Hüter, Herren, Lenker (Poem)
In vielleicht fünftausend Jahren
oder vielleicht in drei oder sieben
Ist Planet Erde bestimmt noch da
Doch von der Schöpfung des Lebens,
Was ist wohl geblieben?
Ihre Hüter versagten
Sie verloren ihr Leben, Und sie
Hatten den größten Schatz aller Zeiten
Selbstsüchtig aus der Hand gegeben
In einigen Milliarden Jahren
Zwei oder drei oder unbekannt
Hat ein heißer roter Riese
Sich selbst und unsere Welt verbrannt
Schöpfer, deine Schöpfung hätte
So viel Zeit, Äonen lang
Strebten Ihre Herren nicht
Schon heute in den Untergang
Wirst du helfen?
Wirst du lenken?
Oder hast du schon gelenkt?
- Mark O’Beck, 2021, veröffentlicht im Gedichtband „Ohne Kleider“ von Jill Graf und Madeleine Hold (ISBN 9798596431674)
Der Joint vor dem Aufguss (Story)
Meine Frau und ich waren früh dran, bestimmt waren es noch zehn Minuten bis zum Aufguss in der Kräuterhütte. Wir hatten noch die freie Platzwahl. Nur Johnny saß schon da, mitten im Raum, mitten auf der mittleren Bank, nah an den heißen Steinen. Dass Johnny Johnny heißt, wussten wir nicht. Moin, sagten wir und setzten uns, ebenfalls auf die mittlere Bank, aber im Neunziggradwinkel nah an der Wand, direkt unter die Sanduhr. Moin, sagte er.
Meine Frau und ich gehen nur zwei oder drei Mal im Jahr in die Sauna. Wenn, dann hierher, in diese Landsauna, aber man kann nicht sagen, dass wir Teil der Szene hier sind. Wir kennen kaum ein Gesicht und schon gar niemanden bei Namen. Wir wussten zum Beispiel nicht, wie der Saunameister heißt, der den Aufguss gleich durchführen würde und dann immer wieder mit einem Fächer die Luft verteilt. Jetzt wissen wir es. Jetzt wissen wir, dass sein Name ins Deutsche übersetzt der Begriff für eine kleine süße Frucht ist, aus der man auch Schnaps brennen kann. So wird man schlauer.
Meine Frau und ich waren zufällig früh zum Aufguss gegangen, alle anderen wussten wohl aus Erfahrung, dass man besser pünktlich erscheint. Die Kräuterhütte füllte sich schnell, und bald waren alle drei Ebenen voll besetzt. Es war schon recht drängelig, aber die Leute rückten unter fröhlichem Geplauder immer enger zusammen, und so fanden alle ihr warmes Plätzchen. Alle anderen außer meiner Frau und mir wussten offenbar, dass der Saunameister nicht nur heißt, wie ein leckeres Früchtchen, sondern auch als solches betrachtet werden kann. Die Damen plauderten sich schon mal Appetit an, besonders die beiden vorne auf der ersten Bank, eine Silberhaarige und eine rundliche Brünette, beide schon gehobenen Semesters. Die Frauen dominierten ohnehin die Anwesenheitsstatistik, und die meisten Anwesenden, ob weiblich oder männlich, waren eh deutlich jenseits der siebzig. Die jüngsten im Raume waren das über den ganzen Körper tätowierte Pärchen auf der anderen Seite, über Eck auf der obersten Bank direkt am Panoramafenster. Die wirkten noch unerfahrener als wir und wussten anfangs wohl nicht, ob man das Handtuch umbehält oder unter den Popo schiebt.
Es schien, als ob alle anderen nicht nur das osteuropäische Leckerli kannten, sondern auch Johnny, und so erfuhren auch wir recht schnell seinen Namen. Denn der fiel gut ein Dutzend Mal, immer mit Moin oder Hallo hin und Moin oder Hallo zurück, wenn jemand neues hereinkam. Johnny saß nicht nur im Mittelpunkt. Er bildete ihn auch. Und er kannte ganz offensichtlich jeden oder jede, die hereinkam. Er schien ein Bombengedächtnis zu haben, obwohl er mit Sicherheit die Achtzig lange hinter sich hatte.
Es war ordentlich heiß, obwohl die Glastür nicht vollständig geschlossen war. „Gehört wohl so vor dem Aufguss“ raunte meine Frau mir leise ins Ohr. Ich sah sie an und zuckte die Schultern. Ich verstand den Sinn nicht. Es soll doch heiß sein.
Die Stimmung war angenehm. Gestern sei das Wetter ja wohl fantastisch gewesen. Ja, allerdings, man hatte sogar noch einmal Fahrrad fahren können. Einer hatte noch ein letztes Mal den Rasen gemäht. Bald kommt das Laub runter. Oh ja, Leute, so schnell vergeht die Zeit, das geht ruckzuck, dann kann das schon mal wieder glatt sein, und so weiter.
Da es aber sehr heiß war, gab es auch Pausen, in denen nur das Geräusch der Heizung zu hören war.
„Gestern habe ich erstmal einen Joint geraucht“, sagte Johnny laut und vernehmlich in eine solche Pause hinein.
Ich riss die Augen auf. Für einen kurzen Augenblick, war es mucksmäuschenstill. Keiner sagte etwas, so für ein oder zwei Sekunden, möglicherweise auch drei. Meine Frau gluckste kurz auf, das Pärchen sah den Alten verdutzt an und dann sich gegenseitig, und ihre Mundwinkel zuckten. Dass erste, das ich dachte, glaube ich, war sowas wie Gei-el, Leute, ich schreibe Kurzgeschichten. Jetzt macht bloß weiter.
Das taten sie dann auch:
„So’n Richtigen?“ wollte die betagte Silberhaarige wissen, bei der Johnny möglicherweise ins Beuteschema passte. Sie und die Brünette hatten sich zu Johnny umgedreht.
„Ja, ich glaub‘ schon, dass der richtig war. Aber wenn der falsch war, dann brauch ich eigentlich keinen Richtigen“, sagte Johnny, ohne seine Miene zu verändern. Coole Antwort. Alle lachten. Das Tattoo-Pärchen machte riesengroße Augen. Meine Frau drückte mit ihrem Daumen und ein paar Fingern an meinem rechten Knie herum.
„Hast‘ noch was über?“ flirtete die Silberlöwin über die Schulter Johnny an, und wieder lachten alle.
„Man muss auch teilen können“, sagte eine andere Frau weiter hinten rechts, auch nicht mehr die Jüngste. Meine Frau erhöhte den Druck an meinem Knie.
Kurzes Schweigen, dann „Das ist ja jetzt auch alles legal“. Der Sprecher war ein kräftiger Fünfundfünfziger, plus minus fünf Jahre, Typ Nutzfahrzeugverkäufer, von der langen oberen Bank, neben dem jungen Pärchen.
„Meine ich jedenfalls“, fügte der Mann hinzu und sah sich nach Zustimmung um.
Gemurmel. Ja, ja, das ist ja wohl inzwischen erlaubt. Wegen dem Lauterbach. Alles legal.
„Warst du denn auch Wal?“ Das war die brünette Runde neben der Silberlöwin.
„Was bitte?“ Johnny beugte sich nach vorn.
„Ob du Wal warst“ wiederholte die Brünette etwas lauter.
„Wal?“
„Ach so, tschuldigung, warst du denn auch Hai?“ Die Brünette hatte ihren Gag gezündet, lachte sich schlapp und heischte nach Applaus. Falls Johnny irritiert war, so sah man ihm das nicht an.
„Hast du denn was gemerkt?“ sprang Mr. Sattelschlepper der Brünetten zur Seite.
Jetzt verstand Johnny. „Ach so, high“, sagte er, „klar, das war ja ’ne riesige Tüte.“
Mein Knie schmerzte, das Pärchen oben guckte aus dem Fenster – die waren wahrscheinlich kurz vorm Platzen – und ich pries den Herren, dass er mich in diese Situation geleitet hatte. Hört jetzt bitte, bitte nicht auf.
„Na klar, so’n Gerät merkt man schon ganz ordentlich“, ergänzte Johnny, und zu Trucker-Man nach hinten ins obere Stockwerk gewandt „Du weißt ja, wie das ist“. Ja, Strike!
„Was, nee, so richtig nicht. Ich hab‘ mal dran gezogen, aber das ist lange her.“ Aha, Trucker wollte nicht so richtig Farbe bekennen und gab den Clinton.
„Aha“, meinte auch Johnny, „na ja, denn hast du wohl was falsch gemacht. Hat sich dann ja nicht gelohnt, das Gesetz zu brechen.“ Köstlich.
Rechts unterhalb meiner Frau mischte sich ein Bodybuilder mit Saunamütze ein. Ein Kreuz wie der Terminator und ein glänzendes Tribal auf der linken Schulter. Mit der Mütze sah er trotzdem aus wie Geißen-Peter von der Alm.
„Muss man ja auch nicht, legal oder illegal, keiner zwingt einen“, sagte er in den Raum hinein. Vielleicht zu niemandem Bestimmtes, vielleicht auch zu Johnny, ich konnte ja nicht sehen, wen er ansah. „Ich arbeite mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Ich bin über jeden froh, der nichts mit Drogen am Hut hat.“ Das mit dem Hut fand ich lustig. „Nach wie vor ist Cannabis die Einstiegsdroge. Es fängt immer noch mit Kiffen an, und mit Saufen natürlich, und am Ende ist es oft Meth oder Crack.“
„Das mach‘ ich nicht“, sagte Johnny, den Blick immer nach vorne auf die Steine.
„Nein, natürlich nicht. Ich will ja nur sagen, dass man da wirklich verschiedener Meinung sein kann, je nachdem, was für Erfahrungen man hat. Ich nehme das nicht so auf die leichte Schulter, auch wegen der Langzeitfolgen.“
„Ich habe erst dieses Jahr angefangen“, meinte Johnny, „ich muss zugeben, über die Langzeitfolgen habe ich wirklich noch nicht nachgedacht“. Keine Ahnung, ob das nur gnadenlos sachlich und zutreffend sein sollte, oder ironisch. Zwischen meinen Synapsen überwog die Komik. Außerdem wusste ich, dass ich morgen blaue Flecken am Knie haben würde. Zum Glück schien sich Geißenpeter nicht verarscht zu fühlen. Ich nehme an, die beiden kannten sich tatsächlich schon vorher, und er wusste, Johnny zu nehmen.
„Musst du auch nicht, alles gut. Ich denke, Ihr wisst, was ich meine.“
Das Thema schien erschöpft. Schade eigentlich. Sattelschlepper und Almbewohner guckten den eigenen Schweißtropfen nach, die Hand meiner Frau entspannte sich langsam. Ein paar Seufzer, ein paar geflüsterte Worte. Und wo bleibt eigentlich der Aufguss-Meister, das Objekt der Sehnsüchte und der eigentliche Anlass dieser bunten Ansammlung?
Als ob die Silberlöwin Gedanken lesen könnte: „Einen kleinen Moment hat er noch.“
Nun gut, dachte ich, dann schütten wir mal Benzin nach. Wird ja Zeit, auch mal was Schlaues zu sagen.
„Das ist aber doch nur legal, wenn du selber anbaust oder in einem Cannabis-Verein bist, und registrieren muss man sich dafür glaube ich auch. Ein Hoch auf den Gesetzgeber, der mal wieder inkonsequent bleibt.“ Alle Augen auf mich. Ach du Scheiße. Auch Johnny nahm langsam die Augen von den Aufguss-Steinen und sah mich an.
„Dann ist mein Enkel wohl doch kriminell. Mensch, und ich bin dann wohl ein Mittäter.“
Jetzt schwiegen alle und ich wünschte mir, ich hätte die Klappe gehalten. Nützt ja nichts, also schob ich nach: „Ich meine bloß, dass ich das Gesetz zu vage finde. Man weiß ja gar nicht genau, was legal und was illegal ist. Kontrollieren kann das doch eh keiner, also kann man es doch ganz freigeben und in Apotheken oder Fachgeschäften verkaufen. Dann kassiert der Staat sogar noch Steuern.“
Ich glaube, dass war jetzt doch zu komplex geworden. Die Leute wandten sich von mir ab, nur Johnny sah mich an.
„Mein Enkel sagte, ich solle das mal versuchen, wegen der Schmerzen, und siehe da, es hilft. Schon seit Monaten. Hoffentlich bleibt das so. Dass das nebenbei auch noch lustig ist, viel lustiger als das Zeugs vom Rezept, das macht mir nichts aus. Wir gucken dann zusammen Action-Filme mit Autos und Robotern.“
Er lächelte milde und schaute wieder geradeaus.
Und dann ging ein „Aaaah“ durch die Kräuterhütte. Und jetzt schaute nun wirklich niemand mehr in meine Richtung, als die athletische Fruchtschnaps-Delikatesse durch die Tür kam und mit starkem osteuropäischem Akzent bescheiden „Guten Tag“ sagte.
„Schreibst du das auf?“, fragte meine Frau kurz vor dem Aufguss.
Mark O’Beck, September 2025
Schiss und Vaterlandsliebe (Blickwinkel)
Gedanken über unser Leben und die Zeit, an einem verschneiten Samstag im Februar 2026
Dann ist Polen offen, Holland in Not, etwas faul im Staate Dänemark.
Der erste Spruch ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass Polen im 18ten Jahrhundert teilweise geteilt war, und zwar gleich mehrmals. Der zweite geht wohl auf die vielen Überschwemmungen der Niederlande zurück, die es aufgrund der Lage unterhalb des Meeresspiegels immer wieder gegeben hat. Der dritte Spruch schließlich ist ein Zitat aus der Literatur, nämlich aus Shakespeares Hamlet.
Wir sagen diese Sprüche so daher, meistens gedankenlos, so aus Gewohnheit, ohne deren Herkunft und ursprüngliche Bedeutung zu kennen. Es gibt auch keinen Grund, das für verwerflich zu halten, obwohl … Tatsächlich habe ich den Polen-offen-Spruch selber nie angewendet, weil ich es immer mit dem deutschen Angriffskrieg 1939 assoziiert hatte, also damit, wie Deutschland mit dem Beschuss Danzigs den Überfall auf Polen und damit den II. Weltkrieg eingeleitet hatte. Jedenfalls war ich mir dessen unsicher, bevor ich den tatsächlichen Ursprung der Sätze recherchiert hatte. Jetzt ist Polen auch bei mir ohne schlechtes Gewissen offen, Holland war sowieso schon immer mal wieder in Not, und bei Geruchsentwicklung unter der Spüle ist etwas faul im Staate Dänemark. Das ist normaler Sprachgebrauch, und warum auch nicht?
Und dann gibt es noch einen weiteren Spruch, gegen den ich ebenfalls nichts einzuwenden habe, auf den ich aber gerne näher eingehen möchte. Und zwar geht es um folgenden Ausdruck:
Mehr Schiss als Vaterlandsliebe
Den Satzpartikel benutze ich auch ganz gerne mal, meistens mit einer gewissen heimlichen Freude, weil ich ihn auf unerklärliche Weise urkomisch finde. Ich wende den Spruch in allen möglichen Situationen an, gerne auch da, wo es von der Logik her eigentlich gar nicht passt. Da sogar besonders gerne, weil ich das dann noch urkomischer finde. Bei mir selber, zum Beispiel, wenn ich sagen wir mal vor einem bissigen Hund stehe und die Hosen gestrichen voll habe. Hinterher erzähle ich, ich hätte mehr Schiss als Vaterlandsliebe gehabt. Aber auch, wenn Familienmitglieder, Freunde, Kollegen, egal wer, Schiss vor etwas haben und ich meinen Senf dazugeben möchte, hat derjenige mehr Schiss als Vaterlandsliebe. Hauptsache der Schnack bedient akut meinen etwas durchgeknallten Humor, denn eine Pointe liegen lassen, das konnte ich noch nie. Und wenn nicht ich derjenige bin, der Angst vor dem Hund hat, sondern der Hund vor mir, dann hat eben der Hund mehr Schiss als Vaterlandsliebe. Weil der Spruch der eigentlichen Feststellung erst die richtige komische Note gibt. Nur deshalb. Nicht, weil ich mich mit dem Thema Vaterlandsliebe auseinandergesetzt hätte, oder dieses von dem Hund erwarten würde. Der Schiss (auch nur ein Synonym) steht eigentlich in keinerlei Zusammenhang mit jeglicher Vaterlandsliebe, egal von wem. Oder?
Was bedeutet der Spruch denn überhaupt, und woher kommt er? Die Internet-Recherche hat mir hier nicht so richtig weitergeholfen. Ich habe auch nur ein paar Minuten gesucht, zugegeben, aber ich bin nur auf einige wenige Textdokumente gestoßen, die den Satz wohl enthalten, die ich aber selber hätte durchscrollen müssen. Das war mir aber zu nervig. Ansonsten habe ich alle möglichen Links gefunden, von Naturfotografen bis Cartoonisten, von Zeitungsartikeln bis Facebook-Beiträgen, in denen dieser ominöse Vaterlandsliebe-Schiss auftaucht, weil die Inhaber der Websites den Spruch ihrerseits dort verwendet haben. Also hat mich das alles nicht schlauer gemacht. Somit musste ich unser neues Lieblings-Orakel befragen, ChatGPT, der Heilige Gral des Lernen-Verlernens.
Die Antwort ist gar nicht so ausschweifend, wie ich befürchtet hatte. Etwas gestrafft habe ich sie dennoch, aber nur minimal, und am Inhalt habe ich nichts verändert:
Der Ausspruch ist kein Zitat. Er stammt vielmehr aus dem soldatischen bzw. umgangssprachlichen Milieu, vermutlich aus dem 20. Jahrhundert, und wird oft ironisch oder kritisch verwendet. Der Satz spielt darauf an, dass jemand:
• mehr Angst („Schiss“) als patriotische Begeisterung („Vaterlandsliebe“) hat
• also im Ernstfall eher von Furcht als von heldenhaftem Patriotismus geleitet wird
Meist wird der Spruch ironisch oder desillusioniert gebraucht – etwa um übertriebene Kriegsrhetorik oder falschen Heldenmut zu kommentieren. Solche Formulierungen tauchten besonders auf:
• in der Umgangssprache von Soldaten (v. a. im 1. und 2. Weltkrieg),
• in späterer Nachkriegssatire oder
• in kritischer Literatur über Militarismus
Der Gegensatz zwischen „Vaterlandsliebe“ (patriotische Ideologie) und „Schiss“ (menschliche Angst) ist dabei bewusst entlarvend.
Okay. Gar nicht mal so uninteressant, oder? Ironie, Kritik, Nachkriegssatire, entlarvend. Ich bin schon mal froh, dass ich nicht gedankenlos Weltkriegsrhetorik raushaue, wie ich es schon beim offenen Polen irrtümlich befürchtet hatte. Im Sinne ironischer Kritik oder entlarvender Satire habe ich den Spruch natürlich auch nie benutzt, wie ich zugeben muss. Offensichtlich hat mein Unterbewusstsein den Satz als humorvoll und nicht verwerflich für den Alltagsgebrauch freigegeben.
Der Begriff Schiss steht glaub‘ ich für sich und wird wohl kaum missverstanden. Also nehmen wir doch gleich mal den Begriff Vaterlandsliebe aus dem Satz heraus und betrachten ihn gesondert. Der internationale Begriff dafür wird auch bei uns gerne verwendet, er lautet Patriotismus. Das schaffe ich ohne Internet oder Lexikon. Aber ein Blick ins Wikipedia schadet ja nichts:
Als Patriotismus wird eine emotionale Verbundenheit mit der eigenen Heimat oder dem Vaterland bezeichnet, häufig bezieht er sich auf die Nation. Im Deutschen wird anstelle des Lehnwortes auch der Begriff Vaterlandsliebe als Synonym verwendet.
Diese Bindung wird auch als Nationalgefühl oder Nationalstolz bezeichnet und kann sich auf ganz verschiedene als Merkmale der eigenen Nation angesehene Aspekte beziehen, etwa ethnische, kulturelle, politische oder historische.
Da schießen mir doch gleich ein paar Fragezeichen durch den Kopf. Okay, gehen wir’s an.
Patriotismus ist eine emotionale Verbundenheit mit der eigenen Heimat.
Das ist die erste Aussage, die in Wikipedia dazu gemacht wird. Und ein großes Wort: Verbundenheit. Und zwar zur eigenen Heimat oder dem Vaterland. Nun muss ich echt mal überlegen. Fühle ich denn selbst diese Verbundenheit? Fühle ich mich verbunden mit meiner Heimat. Ein ganz eindeutiges Ja. Definitiv fühle ich mich hier, wo ich geboren und aufgewachsen bin, wo ich geheiratet habe und Vater geworden bin, wo ich immer noch lebe und Freunde habe, tief verbunden. Ja, ich liebe meine Heimat. Meine Stadt, mein Teufelsmoor, die Art der Leute hier, die ganze Region hier zwischen Ems, Elbe und Nordsee, ja, die Nähe zum Meer ist ein wichtiger Punkt. Oldenburg, Cuxtown, Stade, Bremen. Ist schon cool hier im Norden. Alles meine Heimat.
Was ist mit dem Rest des Landes? Mit Deutschland? Die Wiki-Beschreibung sagt, die Verbundenheit bezöge sich häufig auf die Nation. Na ja, dadurch ergibt sich ja eigentlich auch der Sinn des Begriffes Vaterlandsliebe. Mein Vaterland ist ja nicht O-Beck City oder das Teufelsmoor, oder Norddeutschland, sondern Deutschland.
Wie steht es denn also um meine Liebe zu Deutschland? Gute Frage. Also, die ist schon da, die Liebe zu Deutschland. Aber ich muss das echt etwas ordnen.
Ich liebe Deutschland nicht ohne Wenn und Aber. Ich liebe Deutschland nicht blind und ich akzeptiere nicht unkritisch alles Deutsche, weil es Deutsch ist. Es ist absolut nicht so, dass ich alles Deutsche toll und alles Nichtdeutsche scheiße finde. Das wäre für mich dann auch gar nicht mehr Patriotismus, nebenbei bemerkt, sondern Nationalismus, und das gilt für mich auf keinen Fall. Und ich glaube, mit Vaterlandsliebe hat Nationalismus nicht mehr viel zu tun.
Was liebe ich denn an Deutschland überhaupt? Jetzt sind wir schon mitten im zweiten Absatz der Wikipedia-Erklärung. Da steht, diese Bindung wird auch als Nationalgefühl oder Nationalstolz bezeichnet. Okay, Nationalgefühl. Hab‘ ich das? Wieder eindeutig Ja! Wenn ich im Ausland bin und mich als Deutscher vorstelle, dann schlägt mir meistens viel Wertschätzung entgegen, und ja, das fühlt sich gut an. Mir werden nämlich bestimmte Tugenden zugeschrieben, nur weil ich Deutscher bin, verdient oder unverdient (eigentlich erstmal unverdient, denn es geht anfangs gar nicht um meinen persönlichen Charakter, sondern nur um meine Herkunft). Ich werde aufgrund meiner Herkunft pauschal als korrekt, fleißig, zuverlässig, gründlich, pünktlich, qualitätsbewusst, treu und ehrlich eingestuft (was in meinem Fall natürlich auch alles ohne Einschränkungen vollumfänglich zutrifft 😉). Spaß beiseite, als Deutscher eilt mir ein guter Ruf voraus, und das macht es mir einfacher. Und es macht mich auch ein wenig stolz. Klar! Ich meine auch, dass ich diesen Erwartungen weitestgehend gerecht werde, im Beruf oder als privater Reisender gleichermaßen. Ich hinterlasse einen guten Deutschen Eindruck und kann damit unseren guten Ruf festigen. Die Leute erwarten meine deutschen Tugenden und sagen hinterher: Siehst du, so sind sie, die Deutschen. Erfreulicherweise wird Deutschland überwiegend positiv assoziiert. Der einzige Mensch, der mich jemals gefragt hat, ob in Deutschland wirklich so viele Nazis wohnen, war ein elfjähriger Junge in den USA im Jahre 2010. Dessen Klassenkameraden hätten das behauptet. Meine Antwort fiel damals eher belustigt aus. Na ja. Komplexes Thema.
Nun muss ich mal eben wieder kurz bremsen und die Themen neu ordnen. Erstens, der Begriff Nationalstolz schwingt in meinen Ausführungen bereits mit. Zweitens, ich schreibe das alles hier nicht, um mich selbst zu loben und zu zeigen, was für’n toller Hecht ich bin. Vielmehr machen es die Menschen mir leicht, weil ich Deutscher bin. Sie hegen keinerlei Ressentiments, sondern haben positive Erwartungen an mich und machen es mir leicht, die Erwartungen zu erfüllen. Ich muss mich gar nicht übermäßig ins Zeug legen. Ich muss gar nicht beweisen, dass ich korrekt, fleißig, zuverlässig, gründlich, pünktlich, qualitätsbewusst, treu und ehrlich bin. Da gehen die sowieso von aus. Ich muss es einfach nur sein, und das fällt mir nicht schwer. Und so wird das Ganze meiner Ansicht nach rund: die Deutschen haben starke Tugenden, die werden mir automatisch zugeschrieben, ich erfülle sie, weil ich nun mal tatsächlich so bin. Ich habe ausgeprägte deutsche Tugenden, und yessir, das macht mich in der Tat stolz. Insofern empfinde ich Nationalstolz, auch wenn mir bei dem Begriff nicht so ganz wohl ist und ich daher den Ausdruck Nationalgefühl bevorzuge. Aber sei’s drum. Unsere deutschen Tugenden werden wertgeschätzt, und das hat Vorteile.
So, das war die erste Runde der Erörterung der Wiki-Definition. Weiter im Text: da steht …
Nationalgefühl oder Nationalstolz … kann sich auf ganz verschiedene als Merkmale der eigenen Nation angesehene Aspekte beziehen, etwa ethnische, kulturelle, politische oder historische.
Ist das nicht eher eine Mentalitätsfrage, oder liege ich da falsch? So wie etwa, dass Italiener hektisch sind und gerne essen, Spanier feurig und gerne trinken, Iren einfach nur gerne trinken, Norweger ruhig und gelassen sind, Engländer einen schrägen Humor haben, und so weiter und so fort. Ich denke, Ihr wisst, was ich sagen will. Verschiedene Nationen haben verschiedene Mentalitäten. Man schreibt ihnen bestimmte Eigenschaften zu und beurteilt den Einzelnen auch ein wenig danach. So wie ich es als Deutscher im Ausland empfinde, ist es irgendwie bei allen Nationen. Das entspricht auch meinen Erfahrungen. Aber Vorsicht: die Grenze zwischen diesen zugeschriebenen Eigenschaften und ethnischen Vorurteilen ist fließend, und jeder Mensch ist individuell, in jeder Nation.
Ist also das, was ich Mentalität nenne, dasselbe, was in dem Wikipedia-Beitrag als ethnische oder kulturelle Merkmale bezeichnet wird? So ganz sicher bin ich mir da nicht. Und wenn ich einmal vorgreifen darf, bei politischen oder historischen Aspekten bin ich auch unsicher. Vielleicht mache ich mir aber gleich wieder viel zu viele typisch deutsche Gedanken. Vielleicht wird meine Generation (ich muss hier gleich einen Begriff verwenden, der sich bestimmt etwas ungewohnt liest), meine Bildungsgeneration (Schulbildung, oder auch Hochschulbildung, und Sozialisierung in den 1970ern bis 1980ern) dieses Nachkriegs- und Wirtschaftswunderding nicht mehr ganz los. Und vielleicht ist das auch gut so, denn die kritische wohlüberlegte Positionierung Deutschlands in der Welt, im Bewusstsein (und gezielter Abwägung) der historischen Zusammenhänge, kommt seit den 2000ern etwas unter die Räder. Natürlich spielen auch Menschen meiner Generation darin eine Rolle, aber halt nicht die größte.
Meine Generation ist in Wohlstand aufgewachsen, aber die Eltern hatten noch den Krieg erlebt. Sie waren Kinder, als der Krieg endete. Sie verbrachten Ihre Jugend in Trümmern oder auf dem Lande, in beiden Fällen ohne fortgeschrittene Infrastruktur, sie lebten mit Besatzern (im Falle meiner Eltern waren es äußerst tolerante und wohlmeinende Amerikaner), sie kannten keinen Luxus. Im Gegenteil, Entbehrungen und harte Arbeit begleiteten sie durch die Jugend und das junge Erwachsenenleben. Und dann haben Sie den neuen deutschen Wohlstand mit aufgebaut, und sie haben versucht, ihren Kindern Sicherheit und Bildung mit auf den Weg zu geben. Die meisten jedenfalls. Die Protektion der westlichen Alliierten war bestimmt nicht schädlich, aber dennoch, die Generation meiner Eltern hat etwas geleistet. Ich denke, ihre deutschen Tugenden waren dabei mindestens so hilfreich, wie die Besatzer. Und ja, ich bin stolz darauf und das ist irgendwie Teil meiner Vaterlandsliebe: der Stolz auf die deutschen Tugenden und die Leistungen unserer Eltern.
Meinetwegen kann man das mit den deutschen Tugenden, die ich als Mentalität bezeichnet habe, innerhalb der Wikipedia-Beschreibung als ethnische oder kulturelle Merkmale einordnen. Bei mir bleibt es die Mentalität. Ich weiß sonst mit dem Begriff Ethnie im Zusammenhang mit den Tugenden nicht viel anzufangen, und was die Kultur betrifft, gehe ich von einer Wechselwirkung zwischen Kultur und Mentalität aus, die sich über Jahrhunderte entwickelt hat, und damit auch historische Bezüge hat. Es gibt viele Nuancen der deutschen Mentalität, und auch hier können wir wieder Vorurteile kultivieren und diskutieren, ob die Menschen in Hannover, Berlin, Köln oder München unzuverlässiger, unpünktlicher, mürrischer oder lebenslustiger sind, als anderswo. Ja, wir sind unterschiedlich, aber wir haben doch einiges gemeinsam. Ich bin sogar davon überzeugt, dass diese Nuancen neben der Historie sogar mit dem Klima der jeweiligen Region zu tun haben.
Kommen wir also zur Politik und zur Geschichte. Eigentlich sind wir schon mitten drin. Den Bezug zur Historie habe ich über die Nachkriegsgeneration bereits kurz angeschnitten. Das ist ein noch etwas jüngerer Teil der Geschichte. Jünger, weil es noch Menschen gibt, die sich an den Krieg, den Nationalsozialismus und dessen Ende erinnern, und an den Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder und die bunten Zeiten der 60er und 70er Jahre. Noch jünger ist der kalte Krieg, die Hippie-Zeit und der RAF-Terrorismus, Anti-AKW-Demos, der Einzug der Computer in unser Leben, der Mauerfall, der Islam-Terrorismus und die Flüchtlingswelle. Schließlich Corona, und damit sei auch genug des Zeitraffens, ohne Anspruch auf die vollständige Aufzählung aller geschichtlichen Großereignisse. Meine Meinung dazu ist, dass wir Deutschen uns in all diesen Perioden recht wacker geschlagen haben. Die Geschichte hat es gut mit uns gemeint nach dem II. Weltkrieg, und wir wiederum haben aus der Geschichte etwas gemacht. Aufbau einer Parlamentarischen Republik mit gleichzeitigem Wirtschaftswunder. Eins plus. Aufbau der sozialen Sicherungssysteme. Mindestens eine Zwei. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und stabile politische Verhältnisse während der Herausforderungen der APO-Zeit, und all dies bei Wirtschaftswachstum und kulturellen Generationenkonflikten. Drei bis Vier, aber eine Vier ist nun mal immer noch ausreichend. Montagsdemos und Mauerfall. Eins Plus. Wiedervereinigung – schwieriges Thema, vor allem, weil es noch sehr lebendige subjektive Erinnerungen gibt. Ich gebe eine Drei. Transformation von einer Besatzungszone in ein autonomes verantwortungsvolles Land. Gibt bei mir auch eine Drei. Wir werden wohl auch nicht wieder in den Einser-Bereich zurückkommen, denke ich. Eine Demokratie hat nun einmal Schwächen, weil eine Demokratie nicht dafür ausgelegt ist, autoritäre Stärken zu haben. Und beim islamistischen Terror und der Flüchtlingswelle gab’s keine Einsen zu verteilen. Und auch die Pandemie hat keine Helden produziert. Wie denn auch? Und jetzt stehen wir da mit Diktatoren um uns herum und wissen kaum noch, wer unser Freund ist, und wer womöglich sogar unser Feind, und das vielleicht im schlimmsten aller Sinne. Und da geht unsere Gesellschaft auseinander, angeheizt von neuen politischen Strömungen im gesamten Europa in den letzten 15 Jahren, und wirtschaftlich ausgeschlachtet von sogenannten sozialen Medien und einem globalen Kapitalismus, wie ihn die Welt nicht kannte. Und hier kommen wir von der Frage der historisch angelehnten Vaterlandsliebe in die Frage nach dem politischen Patriotismus.
Ich stelle die Frage wieder mir selbst: Empfinde ich Vaterlandsliebe oder sogar Nationalstolz in Bezug auf politische Aspekte. Die Antwort ist wieder einmal eindeutig Ja, tu‘ ich. Denn die Leistungen des vergangenen Jahrhunderts sind schließlich auch politisch flankiert worden. Das sind im Wesentlichen der wirtschaftliche Aufbau und der Aufbau der Demokratie. Darauf kann man stolz sein. Aber auch danach haben wir das beste Sozialsystem der Welt erschaffen, leben (lebten bis vor wenigen Jahren!) in Sicherheit und Wohlstand, haben die Gleichberechtigung der Geschlechter vorangebracht, sind weitestgehend ein tolerantes Land mit einer offenen Kultur (es ist mir bewusst, aber scheißegal, dass manche Menschen mit eingeschränktem Lichtraumprofil diesen Punkt sogar negativ sehen), haben eine gute Infrastruktur und liegen im Umweltschutz ziemlich weit vorne. Made in Germany ist (war!!!) ein Qualitätssiegel.
Ja verdammt, es gibt eine ordentliche Anzahl von Gründen, politischen Patriotismus zu empfinden. Ich bin stolz, Deutscher zu sein, klingt voll bekloppt und nach bildungsfernem Nazi-Gequatsche, aber ja, angesichts dieser Leistungen bin ich froh, Deutscher zu sein, und ja, ich liebe mein Land und bin auch durchaus stolz auf unsere Errungenschaften.
All das müssen wir jedoch erhalten und weiter ausbauen. Sonst machen andere unser Land wieder kaputt. Wenn ausgerechnet Deutschland dabei versagt, die deutschen Tugenden, die Klugheit und den Willen, aus der Geschichte zu lernen, auszuspielen, schwinden Wohlstand und Sicherheit. Dann versinken wir in der Bedeutungslosigkeit, oder wieder einmal in dusteren Zeiten. Das sollten wir besser können. Dummheit und Neid ist nun mal keine Leistung, auf die man stolz sein kann. Patriotismus vorzugeben, um mit dummen Parolen Hass zu schüren, die Realität zu verdrehen, zu polarisieren und uns besser zu fühlen, wenn anderen etwas weggenommen wird, das fällt nun einmal unter Dummheit und Neid. Deutschland ist nach dem Krieg nicht durch Meckerei und Opfer-Geschwafel auferstanden, sondern durch gemeinsames Anpacken.
Keine Angst vor der Wahrheit, vor anderen Meinungen, vor Bildung, anderen Menschen und Kulturen, keine Angst vor Vielfalt. Keine Angst vor Demokratie oder gar vor dem Grundgesetz. Humanistische Werte, Weltoffenheit, ein hoher Bildungsstandard und unsere Mentalität funktionieren höchstwahrscheinlich viel besser als ideologischer Nationalismus.
Wer darüber nicht nachdenken mag, hat vielleicht mehr Schiss als Vaterlandsliebe.
Mark O’Beck, Februar 2026
Paramount Wolken (Poem)
Der Himmel in Amerika
Trägt Paramount Wolken über der Prärie
In den Filmen, in den Western,
Nur nicht zuhause über mir.
Es gibt einen Schnitt im Himmel,
So als wäre der Film zusammengeklebt
Nein, sagte Vater,
Der Himmel ist überall gleich,
Die Grenzen gibt es nur hier bei uns
Auf der Erde, nicht im Himmel
Und die Filme sind alt
Die Wolken über mir
Sind wie immer, wundervoll normal
Wie in der Paramount Prärie
Immer neu, monumental,
und für alle Menschen gleich.
- Mark O’Beck, 2020
Am Fluss (Story)
Too much wine and too much song, I wonder how I got along
(Seasons In The Sun, Terry Jacks, 1974)
Randy Brink fuhr damals mit seiner Maschine freihändig im Slalom durch die Bergstraße. Das weiß man. Das erzählt jeder. Mit leuchtenden Augen oder mit gerümpfter Nase. Alle haben ein Bild vor Augen. Randy Brink auf seiner Honda CB750 Four mit Vierzylinder Reihe und 4 in 4 Auspuffanlage. Der Tank in Glitter-Gold lackiert. Das sah schon toll aus in der Sommersonne. Man kann den Sommer noch fühlen, die Tage am Fluss und im Dorf, wenn man die Bilder vor Augen hat. Wenn man dabei war, damals, in der Zeit so um 1975 herum.
Der Alte schaute auf die Enten und überlegte, ob es die Four nicht sogar werkseitig in Goldlackierung gegeben hatte. Da war was. Dann aber wahrscheinlich abgesetzt mit schwarzen Streifen am Tank, aber das entsprach nicht dem Bild von Randys Maschine. Die war mit Sicherheit überlackiert. Und der Lenker war auch nicht original. Der Alte meinte, in der Mitte des Lenkers wäre so eine Art Pfeilspitze gewesen, so eine Art Dorn, nach oben in Richtung des Fahrers gerichtet. Wie auf einer Pickelhaube aus dem ersten Weltkrieg. Wie auch immer, auf jeden Fall war das nicht TÜV-kompatibel, weder damals noch später. Vielleicht war das mit dem Dorn auch nicht bei Randy gewesen, vielleicht hatte er das irgendwo an einer anderen Maschine gesehen.
Wer es wirklich gesehen hat, oder wer es einfach nur so erzählt, weil es ihm erzählt wurde, von jemandem der es gesehen oder auch nur erzählt bekommen hatte, lässt sich heute sowieso nicht so mehr genau feststellen. Wir alle, die uns diese Legenden erzählen, haben das Bild vor Augen, und wahrscheinlich alle dasselbe. Randy mit seinen langen schwarzen Locken und den großen goldenen Hakenkreuz-Ohrring-Anhängern, in seiner schwarzen kurzärmeligen Lederweste über dem nackten schlanken Oberkörper, auf seiner Honda. Wie er auf dem Hinterrad den Bürgersteig entlangrast, oder die lange Straße vom Fluss hoch zum Dorf entlang jagt, mit allem, was die Maschine hergab und mit einem richtig fetten Klang. Oder halt freihändig im Slalom in der Bergstraße, mitten im Ort, da wo die Touristenbusse auf den Großparkplatz einbiegen. Manche meinen sogar, er hätte dabei sein Frühstücksbrot verspeist.
Wenn jemand sagte, er hätte das mit eigenen Augen gesehen, müsste man ihn fragen, wie er sich das erklären kann, dass jemand früh morgens in seinem Nachmittags-Outfit auf dem Motorrad unterwegs ist und dabei frühstückt. Zumal dieser Jemand im Betrieb seines Vaters angestellt war, und der lag am Ortsrand weit weg von der Bergstraße. Aber sei’s drum, irgendwas ist immer dran an Legenden, und in die Hall Of Fame des Dorfes hatte Randy es auf jeden Fall geschafft. Er war nun mal eine schillernde Figur. Alle kannten Randy Brink. Die Eltern, die Nachbarn, die Lehrer, ja sogar der Pastor. Seine Maschine kannten auch alle. Es ist praktisch gar nicht möglich, Randy zu erwähnen, ohne gleichzeitig an die legendäre Honda zu denken. Manchmal konnte man sie ja sogar nachts hören. Das Ding war sowieso frisiert, denn das machte damals jeder, und wir alle wussten es.
Das mit den Hakenkreuzen ist irgendwie merkwürdig. Randy war kein Nazi, jedenfalls ist darüber nichts bekannt. Immerhin gab es einen dorfbekannten Nazi, und in keiner Legende wird Randy mit dem in Verbindung gebracht. Als gewalttätig galt er auch nicht, und soweit es sich die Leute von damals erzählen, war er noch nicht einmal kriminell. Kein Einbruch, kein Diebstahl, keine Prügelei, soweit man sich davon erzählt hätte. Von ein paar Drogendelikten und einem Haufen Ordnungswidrigkeiten im Straßenverkehr kann man natürlich getrost ausgehen. Aber das gehörte nun mal dazu, zum guten Ton und zum schlechten Ruf. Dafür waren wohl auch die Hakenkreuze gut, als Symbol der Unangepasstheit und der Wildheit. Outlaws sind sexy! Randy kokettierte wahrscheinlich damit. Aber das kann man heute nur vermuten, wissen können wir es nicht.
An Mädchen mangelte es Randy ganz sicher nicht. Wohl aber an ihm zugeneigten Schwiegermüttern.
Wir Jungs hatten keine Angst vor ihm, aber wir blieben auf Abstand. Er tat niemandem etwas, und uns Zwölfjährige nahm er noch nicht einmal wahr. Wir bewunderten den Outlaw und seine Maschine, aber besser nur von Weitem.
Wie Randy wirklich so war, so im Umgang, und was wohl mal aus ihm werden würde, da war man sich damals im Dorf uneins. In einem waren sich aber alle einig, ob alt oder jung, ob Bewunderer oder Naserümpfer: Der Typ hatte nicht alle Tassen im Schrank. Nun, das lag auf der Hand.
Im Sommer gab es immer etwas zu gucken am Fluss, wenn die jungen Erwachsenen da waren, die Jungs mit ihren schnellen Autos und die Mädchen in knappen Bikinis oder sogar oben ohne. Nicht nur Randy, sondern auch die anderen vom MCW, die sich ansonsten immer am Mittwoch nach Feierabend an ihrer Stammtheke im Schnellrestaurant Pharos betranken. Durch die große Fensterfront konnte man sie am Tresen sehen. Da die Eisdiele direkt neben dem Pharos lag, konnten wir Halbwüchsigen uns dort legitim aufhalten.
Vielleicht betranken sie sich auch gar nicht. Wir wussten es schließlich nicht, weil wir ja nicht dabei waren. Wir gingen nur selten, sehr selten, hinein. Wir betraten den Imbiss nur, um dort mal eine Curry-Pommes rauszuholen, und wenn der MCW drinnen tagte, gingen wir besser überhaupt nicht rein. Dann holte man das Essen lieber von der Kakerlakenpiste, die natürlich nicht wirklich so hieß. Der Imbiss oben beim Großparkplatz. Eigentlich weiß keiner mehr, wie die Imbissbude dort hieß. Alle sagten nur Imbiss oder Kakerlakenpiste, und wahrscheinlich hieß die Bude tatsächlich nur Imbiss.
Warum sollten sich die Jungs vom MCW aber auch ausgerechnet am Mittwoch betrinken, obwohl man doch normalerweise am Donnerstag wieder zur Arbeit muss. Die waren doch alle berufstätig. Mussten sie auch, denn die Sciroccos, Escorts und Pinifarinas, die 914er, 2000er und TRs und wie die alle hießen, die musste man sich doch erst mal leisten können. Wahrscheinlich betranken sie sich wirklich nicht, denn auch die beiden Dorfsheriffs von der sehr nah gelegenen Polizeistation tauchten nicht öfter dort auf als sonst, wenn die heißen Schlitten in der Parkbucht vor dem Pharos standen.
Das M in MCW stand nicht für Motorrad, wie man denken würde, und was wohl auch gedacht werden sollte.
Es bedeutete wohl tatsächlich Mittwoch, weil sie sich unter der Woche immer nur am Mittwoch trafen. Ohnehin hatte keiner von ihnen ein Motorrad, außer Randy. Der gehörte aber irgendwie gar nicht so wirklich richtig dazu beim MCW. Und dann irgendwie doch. Manchmal stand jedenfalls neben den Sportwagen auch die goldene Honda vor dem Pharos.
Im Sommer am Fluss tranken sie jedenfalls alle viel Bier, machten viel Müll, hörten laut Musik und grölten viel herum. Wenn es nicht Mittwoch war. Die Mädchen quietschten und schnatterten und manchmal war eine von ihnen so besoffen, dass sie nicht merkte, dass sie ohne Oberteil herumtorkelte und ins Gras kotzte. Es gab was zu gucken im Sommer am Fluss.
Fast siebzig Jahre her, dachte der Alte und starrte auf die verrostete Wasserpegel-Skala am Betonsockel der Zugbrücke. Ein weißes Stück Blech. Früher mal weiß, mit einer Skala darauf. So eine Art Lineal, dachte der Alte. Das Blech war mal weiß und senkrecht und gerade an ein Holzbrett angeschraubt worden, und das wiederum senkrecht und gerade an den Brückenpfeiler gedübelt. Jetzt war das Blech stark angerostet und baumelte offenbar nur noch an einer Schraube an dem Brett. Das Holz sieht auch nicht mehr so doll aus, aber gut, Wasser und Holz, das ist keine Verbindung für die Ewigkeit.
Wieso muss das so aussehen, dachte der Alte. Ich finde das ja romantisch fotogen, aber ich bin auch kein Tourist. Als Tourist würde ich mich wundern, dass man mich anlocken will, hierher in einen Luftkurort in einem Naturschutzgebiet, an einen solchen schönen Ort hier am Fluss, sogar mit kleinem Badestrand, einer historischen Brücke und einem idyllischen Restaurant direkt am Wasser, und dass man dann alles so verkommen lässt. Und wenn ich so darüber nachdenke, dachte der Alte, wundere ich mich selber eigentlich auch. Als unechter Tourist. Das Schild kann ja gerne rostig bleiben, das hält trotzdem noch ein paar Jahre. Sieht sogar authentisch aus. Aber in den Fluss fallen sollte es nicht. Nicht in einem Naturschutzgebiet, in dem man als Einheimischer eigentlich gar nichts mehr darf. Sogar die vor 150 Jahren angelegten künstlichen Kanäle hat man zu Naturarmen erklärt und die Motorboote der Anlieger mussten da weg. Als Tourist kannst du dir ein Kajak leihen und besoffen ins Schilf in die Brutstätten der Vögel fahren. Und die Sonntagstouristen schmeißen ihre Taschentücher und Hundekacketüten auf die Wanderwege, weil die Gemeinde und der Landkreis zu geizig für Mülleimer sind. Passt zu dem beschissenen Verhalten der Autofahrer, die ihre Mecces-Tüten aus dem Auto werfen. Denen müsste man mal die eigene Karre voll mit Gülle pumpen, damit … Na ja, nicht aufregen, dachte der Alte. Idioten wird es immer geben.
Die Straße zwischen Fluss und Dorfeingang wird gefühlt jedes Jahr breiter asphaltiert, damit die Busse mehr Kaffeegäste rankarren, aber Geld für eine sachgemäße Befestigung des Pegelmessers ist nicht da. Und wieso stellt man eine Ampelanlage in Bergedorf auf, wo man für ein kleines Vermögen erstmal Strom hinlegen muss, kann aber nicht für einen Hunni ein Stück Blech wieder rantackern?
Bloß nicht aufregen. Was geht es dich an? Du bist gar kein Gemeindemitglied hier. Du bist ja irgendwie doch ein Tourist, wenn man so will. Touristischer Ureinwohner.
Der Alte schaute auf die Brücke und überlegte, was sich hier eigentlich seit damals alles verändert hat. Die Zugbrücke müsste im Wesentlichen immer noch so sein wie 1975. Sie war nie erneuert worden, höchstens mal neu übergestrichen. Soweit er wusste, war sie noch intakt, Das heißt, man müsste die Brücke noch hochklappen können, um Schiffe mit Mast oder hohen Aufbauten durchzulassen. Derartige Schiffe durften das Naturschutzgebiet aber schon seit Ewigkeiten nicht mehr befahren, also bestand zum Hochklappen wohl keine Notwendigkeit mehr. Der abgeschlossene Kasten am rechten Stahlträger war viel zu flach für einen Motor. Da ist wahrscheinlich noch die alte mechanische Übersetzung und die Kurbel drin, um die Brücke mit Muskelkraft hochzudrehen. Cool. Wenn die Brücke keinen Motor hat, kann auch keiner kaputt gehen, dachte der Alte. Das ist schon mal gut.
Das Geländer der Brücke lag ungefähr 3 Meter über der Wasseroberfläche. Eine gute Sprunghöhe. Im Sommer springen da auch heute noch manchmal Kinder vom Geländer. Oder sie klettern über das Geländer auf den Sims des Brückenpfeilers. Das sieht auch heldenhaft aus, ist aber nicht ganz so hoch. Hauptsache, sie halten sich an die Flussmitte, wenn sie springen. In die Fahrrinne zwischen den Pfeilern kann man hopsen. Da ist es tief genug. Das wird auch regelmäßig ausgebaggert. Bei einem Moorfluss kann man den Grund nicht sehen. Tatsächlich kann man eigentlich keinen halben Meter tief unter die Wasseroberfläche blicken. Und deshalb sollte man eigentlich gar nicht hineinspringen. Aber die Verlockung ist nun mal groß, und verdammt nochmal, zu irgendwas muss die Kindheit doch gut sein. Gut, wenn die Kids im Campingurlaub mit den Eltern Spaß haben. Besser als den ganzen Tag im Wohnmobil hocken und Ballerspiele spielen. Da sollen sie doch lieber in den Fluss hüpfen, solange sie in die Mitte springen. Ohne auf einem Touristen-Torfkahn zu landen, versteht sich, aber darauf kann man aufpassen.
Seitlich der Rinne könnten Äste unter der Oberfläche liegen, oder Schlimmeres. So wie früher, als da ganze Motorräder im Fluss lagen.
Wie sie starben, die halbstarken Freaks vom MCW und später die von Iron Fist, das wissen viele Leute auch noch. Die Legenden sind noch nicht ausgestorben. Wenn man mal einen von früher trifft, und wenn dann das Gespräch auf Pocke, den Grafen oder Kemal fällt, dann kann man feststellen, dass sich die Erzähler immer wieder dieselben Geschichten erzählen. Die Legenden, die alle kennen.
Wer wann genau starb, da sind die Legenden unscharf. Aber das bringt ein wenig den Unterhaltungswert in die Gespräche, das gemeinsame Grübeln, in welchem Jahr das gewesen sein musste. Was war da noch so passiert? Hatte der oder jener nicht immer so ein T-Shirt mit aufgedruckten Erdbeeren an? War jener oder der nicht mit der hübschen Monika zusammen, die mit den kurzen blonden Haaren? Manche erinnern sich an die Daten oder wenigstens an das Jahr. Manche erinnern sich an Ereignisse aus dem eigenen Leben, die zu der jeweiligen Zeit stattfanden. Oder daran, welche Musik im Radio lief. Die Legende sorgt vielleicht dafür, dass es neblig war, als jemand starb, aber nicht, an welchem Septembertag, oder ob es überhaupt September war.
Pocke und der Graf waren jünger als die Jungs vom MCW. Pockes Generation starb den 80ern oder später und stellte nach, was der MCW in den 70ern vorgeturnt hatte. Wer früh starb, starb jung. So wie Hermelin, der seinen hellblauen 2000er innerorts an eine Hausecke setzte. Scheißkurve da beim Frisör. Im Nachbardorf war Wichtel in einem Escort an einer Eiche gestorben, die danach zwei Namen eingeritzt bekam, außerhalb der Ortschaft. Die auf dem Beifahrersitz hieß Sabine. Die kannten wir vorher gar nicht. Jens-Peter überlebte einen Motorradsturz und wurde einige Monate später von einem Laster überfahren. Nachts zu Fuß betrunken mitten auf der Landstraße zwischen dem Künstlerdorf und der Kreisstadt. Wie er dahingekommen war, und warum, das hatte man nie herausgefunden. Oder dieser Aspekt hatte es nicht in die Legende geschafft, die die Story auf seinen Namen, den Suff und die Landstraße reduzierte.
Das war dieselbe Landstraße, auf der es auch die ewig breite Toxy erwischte, viele Jahre später aber keine hundert Meter entfernt von Jens-Peter. Schöne Stelle. Gute Asphaltdecke. Viel Grün drumherum. Im Sommer oft Rehe auf der Fahrbahn. Fünf Kilometer schnurgeradeaus. In beiden Fällen Fahrerflucht.
Es waren oft Autounfälle. Oft mit Drogen oder Alkohol. Manchmal nur Drogen oder nur Alkohol. Eine sinnlose Verschwendung, dachte der Alte. Suizide gab es auch. Eigentlich sind Suizide auch Unfälle, dachte der Alte. Junge Menschen, die in einem Moment aus einem Affekt heraus einen Fehler machten oder eine beschissen falsche Entscheidung trafen. Hatten sie es erkannt, in den letzten Sekunden? Die Unausweichlichkeit. Das Ende der Unsterblichkeit mit neunzehn. Vor dem Aufschlag, bevor die Tabletten wirkten oder der Wodka den Schlaf erzwang. Bevor die Luft zu Ende ging.
Ein Bild im Kopf von Randy, der darüber lachte, auf einer Picknick-Decke am Badestrand am Fluss, mit einer Flasche Bier in der Hand. Ein gutes Stück entfernt, aber nah genug, dass Worte wie „abkratzen“ zu uns kleineren Jungs herübertönten. Vielleicht bestand überhaupt kein Zusammenhang mit dem Hermelin, aber die Zeit könnte es gewesen sein. Vielleicht war es wirklich etwas ganz anderes, was Randy da rausposaunte, denn mit dem Hermelin hatte er schließlich am Tresen gesessen. Falls das etwas gilt.
Damals war der Fluss schmutzig gewesen vom Abwasser der Ortschaft und der Landwirtschaft. Das Wasser stank und trug zuweilen Inseln aus Schaum, wie Seifenblasen, die sich auch an die Böschung hefteten. Die Kinder bekamen Blasen an den Lippen. Oder ihre Augen tränten. Man sagte damals, der Fluss sei nicht sauber, und noch Jahrzehnte später hieß es, der Fluss sei giftig, als er längst wieder ein gesunder Lebensraum für Tiere geworden war, die der Alte in seiner Kindheit nur selten oder gar nicht gesehen hatte. Doch schon seit Jahrzehnten gibt es wieder Silberreiher und Eisvögel. Man munkelt, dass Biber gesehen wurden, aber das könnten auch diese lästigen Nutrias sein, die seit dreißig Jahren wie Einheimische tun.
Als der Alte schwimmen gelernt hatte, am kleinen Badestrand des Flusses, als er es erstmalig geschafft hatte, den Fluss an einem Stück zu queren, vom seichten Strand zum anderen Ufer und zurück, da war das Wasser bestimmt verschmutzt. Schon verschmutzt, oder noch verschmutzt. Vielleicht giftig. Vielleicht noch nicht giftig genug, um ein Badeverbot auszusprechen. Das war 1969. In den Siebzigern galt häufig ein Badeverbot, wenn der Schaum dichter wurde und der Fluss zum Himmel stank. Zu einer Zeit, als man auch die Kläranlage manchmal noch bis an den Fuß des Hügels riechen konnte. Der Hügel, an dem vor Jahrhunderten die ersten Gehöfte gebaut wurden. Wie giftig auch immer, das Umweltschutz-Gelaber in der Grundschule und von diesen Langhaarigen mit den Parkas hatte die meisten Menschen damals noch nicht interessiert.
Wer die 70er überlebte, bekam es mit den 80ern zu tun. Da mussten die Kids nicht mehr auf den Führerschein Klasse 3 und ein Auto warten, weil man sich da theoretisch schon mit 15 Jahren mit dem Mofa umbringen konnte. Theoretisch deshalb, weil es glücklicherweise keiner aus seiner Clique hingekriegt hatte, trotz gründlichster Bemühungen und mehrerer Anläufe einzelner Kandidaten. Zerschnittenes Gesicht, aber nicht tot. Arm mehrfach kompliziert gebrochen, weil der Helm am Arm nun mal cooler ist als auf dem Kopf, aber noch lebendig, und danach lernfähiger. Halskrause für ein halbes Jahr, Hüfte im Arsch, Magendurchbruch, Auge weg, alles dabei. Aber nicht tot. Nicht in seiner Gang. Glücklicherweise. Bei Iron Fist sah das anders aus.
Alkohol und Drogen funktionierten natürlich immer noch genauso gut wie früher. Man kam sogar besser heran. Und so kamen auch die 80er heran an ihren Blutzoll. Nicht aus der eigenen Gang, aber eigentlich kannte jeder jeden, und die Jungs von Iron Fist kannte man schon deshalb, weil man ihnen besser aus dem Weg ging.
Überdosis bei Pocke und Kemal. Graf Springer III fiel seinem Adelstitel zum Opfer, wie schon Graf Springer II, sein Vater. Der erste in der Ahnenreihe hatte weder den Namen noch den Titel innegehabt, wurde aber einfach mitgezählt, weil Gene ja nun mal irgendwo herkommen müssen. Und Urvater klingt doch nach was.
Wer es Anfang der 80er Jahre nicht mit 50 ccm Hubraum hinbekommen hatte, bekam eine zweite Chance, wenn er es sich denn leisten konnte. Die 80 Kubik-Maschinen waren schon geil, egal ob Honda, Yamaha oder Zündapp, egal ob Enduro oder Straße. Sie waren schnell und cool und früher erreichbar als ein eigenes Auto, weil man den Führerschein 1.B schon mit 16 machen konnte.
‚Kung Fu Fighting‘ tönte aus den Lautsprechern der Autos, oder aus den Kassettenrecordern am Strand. Oder ‚Shame, Shame, Shame‘ oder ‚Bye Bye Baby‘. Als die goldene Honda die lange Straße zwischen dem Fluss und dem Hügel entlangraste oder sich die ganze MCW Gang draußen vor der Eisdiele um Jimmys roten 914er herum versammelt hatte und den Schaden links vorne diskutierte.
‚Have A Drink On Me‘ war es, als Graf Springer III besoffen oben auf dem Kontergewicht der Zugbrücke saß, weil er nicht wieder herunterklettern konnte. Unten auf dem Gras am Ufer lief das gerade frisch herausgekommene Album ‚Back In Black‘ auf Kassette. Die Jungs in ihren Lederjacken mit den Jeanskutten lachten.
Um da oben raufzukommen, auf das Gegengewicht aus Stahl, musste man die Zugstange hinaufklettern. Der Graf hatte es geschafft, zwei Flaschen Beck’s heil mit nach oben zu nehmen. Bier war für ihn eher ein leichtes Erfrischungsgetränk. Vielleicht wollte er ausnüchtern. Nun saß er da oben in sieben Metern Höhe über dem Wasserspiegel, vier Meter über der asphaltierten Fahrbahn der Brücke, in seiner Lederkluft, trank das Bier und machte Sprüche.
Rauf ist immer leichter als runter. Das hatte der Graf auch gemerkt. Die erste Bierflasche flog leer in den Fluss, ein wenig später die zweite, und schließlich sprang Springer III voll hinterher. Nicht in die Flussmitte, wo schon die Flaschen schwammen, sondern eher weiter zum Ufer hin, wo man auf keinen Fall hinspringen soll. Die Jungs im Gras grölten und schimpften, weil der Graf zu früh gesprungen war und sie ‚Hells Bells‘ noch nicht zurechtgespult hatten. Für einen Moment grölte aber nur Brian Johnson, nämlich während des Fluges. In dem Augenblick, als es Wahrheit wurde, dass der Graf springt, hielten alle die Luft an. Wahrscheinlich kam sogar leichtes Entsetzen auf, denn nach einer halben Sekunde in der Luft wurde die Flugbahn offensichtlich. Zwischen dem Urschrei beim Absprung und der Arschbombe am seichten Rand, wo Steine und Äste im Wasser liegen können, waren die Jungs still. Ganz kurz. Aber als die Fontäne wieder in den Fluss fiel und der Graf wieder an der Wasseroberfläche auftauchte und breit grinste, wurde es sofort wieder laut im Gras, da war der Tag vollkommen. Legendär.
Vor einiger Zeit, im Sommer, im Biergarten der anderen Hütte, ungefähr drei Kilometer den Fluss runter, hatte der Alte verzückt eine Gruppe von Männern in Lederjacken und Jeanskutten beobachtet. Die geschätzt fünfzehn zwanzig Kerle waren so etwa in seinem Alter. Sie tranken Cola, Radler oder Kaffee, aber sie gehörten klar erkennbar zu der Flotte alter Mofas, die bei den Fahrradständern geparkt standen. Mit Kettenschlössern. Einige Hercules aus der M-Reihe, einige Bergsteiger, eine Sparta, eine Puch. Eine wunderschöne Silber-Orange Kreidler Flory war auch dabei und eine grüne G3. Alle super herausgeputzt, und wie sich das gehört mit Rückspiegeln aufgemotzt. Eine M3 sogar mit Fuchsschwanz an den Lenkerenden. Ja, war schon cool damals, hatte der Alte gedacht, als er die Truppe beobachtete und die Mofas inspiziert hatte. Auch wenn es einem heute ziemlich lächerlich vorkommt, mit 25 km/h Klamotten zu tragen wie ein Rocker.
Nun fuhren die meisten Kisten damals aber eigentlich nicht nur 25, sondern um die 40, manche bis zu 70 km/h, nachdem sie frisiert worden waren. Als erstes wurde der Krümmer abgesägt, das Stück Rohr zwischen Motor und Auspuff. Das war Pflicht. Ob das eine Maschine wirklich schneller macht, da schieden sich die Geister. Schaden tut’s nicht, da war man sich einig. Das kleine Ritzel verbesserte nachgewiesenermaßen die Endgeschwindigkeit, nur beim Hochstart musste man etwas tricksen. Manch einer prahlte mit einem plangeschliffenen Zylinderkopf. Mick behauptete, die Drossel gefunden und entfernt zu haben. Alles klar. Die Drossel. Einen Vogel hatte der, das war alles. Mick war der mit dem Magendurchbruch gewesen. Mofa gegen Eiche, Lenker quer im Magen. Krankenwagen nicht erwünscht. Dann hätte er ja nicht mit uns in den Wald gekonnt, mit den zwei Flaschen Pernod und den Mädchen.
Einige Tunings schienen aber zu funktionieren. Rolli soll mit seiner Sparta zwei Mal einen Polizeiwagen überholt haben. Einmal innerorts, was ihm ordentlich Ärger einbrachte, und einmal außerorts, angeblich mit 110 km/h, was ihn die Sparta kostete. Fortan war Rolli innerorts Fußgänger, außerorts Tramper oder Busfahrer, hinten sitzend. War wahrscheinlich auch besser für ihn. Sonst hätte er die 80er wahrscheinlich auch nicht überstanden. Noch nach Jahrzehnten, wenn Rolli erwähnt wurde, was selten passierte, grinsten immer alle, und einer sagte es schließlich, das Wort. Baugrube. Ein legendärer Abend. Das muss im März gewesen sein. Es war so neblig, dass wir sicher waren, dass unser Lagerfeuer am Fluss, da wo der Feldweg vor einem großen Eisengatter endet, nicht von der Brücke aus zu sehen ist.
Erst fiel Schnorchel besoffen in den arschkalten Fluss und saß eine Weile zitternd und fluchend am Feuer, bis er mit dem einzigen Auto, das wir dahatten, abtransportiert wurde. Später dann, nachdem wir das Grillrost wieder vor dem Haupteingang der Grundschule eingesetzt hatten, trafen wir uns mit allen Mofas und Mopeds auf dem großen Parkplatz in der Bergstraße. Wenn man sich im Laufe des Abends aus den Augen verloren hatte, da fand man sich wieder. Schnorchel kam auch wieder dazu, zusammen mit Platte, seinem Rettungsfahrer. Platte war etwas älter als wir, aber seine Freundin Peggy war mit Capri in einer Klasse gewesen und die beiden waren wie Bruder und Schwester. Da Peggy fester Bestandteil unserer Gang war, war auch Platte in unserem Dunstkreis. Ein Auto war willkommen. Damit kann man besser Bier holen, als mit Mopeds.
Zählappell auf dem Parkplatz. Wo ist Rolli? Alles wieder in den Sattel, Helme auf und die ganze Strecke zurück. Raus aus dem Ort, den Hügel runter durch den Nebel bis zur langen Straße, die zum Fluss führt. Und an der Kreuzung bei der alten Jugendherberge fanden wir Rolli, auf dem Boden sitzend, neben einem Erdloch.In dem Loch lag seine Sparta. Baugrube, echt beschissen abgesichert. Zerrissenes, rot-weiß gestreiftes Markierungsband flatterte noch zwischen den Eisenstäben. Aber keine Beleuchtung, noch nicht mal ein Warnschild.
Vorhin war der Graf mit Pocke und dem verzinkten Trittrost vor der Jugendherberge abgebogen, in die Straße, wo die Maschinenfabrik lag, und bis zur Schule gefahren. Alle anderen waren an der Jugendherberge vorbeigefahren und dann links in die Kreisstraße eingebogen. Nachts konnte man bestens sehen, ob da links oder rechts Autos kommen. Anhalten überflüssig, blinken sowieso. Nur Rolli hatte die Kurve in die Kreisstraße stuntmäßig eng genommen und war anstatt auf die Straße lieber in den Fahrradweg gerast, zwischen den Eichen hindurch und direkt in die Baugrube.
Rolli hatte alleine aus der Grube klettern können. Die Knie seiner Jeans, die Schuhe, die Ellenbogen, alles matschig. Sogar der Helm sah aus wie Sau. Gut, dass Rolli den aufhatte. Er war unverletzt.
Sein Überschallmofa mussten wir zu viert aus dem Loch rauswuchten. Die Lampe saß auf halb neun und der Lenker war in der Halterung nach vorne verdreht. Die Räder nicht verbogen, Kette drauf, Pedalen gerade, Zündkabel steckte drauf. Die Kiste sprang an. Die Lampe ging nicht. Ordentlich draufhauen. Die Lampe ging. Sattel abwischen, weiter. Nach dem Einsatz brauchten wir Bier. Legendenbildung macht durstig.
Tja, alles fast siebzig Jahre her, dachte der Alte, als er sich dem Parkplatz näherte, wo die Parkgebühren schon mit diesem blöden Transponder gemessen wurden. Wenn das man alles richtig funktioniert, dachte er sich.
Der Alte schaute auf die Busse, die wie Raumschiffe aussahen, und sagte „mach auf!“ zu seinem Auto. Die Fahrertür faltete sich nach oben. Gott sei Dank geht das inzwischen wieder ohne Telefon, dachte der Alte, aber mit so’m altmodischen Schlüssel wäre das noch viel besser. Gleich fragt mich das Scheißding wieder, wo ich hinwill. Wieso, verdammt? Wieso muss ich wissen, wohin ich will. Ich schau mich doch bloß um.
Wieso muss man für jeden Scheiß ein Ziel haben?
- Mark O’Beck, September 2025
Schneemann (Poem)
Der kalte Bursche mit der roten Nase
Sah wirklich schon mal besser aus
Wie Letzten Dienstag, im Park auf dem Rasen.
Frisch gerollt war er da, Schneeweiß und klar.
Ohne Flecken, ohne Schmutz, ohne Ruß.
Da war es noch eisig kalt, am Dienstag
Und der Himmel war rot am Abend
Und der Schneemann stand inmitten
Von Pudelmützen, Lachen und Rodelschlitten
Auf dem lichten Platz im Park
Die Luft ist anders jetzt, heute Morgen.
Ungemütlich immer noch, aber komisch warm.
Es wird wohl regnen.
- Mark O’Beck, 2019
3 Gedichte von Madeleine Hold (poems - gastbeiträge)
Madeleine Hold ist eher als Fantasy-Autorin bekannt, vor allem in der Young Adult Szene, doch vor einigen Jahren waren schon drei Gedichtbände von ihr erschienen. Zwei davon in Zusammenarbeit mit Jill Graf. Dann noch einer mit Koreanischer Übersetzung!
Ich darf hier drei Gedichte aus Madeleines Feder vorstellen.
ANLEITUNG FÜR ACHTSAMKEIT
Ohne Gedanken,
Verschwendet an das,
Worin wir versanken,
Zitternd vor Angst,
Ohne Gefühle,
Verschlossen vor dem,
Wovor wir uns hüten,
Es zu verstehen,
Ohne Erwartung,
Gerichtet auf die,
Für die wir uns schwertun,
Finden wir sie
- die Gegenwart
VON ENDE BIS ANFANG
Mit dem Ende jedes Anfangs
Beginnt sofort ein Neuanfang
Und der Anfang eines Anfangs
Macht uns leider manchmal Angst,
Denn wir brauchen die Gewissheit,
Dass das Ende uns gefällt,
Aber wie ein Ende endet,
Hat kein Anfang je erzählt.
ICH BIN DAS MONDLICHT
Ich bin das Mondlicht,
Geleite euch durch die Nacht,
Bringe Klarheit, bringe Frieden,
Halte die Monster in Schach.
Ich bin das Mondlicht,
Ihr braucht mich nur in der Nacht,
Deshalb hat unter der Sonne
Niemand an mich je gedacht.
Lassen wir sie mal wirken, die Poesie, die wie Musik klingt. Wie ein Lied, eine Rock-Ballade, ein Folk-Song oder gar ein Rap? Schön. Danke, Maddy!
- Madeleine Hold, 2021, veröffentlicht im Gedichtband „Ohne Kleider“ von Jill Graf und Madeleine Hold (ISBN 9798596431674)
Gertrud (Story)
Die im Folgenden geschilderte unwahre Geschichte handelt von einem Ehepaar, das ich gut kenne, und ein wenig handelt die Geschichte auch von ihren sechs Hunden. Die heißen Dave, Dee, Dozy, Beaky, Mick und Gertrud. Aber ich fange mal lieber etwas weiter vorher an:
Das Paar – ich bezeichne sie der Einfachheit halber als er und sie, oder als die beiden, oder als mein Kumpel und seine Frau, oder vielleicht auch mal als O & B, weil das ihre Initialen sind – geht auf das Seniorenalter zu. Die Kinder sind längst erwachsen und aus dem Haus. Sie ist bereits in Frührente, und auch er macht keinen Hehl daraus, dass er keinen Tag länger arbeiten wird, als das notwendig ist. Demnächst hat er einen Termin zur Rentenberatung, wie er sein Umfeld wissen lässt.
Überstunden macht er schon lange nicht mehr, und wenn er es in seltenen Fällen doch mal muss, dann feiert er sie schnell wieder ab. Wegen der Work-Life-Balance. Das ist schließlich kein Vorrecht der Generation Y oder Z, oder wo immer die damit gerade sind beim Hochzählen von Generationen. Weil man Zeit nun mal nicht mit Geld aufwiegen kann.
Ich habe eigentlich nie rausgefunden, warum er seine Arbeit nicht mag. Ich weiß zwar, dass ohne ihn nichts läuft und dass ihn viele seiner Kollegen trotzdem nicht wertschätzen, aber ich habe keinen Schimmer, ob er mit sich selbst und seinem Beitrag zur Leistung des Unternehmens zufrieden ist. Ob er in seinem Job einen Sinn sieht. Sie, seine Frau, hat definitiv nie einen Sinn in ihrem Job gesehen. Sie hat halbtags gearbeitet, weil sie das Einkommen brauchten, nicht weil sie sich eine Beschäftigung oder eine sinnstiftende Tätigkeit wünschte. Warum sie das machen musste, was sie machen musste, konnte sie nie verständlich erklären. Obwohl es uns alle interessiert hat, wie es bei der Abrechnungsstelle bei den Stadtwerken so läuft, und warum man die Rechnungen nicht verstehen kann.
Beide sagen, dass die Arbeit einen vom Leben abhält, und dass man nach 45 Jahren dem Staat nichts mehr schuldig ist, und dass man es sich verdient hat, endlich mal Zeit für sich selber zu haben.
Die Wohnung der beiden ist nicht zu groß und nicht zu klein. Wenn die Kinder mal kommen und über Nacht bleiben, dann wird im jeweiligen früheren Kinderzimmer des Gastes das Bett frisch bezogen. Und wenn die Kinder eines Tages mit Kindern kommen sollten, na, dann findet sich bestimmt auch eine bequeme Lösung. Wär‘ doch gelacht.
Aber die Kinder kommen ja gar nicht so häufig. Wenn man’s genau nimmt, fast gar nicht. Mal überlegen, wann ich die Kinder des Paares überhaupt das letzte Mal gesehen habe. Hui, das könnte schon … nee, im Ernst, das war wohl zur Silberhochzeit, und die war lange bevor die Ukrainer nebenan eingezogen sind. Meine Güte, die Zeit rennt. Ich weiß noch, wie … ach, das spielt eigentlich jetzt auch keine große Rolle. Jedenfalls kenne ich das Paar sehr gut, und wenn ich die Kinder lange nicht gesehen habe, dann kommen die wohl wirklich selten.
Mehr Zeit für sich zu haben, das hätte man sich ja verdient, nachdem die Firma und der Staat einen so viele Jahre ausgenutzt haben. Guck mal, das meiste geht ja für Steuern und Sozialversicherung weg, und wofür? Man opfert seine ganze Zeit, ist ständig im Stress, und übrig bleibt fast nichts. Und danken tut einem das keiner, die Lorbeeren ernten andere.
An dieser Stelle kommt meistens das Auto seines Chefs ins Spiel, das jedes Mal etwas teurer wird und das immer direkt am Haupteingang parkt, während er morgens vom Parkplatz durch den Regen laufen muss.
Nein, nach so viele Jahren Maloche hat man es verdient, einfach mal Zeit für sich zu haben. Noch ein paar Jahre richtig leben. Zeit für seine Hobbies, Zeit für die Kinder und Enkel, Zeit für Neues. Träume erfüllen.
Das hört man ja viel. Da kann man auch nichts gegen sagen. Manche arbeiten lange auf die Rente hin und sparen sehr lange im Voraus auf etwas, um sich dann im Ruhestand einen Traum zu erfüllen. Finde ich cool, wahrscheinlich, weil ich das nie hingekriegt habe, das mit dem Sparen. Alles, was ich mir zusammengespart habe, was eigentlich mal für später, also bis sechzig oder so, auf der unerreichbar hohen Kante liegen bleiben sollte, habe ich irgendwann angezapft, um mir meine kleinen Träumchen zwischendurch zu erfüllen. So wie die Outdoorküche im Pavillon. Oder was Fernseher angeht, da habe ich gerne immer das Größte und Beste, was es gibt. Das geht nicht alles so aus der Portokasse. Da ist ein vernünftiges Gehalt schon hilfreich, aber damit meine ich natürlich nicht, dass man sich jeden Monat vom laufenden Gehalt jeden spontanen Wunsch erfüllen kann. Für das ein oder andere muss man schon etwas sparen. Oder finanzieren. Dann muss man es hinterher sparen. Wie dem auch sei, am Ende kommt alles aus dem Gehalt. Und von meinem Gehalt bleibt halt nicht übermäßig viel auf der ganz hohen Kante liegen. Andere können das. Cool! Die können sich dann im Rentenalter ihren langjährigen Lebenstraum erfüllen. Ein Boot, zum Beispiel. Ein Segelboot, wie man es immer im Urlaub vom Steg aus bewundert hat. Das muss wundervoll sein. Du bist Herr und Meister über dein Boot und trotzt den Naturgewalten. Bei Wind und Wellen, bei Sonnenschein und bei Regen.
Oder ein Wohnmobil. Spontan an die Adria und immer den eigenen Hausstand dabei. Ein verlockender Gedanke.
Wovon er denn nachts träume? Ein Segelboot? Erstens habe er keinen Segelschein, und er verstünde ohnehin nichts vom Segeln, und überhaupt, ob ich denn eine Vorstellung davon habe, was so ein Ding kostet. Und zwar nicht nur in der Anschaffung, sondern auch mit den ganzen Betriebskosten. Wartung, Pflege, Unterbringung und so weiter. Und wie viele schöne Sonnentage hätten wir denn überhaupt, wenn man mal ehrlich ist. Das Wetter ist meistens mies, und für ein paar Tage im Jahr das ganze Jahr über Kohle rausschmeißen. Nee, das wäre nix für ihn. Da müsste er ja auf alle anderen Annehmlichkeiten des Lebens verzichten, nur für drei Mal im Jahr nass werden. Nee, man müsse Prioritäten setzen.
Okay, das hatte ich alles nicht bedacht. Aber er hat natürlich recht. Wenn man an ein Segelboot denkt, hat man immer ein perfektes Bild vor Augen, immer mit Sonne, Wind, Abenteuer, Spaß. So ist das aber gar nicht. Nicht an Nord- und Ostsee. Die tollen Fotos, die wir vor Augen haben, die werden bei Sonnenschein gemacht. Die ganzen Regentage werden nicht fotografiert. Da hat er wirklich recht. Und dann die ganzen Kosten. Wenn man die Kohle nicht wirklich und buchstäblich überhat, dann kann man sich das kaum leisten. Oder man muss sein ganzes Leben umkrempeln. So in Richtung Aussteiger. Leben am Level Zero. Aber das ist nicht jedermanns Sache. Meine eher auch nicht.
Und einen richtig guten komfortablen Wohnwagen, fragte ich mal irgendwann, ihr habt doch gerne Campingurlaub gemacht. Das hat euch doch immer gefallen. Ich gebe zu, ich war die ganze Zeit sicher gewesen, dass bei den beiden so ein Lebenstraum-Erfüllungsding schlummert, dass sie einen Plan haben.
Hatten sie nicht. Bei einem Wohnwagen oder Wohnmobil sei das ja dasselbe in grün wie bei einem Boot. Hohe ständige Kosten, wenig Gelegenheit. Weil, und man merke sehr wohl, sagte er – sie sagte eigentlich nie so richtig viel – dass ich nun so gar kein Gefühl dafür hätte, was allein der Kleingarten für Arbeit mache. Touché. Habe ich nicht.
Es standen also weder ein Boot noch ein Wohnmobil auf der Agenda. Ich war etwas verunsichert, weil mir jetzt so spontan auch keine Hobbies der beiden einfielen. Sie hatten keine Ehrenämter, machten keinen Sport, keine Malerei oder Fotografie, keine Haustiere, Briefmarken, Oldtimer, Stricken, Modellbau, was auch immer. Okay, der Kleingarten. Die Parzelle. Darum muss man sich kümmern. Glaube ich. Muss man? Vor allem, taten sie das? Ich war nicht so oft dort gewesen. Mal zum Grillen. Ich hatte ein Federballspiel mitgenommen, mit extra vielen Ersatzbällen, weil ja immer welche in die Büsche fliegen. Aber dafür reichte der Platz nicht. Nach zwei Nackensteaks und zwei Bier saßen wir nur auf den Gartenstühlen und quatschten so das übliche Zeugs. Rasenmäher kaputt, aber bei der kleinen Fläche reiche wohl ein mechanischer Spindelrasenmäher. Stauden pflanzen oder ein Kräuterbeet anlegen, wozu? Drinnen weiter ausbauen, damit man hier auch übernachten kann, ach was, die zehn Kilometer kann man auch nach Hause fahren. Eine Internetleitung wäre gut hier draußen, wegen Fußball, weil der alte Parabolspiegel auch nicht mehr zeitgemäß sei. Auf der anderen Seite, zum Fußball will man ja auch mal mehr als nur ein Bier trinken, und denn wieder nach Hause, na, wie das so ist.
Ich hatte wirklich geglaubt, ohne da je nachgefragt zu haben, dass jetzt was Neues auf dem Programm stünde, so kurz vor dem gemeinsamen Ruhestand. Vom Segelfliegen bis Polarexpedition. Irgendwas. Das Geld müssten sie eigentlich haben. Ich war etwas irritiert.
Man braucht schließlich etwas um die Ohren, finde ich. Deshalb habe ich das mit meiner eigenen Rente gar nicht so richtig eilig. Keine Schulden, keine Verpflichtungen, keine Kinder, halbwegs gesund, was will man mehr. Da kann man ein wenig reisen, Konzerte besuchen, eine Dauerkarte im Stadion, immer den neuesten fetten Fernseher an der Wand, aber das erwähnte ich ja bereits. Das kann man alles genießen, aber zugegebenermaßen, das kostet doch alles ein wenig mehr, als eine Durchschnittsrente so abwirft. Wenn ich das alles weiter so behalten will, dann brauche ich wohl auch zukünftig ein Einkommen, das mit der Rente kaum abgedeckt ist.
Nun ja, kein Problem, ich arbeite gerne und meinetwegen auch noch bis siebzig oder so. Ich mach mich in der Firma nicht tot, und die Kohle stimmt. Work-Life-Balance scheine ich nicht zu brauchen. Oder ich habe sie und merke es nicht. Die Arbeit versaut mir nicht den Tag. Meistens nicht. Und wenn ich mich eines Tages etwas mehr einschränken muss, nun denn, dann möge es so sein.
Lange bevor er sie kennenlernte, kannten er und ich uns schon. Erst nur vom Sehen, dann vom Grüßen, dann vom Klönen, als wir uns beide zufällig im AC/DC Shirt in der Raucherecke trafen. Bald stellten wir fest, dass die andere alte Kreidler Florett auf dem Campus dem jeweils anderen gehörte. Aus Rauchereckenkumpels wurden Freunde, als wir uns am Samstag im Lahaina über den Weg liefen, wieder zufällig. Er war mit seiner Clique da, ich mit meiner. Ein paar Wochen später war aus zwei kleinen Gangs quasi eine vermischte große Gang geworden. Das war eine Zeit, in der die besoffene Idee, am nächsten Wochenende alle gemeinsam über die Fehmarn-Sund Brücke zu fahren und am Strand ein Flens zu trinken, auch wirklich am nächsten Wochenende umgesetzt wurde.
Ihr wollt euch also beide so schnell wie möglich zur Ruhe setzen, weil …? Hätte ich die Frage bloß nicht gestellt.
Warum ich das so vorwurfsvoll frage? Sei damit irgendwas nicht in Ordnung, wenn man nach der lebenslangen Plackerei endlich mal Freizeit genießen möchte, ohne daran zu denken, nach 14 Tagen wieder in die Tretmühle zurück zu müssen? Das hieße schließlich aus gutem Grund wohlverdienter Ruhestand, … mein Lieber. Und in einer halben Stunde ist Bundesliga, dann ist hier Ground Zero. Ich könne bleiben, Bier sei genug da, auf jeden Fall dann bitte keine Ablenkungen. Jetzt ist Wochenende.
Okay, da war ich wohl in ein Fettnäpfchen gelatscht. Warum auch immer.
Die Zeit verging, der Winter kam und auch der nächste Sommer. Ich hatte die Idee, mal wieder was unter Kerlen zu unternehmen. Mal ein paar Tage ohne die Frauen. Was man sonst nicht so macht, was mit richtig Adrenalin. Let the good times roll. Aber mein alter AC/DC-Kleidler Florett-Buddy wollte sich zuerst nicht festlegen, wegen der Termine, und sagte am Ende kurz vorher ganz ab. Am Ende waren wir eine Handvoll Jungs, aber leider nicht vollständig im Sinne des harten Kerns der alten Lahaina-Gang. Gleitschirmfliegen im Allgäu – Anfängerkurs mit Halbpension. Abends vergleichende Biergartenforschung.
Am zweiten Abend schaute ich auf mein Handy und traute meinen Augen kaum: Eine Nachricht von O, mit angehängtem Foto, darauf ein Haufen Köpfe, die in die Kamera guckten. Was zum Teufel ist das, dachte ich, obwohl ich sehr wohl gut erkennen konnte, was zum Teufel das war. Zwei Gesichter kannte ich: B & O. Sie strahlte, und er lächelte. Die anderen Köpfe gehörten keiner humanoiden Spezies an.
Der Text lautete Das sind Dave, Dee, Dozy, Beaky, Mick und Titch. Life is Rock‘n Roll.
Bevor ich jetzt näher auf die Situation eingehe und wie ich sie anfänglich einschätzte, möchte ich zwei Dinge klarstellen: Dave und Dee sind nicht zwei Personen, sondern Dave Dee ist eine einzige, und Tich schreibt sich ohne t in der Mitte.
Das Erste, was ich dachte, war Ach, du Scheiße, und das Zweite war Wie viele sind’n das?
Moment mal … eins, zwei, drei … das sind sechs Hunde! Kleine Hunde, würde ich sagen. Ich habe von Hunden überhaupt keine Ahnung, aber das sah mir nach Welpen aus. Mein Hefeweizen kam, und ich inhalierte auch gleich die Hälfte, während die anderen noch die Gläser zum Prosten in die Luft hielten. Dann sah ich wieder auf das Bild. Sechs, zugegeben sehr niedliche Welpen schauten neugierig und aufgeregt in die Kamera, oder was wahrscheinlicher ist, knapp daran vorbei. B strahlte wie eine frischgebackene Oma, O lächelte wie …, ja wie lächelte er? Aufgesetzt? Ich machte das Foto größer. Nee, aufgesetzt wirkte das Lächeln nicht. Schicksalsergeben? Irgendwie auch nicht. Wieso auch? Vielleicht, weil die ihm übers Wochenende die ganze Bude durcheinanderbringen? Weil er nicht in Ruhe Fußball gucken kann? Weil er zwar zwei alte Kinderzimmer vorhält, aber gar keinen Raum für vierbeinige Übernachtungsgäste … Moment. Übernachtungsgäste? Wochenende? Ich starrte auf das Foto. Das sah überhaupt nicht aus wie ein Schnappschuss mit Wochenend-Übernachtungsgästen. Weichzeichner-Objektiv, oder wie das auch immer funktioniert mit den verschwommenen Rändern. Harmonischer dunkler Hintergrund, O und B in weißen Klamotten, mit sechs bunten Hunden, perfekt arrangiert, mit Blitzlicht, voll professionell. Das gibt’s doch gar nicht, das war eine Studioaufnahme. Die tragen doch nie weiße Klamotten, die beiden. Ich trank das Bier aus. Da hat aber jemand Brand, sagte einer der Jungs neben mir auf der Bank, und alle lachten.
Wie alt ist überhaupt die Nachricht? Heute Nachmittag. Da waren wir in der Luft. Ich tippte in mein Handy: Was ist passiert? Es dauerte nicht lange: Wir haben Zuwachs, und ein Smiley. Ich: Sechs Hunde? Er: Das sind Welpen. Ja. 6. Waren im Tierheim. Eigentlich wegen 1 Welpe. Ist anders gekommen. Muss mich kümmern. Bis bald, HG, O.
Das ist ja’n Ding, murmelte ich vor mich hin und guckte nach der Kellnerin.
Wie alle richtig miesen Geschichten fangen auch Ausreden immer mit Also, das war so an. Das war nämlich so, dass B schon länger versucht hatte, ihm einen Hund unterzujubeln. So sagte er das aber nicht. Er sagte schmackhaft machen, nicht unterjubeln. Okay, sorry, das ist meine Bewertung. Nein, das steht mir nicht zu, korrekt, das ist …, das war mein erster Eindruck. Ich muss inzwischen zugeben, dass weder der erste Gedanke noch eine Bewertung von außerhalb automatisch zutreffend sein müssen. Nur weil ich das dachte oder so einschätzte, muss das nicht richtig sein. Okay, kapiert.
Aber dass man loszieht, zum Tierheim, nur um mal zu gucken, ob da nicht vielleicht gerade aktuell ein Hund wohnt, wo gleich die Chemie stimmt. Wo gleich der Funke überspringt. Wo man denkt, das hat so sein sollen, der gehört zu uns. Dass man im Tierheim nach einem – wohlgemerkt einem – Hund guckt, der vielleicht geeignet ist, und dann an Ort und Stelle gleich einen ganzen Wurf adoptiert, einen ganzen Sechserträger, das ist schon echt strange, sagte ich. Wenn du dir da mal nicht zu viel an die Backen geholt hast.
Na ja, sagte mein alter Kumpel, du warst erstens nicht dabei, als sich der Gedankenprozess so nach und nach langsam entwickelte, und du warst auch nicht mit im Tierheim. Eigentlich gehst du gerade mal wieder nur von dir aus und meinst, es kann nur richtig sein, was du richtig findest.
Na, so hatte ich das doch gar nicht gemeint. Man muss doch nicht gleich muksch werden, oder? Und was soll das jetzt überhaupt, es geht doch gar nicht um mich.
Sorry, sagte ich, so habe ich das nicht gemeint. Werd mal nicht gleich muksch. Es geht ja nicht um mich. Ich muss zugeben, dass ich immer etwas irritiert war, dass du dich auf den Ruhestand freust, dass du aber überhaupt nichts damit anzufangen weißt. Außer das tun, was du immer schon getan hast. So hört sich das für mich immer an. Da habe ich einfach die Befürchtung, dass du unzufrieden mit dir und der Welt sein wirst, weil du eigentlich gar keine Verpflichtungen willst. Weil du nichts ändern möchtest. Weil du, entschuldige, ist nur ein Beispiel, lieber in Ruhe Bundesliga guckst, als etwas Neues auszuprobieren.
Hör zu, mein Alter, sagte O. Vielleicht bin ich nicht immer so spontan wie du, vielleicht bin ich ein Mensch, der etwas vorsichtiger an alles rangeht. Vielleicht habe ich deshalb nicht eine solche Karriere gemacht, wie du, und ganz sicher lief bei mir nicht alles immer so hipp und schickimicki wie bei dir. Aber, vielleicht wollte ich das auch gar nicht. Vielleicht läuft bei mir in meinem Leben nicht immer alles so, wie du dir das vorstellst, wie es gefälligst zu laufen hat. Das muss es aber auch gar nicht, weil es ja gar nicht dein Leben ist. Und selbst wenn bei mir nicht immer alles so läuft, wie ich es mir selber vorstelle, ist es auch dann überhaupt nicht deine Baustelle, sondern meine. Und mal ehrlich, du hast keine Kinder, weil du nie welche wolltest, bist aber dreimal geschieden, deine zwei Geschwister reden nicht mit dir. Alter, ich glaube, dass auch bei dir nicht alles immer so läuft, wie du dir das gedacht hast. Nimm mir das nicht übel, bitte, aber du redest manchmal so, als würde das Leben einem Skript folgen, so wie deine Programme das tun. Nehme ich an.
Er lächelte wieder dieses seltsame Lächeln wie auf dem Welpenfoto. Das Leben folgt aber keinem Skript, setzte O nach.
Ich spürte einen Kloß in der Magengegend. Bevor ich etwas zu meiner Verteidigung stammeln oder der Augenblick noch erniedrigender werden konnte, sagte O, ich solle mich setzen, er hole uns erst mal ein Bier. Das gab mir Zeit, mich zu sortieren. Wenn ich nur wüsste, wo man da anfängt.
Pass mal auf, sagte O, als er sich zu mir setzte, hör zu und quatsch nicht dazwischen, okay? Wir stießen mit den Flaschenhälsen an und tranken erst mal einen ordentlichen Schluck.
Der Gedankenprozess ist zwar etwas länger gelaufen, aber am Ende nahm er dann doch Fahrt auf. Und du bekommst jetzt eh nur die Kurzfassung, sagte er.
Uns einen Hund zuzulegen, ist kein neuer Gedanke. Meine Teuerste wünscht sich das schon etwas länger, ich musste mich damit erst mal anfreunden. Ja, ich bin ein Gewohnheitstier.
Einfach nichts machen und abwarten, dachte ich, das geht schon wieder vorbei. Das ist ja häufig so, dass man sich in einen Gedanken verliebt, so wie du mit deinem ewigen Gedrängel, man brauche ein Boot oder einen Wohnwagen. So ein Gedanke ist ja immer ganz nett, bis man die Konsequenzen an den Hacken hat. So wie du immer meinst, wie toll das ist, wenn ein Boot im Sonnenschein durch die Wellen gleitet, stellt meine Teuerste sich vor, wie ein Hund neben einem herläuft oder Stöckchen holt oder sich zu dir kuschelt. Dass der aber auch Futter braucht oder öfter mal zum Tierarzt muss, das blendet man ja erst mal aus. Auch das mit dem Gassi gehen, das stellt man sich immer so romantisch vor. Wenn du zum Hundehalter sagst, hey, so’n Hund muss täglich zwei, drei Mal raus, dann kriegst du zu hören, ja, dann kommt man endlich mal vor die Tür. Super Argument. Echt. B und ich vor die Tür, wenn einem der Graupel waagerecht ins Gesicht weht. Du weißt, was ich meine. Und wer ist dann schlecht gelaunt, wenn der Köter den ganzen Schneematsch mit reinschleppt? Ich nämlich nicht. Ich darf mir das ganze Gequake aber anhören. Und den Flur wischen. Während B den Hund badet, weil der ja so süß ist.
O lachte und trank. Kein sarkastisches Lachen, sondern ein amüsiertes. Das war meine Meinung dazu, sagte er. Die Argumente habe ich alle vorgebracht. Dann habe ich gewartet, bis der Wunsch bei B wieder verblasst. Die hat aber irgendwann gesagt, wir könnten uns doch einfach mal im Tierheim umsehen. Nur gucken. Alles klar! Nachtigall, ick hör dir trapsen. Der Plan war ja wohl durchschaubar. Ich soll die Viecher niedlich finden und Mitleid kriegen, und schon haben wir auf der Rückfahrt acht Beine im Auto. Ja, ja!
Nee, nur gucken, hat B mir versprochen, ganz ehrlich. Mal gucken, wie sie dann darüber denke, ob sie dann vielleicht ihre Meinung ändere, meinte sie.
Also, das Ende vom Lied: Ich habe mich breitschlagen lassen, und wir sind zum Tierheim. Klar, hätte ich wissen müssen, dass B’s Versprechen nicht allzu viel wert sind. Ich fahr ja auch mit zum Weserpark, weil B Schuhe gucken will. Nur gucken. Und dann schlepp ich die Tüte. Er lächelte dieses komische belustigte Lächeln, mit verschmitzten Augen. Verliebte leuchtende Augen. Was ist das denn?
Lange Rede ohne Sinn, sagte O, wir also zum Tierheim. Nur gucken. Und zu gucken gab’s da einiges. Und Scheiße, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich war keine fünf Minuten drin in dem Laden, da war mir klar, dass mich die Schicksale der Tiere berühren. Ich weiß nicht, was die erlebt haben, aber du kriegst schnell das Gefühl, dass du handeln musst. Fast, als ob es meine Pflicht wäre, wenigstens einen zu retten. Um ehrlich zu sein, ich weiß doch gar nicht wirklich, ob es den Hunden im Heim gut oder schlecht geh. Gut, denke ich, klar, dafür ist das ja da, aber ob sich jemand wirklich um die einzelnen Hunde kümmert, da hatte ich auch vor Ort kein Gefühl für. Du hörst von den Mitarbeitern viel tierliebes Zeug, logisch, und von Spenden und zu wenig Geld, und dass jedes Hündchen ein schönes Zuhause verdient. Du weißt ja, in gute Hände abzugeben und so. Die tun also super tierlieb, und gleichzeitig suggerieren sie dir, dass die Tiere es bei dir noch besser haben.
Ich wollte den Mund aufmachen, kam aber nicht weit. Ich weiß, ich weiß, das gehört zu deren Arbeit dazu, sagte O. Die versuchen, dein Herz zu erwärmen, und weißt du was? Bei mir hat’s geklappt. Und wieder lächelte er dieses irritierende Lächeln, das ich früher nicht an ihm kannte. Oder nicht gesehen hatte?
B hatte wohl ordentlich gequietscht, so in der Ferne, in einem anderen Raum oder Gehege oder Saal oder wie man das in einem Tierheim so nennt. So laut, dass O das durch den Korridor hören konnte und erschrak. So laut, dass er in der ersten Zehntelsekunde dachte, sie sei gebissen worden. Aber während er durch den Korridor hastete, hörte er erneutes Quietschen und ein lautes Oooooaaaaah, neee! So wusste er bereits bevor er B erreichte, dass es ihr gut ging. Weil das ein Verzückungsschrei war. Und er auch sah, warum. Wegen der sechs hektischen hellbraunen Wollknäuel, die um B herumwuselten und versuchten, an ihr hochzuklettern. So erzählte O das. Er erzählte auch, dass er einfach keine Widerworte fand, als B sagte, am liebsten würde sie alle mitnehmen. Und dass er sich wunderte, warum er keine Widerworte fand. Und dass er mit Überlichtgeschwindigkeit das Bild der sechs kleinen Gremlins in seinem Wohnzimmer mit allen anderen Plänen abglich, die auf dem Tisch lagen, und die Konsequenzen abwog, für einen kurzen Moment das Licht sah, metaphorisch natürlich, also vom Blitz oder sowas getroffen wurde, und eine seltsam irrationale Entscheidung traf. Nach eigenen Angaben hatte er B angesehen und gesagt: Ja, das müssen wir wohl.
Waaaas, sagte ich, du kommst um die Ecke, und innerhalb einer Sekunde triffst du eine solche irrationale Entscheidung, weil deine Frau quietscht? Du? Du machst doch nie was Spontanes! Und wieso lächelst du eigentlich die ganze Zeit so komisch?
Das Ganze ist jetzt fast ein Jahr her. Ich habe die beiden eigentlich gar nicht mehr gesehen. Wenn, dann immer nur kurz, wie letztens, als ich mir eine Motorsense geliehen hatte. Auf ein Bierchen im Kleingarten, mit den ganzen Viechern um mich herum.
Die Kinder kämen öfter vorbei, und manchmal würden sie auch Hundesitting machen, wenn B & O mal für ein paar Tage wegfahren. Die haben Städte- und Kulturreisen für sich entdeckt. Historisch interessante Städte und deren Umland. Wie kürzlich: ein paar Tage im Salzkammergut. Okay. Keine Ahnung wo das ist. Ach, und endlich sei auch ein Enkelkind unterwegs, aber was es wird, das wissen auch die werdenden Eltern noch nicht.
Die Hunde parieren auch tatsächlich gut. Gehorchen auf’s Wort. Alle Achtung. Und sie scheinen mich zu mögen, obwohl ich sie nicht mag.
Einer von ihnen sah irgendwie nicht so aus wie die anderen. Dunkler. Und etwas größer.
Titch, ich glaub, O hat ihn im Kopf immer noch mit einem T in der Mitte buchstabiert, war gestorben am 14. Februar 2024. Er war plötzlich tot, und sie wussten nicht warum. Es hört sich so an, als ob für das Paar eine Welt zusammenbrach.
Und genau einen Monat danach, auch am fünfzehnten, fanden sie auf einer Rückfahrt von Hannover kommend an der Autobahnraststätte Goldbach einen Hund, der alleine angebunden an einer Bank saß und winselte und alle Leute ansah. Sie machten sich Gedanken, ja klar, aber vielleicht hat das ja alles seine Ordnung und Herrchen ist mal eben pinkeln. Sie fuhren weiter und drehten am Bremer Kreuz wieder um, fuhren zurück bis Verden Nord und drehten erneut. Und wieder zur Raststätte nach Langwedel. Der Hund war noch da und sah sie erwartungsvoll an, als sie sich näherten. Entweder eine Sie, dachten die beiden, oder auf dem Halsbandanhänger stand der Name der Besitzerin. Da war jedenfalls niemand nur mal eben weg zum Pinkeln. Der Hund war ausgesetzt. Auf dem Halsband stand Gertrud.
O hat sich einen neuen Plattenspieler gekauft. Die sind ja wieder hipp. Und ein paar alte neu aufgelegte Platten. Das hat vielleicht alles so sein sollen, meint er. Auch mit Titch’s Unfall. So traurig wir darüber sind, meint er, wir können es nicht ändern. Er lächelte wieder dieses komische Lächeln. Gertrud ist jetzt in der Band.
- Mark O’Beck, Oktober 2025
Hobbyfotografenparagraphenstrafen (Groteske)
Auf Hobbyfotografenwettbewerbsmeldewohnsitzadressengesetzbetrug stehen nach §23 Abs.11 Abschn.b des niedersächsischen Hobbyfotografenwettbewerbsmeldewohnsitzadressengesetzes HFWMWoSiAG von 1794 (damals alle „f“ noch als „ph“ geschrieben, entsprechend des Preußischen Oberverwaltungsbeschlusses zur Rechtschreibung von Akro-, Nekro- und sonstigen Nymen, eingereicht vom F- und PH-Ausschuss. Ausschuss wurde damals allerdings noch mit SZ, volkstümlich als „ß“ geschrieben, buchstabiert, was im Verzuge der hitzigen f-ph-Debatte an den Sz- und Th-Ausschuss (die Endung ß war zulässig und gewünscht) zur Klärung zurückgegeben wurde. Es sei hier angemerkt, dass der Protokollant die Ausschusssitzung (mit 3 s, das wurde gesondert an einen Ausschuss (hier wieder ß empfohlen) empfohlen) unterbrach, um festzulegen (fest zu legen), ob und wie der Ausdruck „zurückgegeben“ dokumentiert werden solle) empfindliche Strafen.
Man muss (ß ?) schon den Hut ziehen vor der Weitsicht, die der Gesetzgeber hier fast 100 Jahre vor dem technischen Wechsel von Öl- oder Aquarell-Bild-Dokumentationen auf die Belichtung komischer Platten mit hellen Stellen hat walten lassen.
Dennoch ist das Thema brandaktuell, wie der Fall des Hobbyfotografenwettbewerbsmeldewohnsitzadressengesetzbetruges zeigt, der sich jüngst im nördlichen Niedersachsen zutrug.
Als ähnlich weitsichtig könnte sich das Gesetz zur Vermeidung der Nachahmung und des Verstoßes gegen Urheberrechte von Videos erweisen, deren wesentlicher Erzählstrang Themen im Umfeld von Shanty- oder Posaunenchören behandelt, die auf der Schattenseite von Planeten des äußeren Rings mit einer Oberflächentemperatur von durchschnittlich unter 45 Grad minus proben.
Auch hier hat der Gesetzgeber vorausschauend gehandelt, Lücken geschlossen und Unsicherheiten vorgebeugt.
Blödheit und Missgunst (Blickwinkel)
Gedanken über den Zustand der Gesellschaft an einem nebligen Samstag im Februar 2026
Manchmal denke ich verblüfft: so doof kann man nicht sein. Was für eine abgrundtiefe Blödheit! Anders kann man sich das manchmal gar nicht erklären. So tolerante Umschreibungen wie unausgewogen, unreflektiert oder undifferenziert treffen es genauso wenig wie das schon etwas härter formulierte bildungsfern.
Mein Auslöser, einige assoziative Gedanken zu diesem Phänomen der sich stark verbreitenden Dummheit zu formulieren, war ein Video im Internet. Ein junger Mann, der sich zuerst abwertend über Homosexuelle auf dem CSD äußert, nennt Sekunden später Alice Weidel eine super Frau. Darauf angesprochen, dass die ebenfalls lesbisch sei, ist er augenscheinlich überrascht. Er bleibt aber dabei, dass Alice Weidel eine super Frau sei, obwohl lesbisch. Okay, denkt man für einen Moment, da brennt womöglich doch noch ein klitzekleines Licht der Toleranz. Die Reporterin fragt darauf hin, ob es dann nicht auch denkbar sei, dass sich unter den Teilnehmern des CSD ebenfalls super Leute befänden. Nein, sagt der junge Mann, natürlich nicht, die seien ja alle schwul und lesbisch. Oh Mann, also doch kompletter Stromausfall.
Wollen wir einmal annehmen, dass dieser Junge in puncto Intelligenz nicht den Durchschnitt repräsentiert, sondern wirklich den absolut unteren Rand der des Lesens und Schreibens mächtigen Deutschen Normalbürger. Und gerne lassen wir auch gelten, dass jemand, der es nicht gewohnt ist, in eine Kamera und ein Mikro zu sprechen, nervöser als sonst reagiert und sich leicht verhaspelt. Räumen wir also ein, dass dieses Video nicht repräsentativ für des Volkes Intelligenz ist, und dass wir demzufolge aus diesem Video keine allgemein gültigen Schlüsse über die Qualität der Bildung in Deutschland ziehen können. Okay … gut. Moment. Oder können wir das doch?
Dieses Video, geteilt auf Facebook, ist von den AfD-nahen Surfern natürlich nicht durch viele Beiträge aufwertet worden. Die Profile hinter den 857 Emojis entpuppen sich in diesem Fall eher als gemäßigte liberal denkende Menschen. Alle Profile habe ich natürlich nicht angeschaut, aber ich habe nichts Nationalsozialistisches gefunden. Schon mal erleichternd. Auch in den 349 Kommentaren habe ich keine Hasskommentare oder Nazi-Slogans gefunden. Die meisten Beiträge zeigen sich erschrocken oder frustriert über die Dummheit des Jungen. Ja, kann ich verstehen. Das geht mir auch so.
Ein Kommentar sticht etwas heraus. Mit einem Erklärungsversuch. O-Ton:
Ich würde nicht sagen, dass er dumm ist. Er ist uninformiert und unreflektiert - durch die Einstellung wird er Anschluss gefunden haben. Und den Leuten, die ihn in ihrer “Clique” aufgenommen haben, plappert er nach. Mitläufer eben.
Menschen wollen sozialen Anschluss finden. Die Rechten arbeiten seit jeher damit, indem sie aktiv auf Leute zugehen - man hat ja eine Gemeinsamkeit, und wenn es nur die Herkunft ist. Linke müssten mehr offensive Gegenangebote machen.
Ich denke schon, dass der Kommentator die Psyche, das Szenario und die darauf abgestimmte Herangehensweise des Nazipacks richtig einordnet, dennoch sehe ich zwei Dinge kritisch:
1. Die Blödheit des Jungen zu verharmlosen
2. Offensive Gegenangebote der Linken als Lösung zu sehen
Ich möchte hier gerne einmal auf beide Punkte eingehen:
1. Dummheit
Es sind nicht alle Menschen von Natur aus gleichermaßen begabt, und wir müssen natürlich auch zulassen, dass sich die Begabungen und Interessen der Menschen unterschiedlich entwickeln. Traditionen, Regionale Mentalitäten, Familiengeschichten und was auch immer sonst noch hier eine Rolle spielen mag, beeinflussen die Entwicklung und die Ziele der Menschen. Das ist auch alles okay. Auch die individuellen Charaktere sind unterschiedlich und auch das ist voll okay.
Nicht jeder ist der perfektionistische Karriere-Typ. Nicht jeder muss ein Einser-Abi hinlegen und Medizin studieren können, weil das nämlich gar nicht jeden glücklich macht. Wenn jemand den elterlichen Hof übernehmen möchte, oder in die Fußstapfen des Vaters oder der Mutter als Handwerker/in treten möchte, ist das natürlich in Ordnung, und irgendwie sogar wünschenswert, vor allem, wenn dadurch Traditionsbetriebe am Leben bleiben.
Und manch einer mag schlicht und ergreifend auch mit weniger zufrieden sein, weniger im Sinne von Status und Reichtum, und darin Erfüllung finden. Auch das ist okay, solange er nicht erwartet, für selbst gewählten Müßiggang materiellen Luxus von der Gesellschaft bezahlt zu bekommen. Aber das sollte ohnehin klar sein.
Was ich überhaupt nicht okay finde ist, dass Bürger, egal welchen Alters, Geschlechts, Berufs, und egal welcher Herkunft oder Religion, zu ungebildet sind, um das Grundgesetz und die für das tägliche Miteinander geltenden Gesetze zu kennen, zu verstehen, wie unser politisches System funktioniert (inklusive der Sozialsysteme). Es ist nicht okay, dass sich kaum einer mit Geld und Finanzen auskennt oder die Europäische Zinspolitik begreift, die Gewaltenteilung des Staates, die Gesetzgebung, die Zusammensetzung der Benzinpreise. Dass die Bildung nicht ausreicht, um die Anforderungen der heutigen Berufsbilder zu bedienen, geschweige denn, dass die Grundrechenarten und die Deutsche Sprache auch nach neun Jahren Grund- und Hauptschule voll beherrscht werden. Es ist überhaupt nicht okay, dass es fundamental an Allgemeinbildung mangelt.
Und all dieses trifft bei weitem nicht nur auf Migranten zu, sondern in der Masse vor allem auf deutsche Staatsbürger mit deutschen Wurzeln. Das darf alles nicht sein, und das muss auch alles nicht sein.
Es muss Aufgabe des Staates sein, entsprechende Bildungsmöglichkeiten bereitzustellen und deren Nutzung von den Bürgern auch einzufordern.
Die Menschen reden doch ziemlich viel dummes Zeug. Aus den meisten Slogans und Sprüchen und Begriffen hört man Neid und Angst heraus. Suggeriert wird dadurch aber immer und ausnahmslos, dass jemand anderes daran die Schuld trägt, dass es uns, oder vielen von uns, vermeintlich oder real an Sicherheit und Wohlstand mangelt. Geredet wird aber nicht konstruktiv darüber, wie man Sicherheit und Wohlstand gewinnt, sondern die Reden, Aufrufe, Parteiprogramme, Artikel, Internet-Memes und so weiter faseln über Aufreger: Remigration, länger arbeiten, Work-Life Balance, Kulturfremde, Schmarotzer, Benzinpreise, die da oben, wir hier unten, unsereins, bla bla bla. Die Liste des verbalen Kotzens ist lang. In der Bahn, in der Umkleide, im Internet, in der Firma. Und natürlich auch in der Schule oder Berufsschule, wo nachgeplappert und sich angebiedert wird. Ohne Wissenshintergrund. Ohne Lösungen. Ohne nachdenken zu müssen oder sich selbst einbringen zu wollen (nein, wie geil bequem, oder?). Ich kann doof sein wie 100 m Feldweg, aber ich darf das Maul aufreißen, weil a) die anderen die Schuld haben und b) niemand von mir Hintergrundwissen oder gar Lösungsvorschläge verlangt. Nur getrieben von Neid auf andere, von deren Lebensleistungen ich im Einzelfall überhaupt nichts weiß. Nur weil ein anderer, der genauso blöd ist wie ich, auch nur etwas nachplappert. Der Junge in dem Video ist, schuldhaft oder nicht, doof wie Bohnenstroh.
Faschismus muss zuerst die Dummen begeistern, um dann die Klugen zu entmündigen.
Politik, da ist Handlungsbedarf. Kein Gequatsche, das keiner versteht. Eine ehrliche klare und kompromisslose Bildungspolitik. Der Sozialstaat muss sicher zurückgefahren werden, das kann er aber nur wirksam, wenn die Menschen in Deutschland wieder etwas leisten können, leisten dürfen und vielleicht auch leisten müssen. Wohlstand für alle heißt, dass alle mitmachen dürfen und dass wir alle mitmachen lassen, die das wollen. Und letztendlich, dass das auch jeder irgendwie im Rahmen seiner Möglichkeiten muss. Das entlastet irgendwann später die Sozialsysteme.
Die Transparenz der Systeme, Einsicht in das, was die Politiker tun, verständlich und ehrlich kommuniziert, gepaart mit einer für jeden zugänglichen Minimalbildung, aber bitte auf hohem Niveau. Bei dem Begriff Pisa sollte man als erstes wieder an einen Turm denken. Na, wie wäre das? Eine ziemliche Herausforderung für so manchen Berufspolitiker, oder? Nicht taktieren, sondern frei heraus offenbaren, was man erreichen will. Die Gesellschaft in den Vordergrund, nicht die Partei. Fehler eingestehen und zulassen. Nicht lügen! Rattenfänger dumm dastehen lassen! Ich glaube, damit rücken wir dem Neid, der Angst und dem Hass zu Leibe.
Neid und Unzufriedenheit gedeihen gut auf Blödheit. Bildung gefährdet Blödheit.
2. Gegenangebote der Linken
Ich glaube, aus meinen vorangegangenen Zeilen ist schon zu entnehmen, dass es mir so ziemlich scheißegal ist, wer welche Partei wählt, solange es bei Wählern und Gewählten um ehrliche, ehrenhafte und leidenschaftliche Menschen geht, die etwas für die Gesellschaft tun wollen. Die etwas leisten wollen, damit wir alle ein lebenswertes Leben haben, und damit unsere Nachkommen ebenfalls in Sicherheit und Wohlstand leben können. Ewas, dass uns allen hilft.
Ich komme an dieser Stelle nicht umhin, kurz zu formulieren, wie meiner Ansicht nach die politischen Ziele unserer Gesellschaft lauten müssten:
- Sicherheit (sozial, körperlich/geistig, Schutz vor Kriminalität)
- Freiheit (Demokratie auf Basis des Deutschen Grundgesetzes, Mobilität, Individualität)
- Wohlstand (alle Grundbedürfnisse müssen gedeckt sein, jeder kann sich und seine Familie durch seine Arbeit selbständig versorgen)
- Klima- und Umweltschutz als Überlebensstrategie für unsere Nachkommen
Dafür reichen eine Handvoll Volksparteien aus, egal ob die konservativ oder linksliberal sind. Am besten sollte von allem etwas dabei sein, denn das sind optimalerweise nur operative Strömungen, die sich weniger um das Was als um das Wie streiten. Das Parlament pendelt das ein.
Gegenangebote von Rattenfängern mit roten Fahnen sind genauso unehrlich wie die von den naziblauen Rattenfängern. Die Welt ist besser ohne Rattenfänger dran, seien sie religiös oder nationalistisch oder sonst irgendwie ideologisch motiviert. Ich halte das nicht für aufrichtig.
Sicherheit, Frieden, Wohlstand und Zukunft erreichen wir nicht durch Idioten-Manipulation, sondern durch Bildung.
Mark O’Beck
P.S.
Der obige Text behandelt aufgrund seiner Kürze nur ansatz- und auszugsweise die komplexe allgemeine Entwicklung der (deutschen) Gesellschaft, und nur aus wenigen ausgewählten Blickwinkeln. Selbstverständlich ist das Gesamtthema wesentlich umfangreicher. Ich war versucht, in meinen Text Aspekte wie Qualitätsverlust und Leistungsabfall in der Wirtschaft einzubeziehen, oder auf den nur kurz angedeuteten Sozialbetrug einzugehen, der sehr wohl existiert, und der von Nazis gerne mit der Duldung oder Abschiebung von Menschen ohne Deutsche Nationalität verknüpft wird, also mit der eigenen Opfer-Mentalität, nicht aber das Schmarotzertum per se anprangert.
Das alles sind sehr komplexe abendfüllende Themen und Probleme, die sich kaum durch Klugschiss oder Stammtischstrategien lösen lassen. Richtig wertvoll wäre so manchmes Mal, wenn unsere Volksparteien mehr klare Haltung zeigten, und wenn sie diese klare Haltung differenziert und ehrlich ausformulierten.
Filmangst (Poem)
Ein Gesicht im Spiegel.
schaut in meine Augen,
Auf meine Lippen, meine Adern, meine Falten
Eine Bewegung im Spiegel, hinter mir,
Ein dunkler Schatten
Läuft durch den Raum
Da ist ein Clown im Schrank.
Eine Hand kommt aus der Erde.
Eine Katze auf den Mülltonnen
Ein Messer in der Schublade.
Eine Spinne im Türrahmen.
Etwas unterm Fenster, die Blätter rauschen,
Ein Paar Füße unterm Vorhangsaum.
Ein Gesicht unterm Eis, die Hände tasten.
Ein Schrei ohne Ton.
Eine blaue Hand im Kühlschrank
Ich renne, und ich renne.
Der Wagen springt nicht an
Der Schnee ist rot
Mein Gesicht im Spiegel,
Dreht sich weg.
Mos Eisley Hafenbar (Poem)
In der Mos Eisley Hafenbar
Kommt keine Bordsteinschwalbe klar
Das Publikum ist echt exotisch
Für Humanoiden eher unerotisch
Obwohl, Freier würde es wohl geben
Die meisten aber voll daneben
Tröten an der Nase statt, auf dem Kopf Antennen
Und zwischen den Tentakeln erst
Das woll‘n wir gar nicht nennen
Doch der Sound ist cool, geht voll ins Blut
Hypnotisch, Psychodelisch intoniert
Die Cantina Band reißt jeden mit
Der sich für Mucke interessiert
Heller Rauch in dunklem Raum, Gläser auf dem Tresen,
Ein Jagdgebiet fürs Dienstgewerbe
Wär’s ja durchaus gewesen.
Doch in der Mos Eisley Hafenbar
Sind Gentlemen und Cowboys rar
Ein guter Ruf ist hier nicht wichtig,
Das Business an den Tischen undurchsichtig
So kannst du hier nach kurzem Suchen
Transporte nach woanders buchen
Zum Beispiel um ins All zu ziehen
Um deinen Gläubigern zu entfliehen
Hast du ‚nen Falken, startbereit
Und ‚nen Wookie, blitzgescheit
Dann leere schnell noch ein paar Flaschen
Und fülle dir noch mal die Taschen
Denn dann geht‘s ab in den Hyperraum
Mit Macht und Glanz und Gloria
Und erfülle uns den Freiheitstraum
wie in Lampedusa und Moria
Piratenträume werden wahr
In der Mos Eisley Hafenbar
P.S.
Als ich diese Zeilen schrieb, sollten sie lustig sein, und vielleicht etwas zynisch. Das mit dem Flüchtlingslager in Moria war beabsichtigt, als Schocker sozusagen, und als Kontrast zu den lustig durchgeknallten Versen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch keine Vorstellung, was sich einige Monate später am Airport in Kabul ereignen sollte. Die Welt kann grausam sein. Den Millenium Falken gibt es nur im Film. Da gucken wir begeistert hin, wenn ein Glücksritter dem Bösen ein Schnippchen schlägt. Wo wir überall weggucken ...
Mark O'Beck, 2021
Rauschen bis ich die Augen öffne (POEM)
Rauschen, bis ich die Augen öffne
Gras im Wind, Gras an der See,
Gras im Wind am nahen Bach.
Die Hecke hier am Grundstücksrand,
Der Efeu dort an Schmitzens Dach
Störche, Reiher, Schwalben und so
Über mir voll das Gewimmel
Flugzeuge oben nach Süden und Norden,
Pinseln Streifen an den Himmel
... wenn ich die Augen öffne … und wieder schließe.
Die alte B6 geht runter nach Bremen,
Und rauf geht sie bis an das Meer
Man kann sie hören, doch stör'n tut's nicht
Das Rauschen im Garten ist so viel näher
Rotkehlchen, Amseln, Meisen,
Störche, Reiher, das ganze Gefieder
Seh‘ ich im blauen Himmel kreisen
Die Eiche füstert Sommerlieder
... wenn ich die Augen öffne … und wieder schließe.
Der leichte Wind, des Nachbars Zeitung,
Erfüllt von Brise und Meer in den Ohren
Nachbars Kinder haben Spaß,
Sind laut und glücklich, und bestimmt pitschnass
Mark O’Beck, Sommer 2021
