grundgesetz und die für das tägliche Miteinander geltenden Gesetze zu kennen, zu verstehen, wie unser politisches System funktioniert (inklusive der Sozialsysteme). Es ist nicht okay, dass sich kaum einer mit Geld und Finanzen auskennt oder die Europäische Zinspolitik begreift, die Gewaltenteilung des Staates, die Gesetzgebung, die Zusammensetzung der Benzinpreise. Dass die Bildung nicht ausreicht, um die Anforderungen der heutigen Berufsbilder zu bedienen, geschweige denn, dass die Grundrechenarten und die Deutsche Sprache auch nach neun Jahren Grund- und Hauptschule voll beherrscht werden. Es ist überhaupt nicht okay, dass es fundamental an Allgemeinbildung mangelt.
Und all dieses trifft bei weitem nicht nur auf Migranten zu, sondern in der Masse vor allem auf deutsche Staatsbürger mit deutschen Wurzeln. Das darf alles nicht sein, und das muss auch alles nicht sein.
Es muss Aufgabe des Staates sein, entsprechende Bildungsmöglichkeiten bereitzustellen und deren Nutzung von den Bürgern auch einzufordern.
Die Menschen reden doch ziemlich viel dummes Zeug. Aus den meisten Slogans und Sprüchen und Begriffen hört man Neid und Angst heraus. Suggeriert wird dadurch aber immer und ausnahmslos, dass jemand anderes daran die Schuld trägt, dass es uns, oder vielen von uns, vermeintlich oder real an Sicherheit und Wohlstand mangelt. Geredet wird aber nicht konstruktiv darüber, wie man Sicherheit und Wohlstand gewinnt, sondern die Reden, Aufrufe, Parteiprogramme, Artikel, Internet-Memes und so weiter faseln über Aufreger: Remigration, länger arbeiten, Work-Life Balance, Kulturfremde, Schmarotzer, Benzinpreise, die da oben, wir hier unten, unsereins, bla bla bla. Die Liste des verbalen Kotzens ist lang. In der Bahn, in der Umkleide, im Internet, in der Firma. Und natürlich auch in der Schule oder Berufsschule, wo nachgeplappert und sich angebiedert wird. Ohne Wissenshintergrund. Ohne Lösungen. Ohne nachdenken zu müssen oder sich selbst einbringen zu wollen (nein, wie geil bequem, oder?). Ich kann doof sein wie 100 m Feldweg, aber ich darf das Maul aufreißen, weil a) die anderen die Schuld haben und b) niemand von mir Hintergrundwissen oder gar Lösungsvorschläge verlangt. Nur getrieben von Neid auf andere, von deren Lebensleistungen ich im Einzelfall überhaupt nichts weiß. Nur weil ein anderer, der genauso blöd ist wie ich, auch nur etwas nachplappert. Der Junge in dem Video ist, schuldhaft oder nicht, doof wie Bohnenstroh.
Faschismus muss zuerst die Dummen begeistern, um dann die Klugen zu entmündigen.
Politik, da ist Handlungsbedarf. Kein Gequatsche, das keiner versteht. Eine ehrliche klare und kompromisslose Bildungspolitik. Der Sozialstaat muss sicher zurückgefahren werden, das kann er aber nur wirksam, wenn die Menschen in Deutschland wieder etwas leisten können, leisten dürfen und vielleicht auch leisten müssen. Wohlstand für alle heißt, dass alle mitmachen dürfen und dass wir alle mitmachen lassen, die das wollen. Und letztendlich, dass das auch jeder irgendwie im Rahmen seiner Möglichkeiten muss. Das entlastet irgendwann später die Sozialsysteme.
Die Transparenz der Systeme, Einsicht in das, was die Politiker tun, verständlich und ehrlich kommuniziert, gepaart mit einer für jeden zugänglichen Minimalbildung, aber bitte auf hohem Niveau. Bei dem Begriff Pisa sollte man als erstes wieder an einen Turm denken. Na, wie wäre das? Eine ziemliche Herausforderung für so manchen Berufspolitiker, oder? Nicht taktieren, sondern frei heraus offenbaren, was man erreichen will. Die Gesellschaft in den Vordergrund, nicht die Partei. Fehler eingestehen und zulassen. Nicht lügen! Rattenfänger dumm dastehen lassen! Ich glaube, damit rücken wir dem Neid, der Angst und dem Hass zu Leibe.
Neid und Unzufriedenheit gedeihen gut auf Blödheit. Bildung gefährdet Blödheit.
2. Gegenangebote der Linken
Ich glaube, aus meinen vorangegangenen Zeilen ist schon zu entnehmen, dass es mir so ziemlich scheißegal ist, wer welche Partei wählt, solange es bei Wählern und Gewählten um ehrliche, ehrenhafte und leidenschaftliche Menschen geht, die etwas für die Gesellschaft tun wollen. Die etwas leisten wollen, damit wir alle ein lebenswertes Leben haben, und damit unsere Nachkommen ebenfalls in Sicherheit und Wohlstand leben können. Ewas, dass uns allen hilft.
Ich komme an dieser Stelle nicht umhin, kurz zu formulieren, wie meiner Ansicht nach die politischen Ziele unserer Gesellschaft lauten müssten:
- Sicherheit (sozial, körperlich/geistig, Schutz vor Kriminalität)
- Freiheit (Demokratie auf Basis des Deutschen Grundgesetzes, Mobilität, Individualität)
- Wohlstand (alle Grundbedürfnisse müssen gedeckt sein, jeder kann sich und seine Familie durch seine Arbeit selbständig versorgen)
- Klima- und Umweltschutz als Überlebensstrategie für unsere Nachkommen
Dafür reichen eine Handvoll Volksparteien aus, egal ob die konservativ oder linksliberal sind. Am besten sollte von allem etwas dabei sein, denn das sind optimalerweise nur operative Strömungen, die sich weniger um das Was als um das Wie streiten. Das Parlament pendelt das ein.
Gegenangebote von Rattenfängern mit roten Fahnen sind genauso unehrlich wie die von den naziblauen Rattenfängern. Die Welt ist besser ohne Rattenfänger dran, seien sie religiös oder nationalistisch oder sonst irgendwie ideologisch motiviert. Ich halte das nicht für aufrichtig.
Sicherheit, Frieden, Wohlstand und Zukunft erreichen wir nicht durch Idioten-Manipulation, sondern durch Bildung.
Mark O’Beck
P.S.
Der obige Text behandelt aufgrund seiner Kürze nur ansatz- und auszugsweise die komplexe allgemeine Entwicklung der (deutschen) Gesellschaft, und nur aus wenigen ausgewählten Blickwinkeln. Selbstverständlich ist das Gesamtthema wesentlich umfangreicher. Ich war versucht, in meinen Text Aspekte wie Qualitätsverlust und Leistungsabfall in der Wirtschaft einzubeziehen, oder auf den nur kurz angedeuteten Sozialbetrug einzugehen, der sehr wohl existiert, und der von Nazis gerne mit der Duldung oder Abschiebung von Menschen ohne Deutsche Nationalität verknüpft wird, also mit der eigenen Opfer-Mentalität, nicht aber das Schmarotzertum per se anprangert.
Das alles sind sehr komplexe abendfüllende Themen und Probleme, die sich kaum durch Klugschiss oder Stammtischstrategien lösen lassen. Richtig wertvoll wäre so manchmes Mal, wenn unsere Volksparteien mehr klare Haltung zeigten, und wenn sie diese klare Haltung differenziert und ehrlich ausformulierten.
